Tapas auf der Piste

Helge Sobik
27. Jänner 2007, 17:51
  • Vom Strand in die Berge ist es in Andalusien ganz nah. Da Europas südlichstes Skigebiet bis auf knapp 3000 Meter reicht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ausreichend Schnee vorhanden ist, gar nicht gering.
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    Vom Strand in die Berge ist es in Andalusien ganz nah. Da Europas südlichstes Skigebiet bis auf knapp 3000 Meter reicht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ausreichend Schnee vorhanden ist, gar nicht gering.

Mick Jagger, Madonna und Fernando Alonso waren schon dort: Von der Costa del Sol zum Wedeln auf die Pisten der Sierra Nevada

Das Dach der Iberischen Halbinsel ist weiß - mindestens von November bis April: die Sierra Nevada - das ist Spaniens größtes, höchstgelegenes und beliebtestes Ski-Gebiet. Die Gondeln fahren bis auf knapp 3000, die Abfahrtspisten reichen bis auf 3300 Meter Höhe. An schönen Tagen tummeln sich hier über zehntausend Wintersportler - bislang kaum deutschsprachige, vor allem Spanier, Engländer, Südamerikaner. Und solche Tage gibt es viele: weil es meist nur im November und Dezember schneit und danach bis in den April hinein fast immer sonnig und klar ist - bei Temperaturen, die meist nur ein paar Grad unter dem Gefrierpunkt liegen.

Stiere im Schnee

Wer sich die schmale Serpentinenstraße in Europas südlichstes Skigebiet mit dem Auto hinaufschraubt, kommt an den typischen pechschwarzen andalusischen Osborne-Werbetafeln mit dem Umriss eines Stieres vorbei. Nur stehen die Riesen hier mit den Füßen im Schnee. Ein paar Meter weiter jagt in der Kurve ein stilisierter Rennläufer aus Holz und Farbe auf Schlittschuhen über eine Sperrholztafel und wirbt für die nächstgelegene Eislaufbahn. Julio Iglesias nimmt regelmäßig diesen Weg an den Stieren vorbei, Antonio Banderas und Melanie Griffith kommen oft übers Wochenende aus ihrem Haus in Marbella zum Skifahren hier herauf. Kronprinz Felipe und König Juan Carlos, beide begeisterte Wintersportler, zählen zu den Stammgästen. Sogar Madonna war schon ganz privat und nahezu unerkannt dort.

Fernando Alonso ist der einzige Star

Und selbst Mick Jagger landete einmal mit dem Hubschrauber auf dem Asphalt der mehrspurigen Parkhauseinfahrt von Pradollano. Viele haben den spektakulären Auftritt gesehen, keiner wusste, wer der Heli-Passagier mit Spiegel-Brille, Mütze, diesen merkwürdigen Lippen und dem dicken Anorak war - und letztlich war es den meisten auch egal. Zehn Minuten später stand er in der Liftschlange, und keiner interessierte sich mehr für ihn. "Viele Prominente kommen hierher", erzählt Skilehrer Pablo Ruiz de Almirón, der schon Spaniens Erfolgsskifahrerin Maria José Rienda als Elfjährige trainierte. "Die kombinieren Strandspaziergänge an der Costa del Sol oder Shopping- und Kultur-Trips ins 32 Kilometer entfernte Granada mit Wintersport hier oben bei uns. Und wirklich umlagert wird nur einer: Fernando Alonso!"

Der spanische Formel-1-Rennfahrer bevorzugt die mit 5,9 Kilometern längste Abfahrtspiste der Region und ist auch auf Skiern sofort an seinem Fahrstil zu erkennen, der sich als "recht weltmeisterlich" und "ein bisschen gewagt" umschreiben lässt. Beim Boxenstopp gibt es Tapas und Bocadillos, und im Ziel muss Alonso regelmäßig Autogramme geben. Bereitwillig krakelt er seinen Namenszug, wohin auch immer ihn die Fans haben wollen. Nur aus dem Après-Ski-Rummel hält er sich heraus: keine Mojitos in den Bars, keine durchtanzten Nächte in den vielen Discos. Skilegende Alberto Tomba ist da temperamentvoller: Vor Jahren hat er hier bei der Abfahrts-weltmeisterschaft zwei Goldmedaillen gewonnen. Jetzt kehrt er regelmäßig an die Stätte seines großen Triumphes zurück, feiert sich selbst - und die Nächte durch.

Dünne Luft

Acht Eisbären pro Minute bewegen sich täglich zwischen neun und 17 Uhr Richtung Gipfel. Sie kleben als lebensgroße Werbelogos einer spanischen Bank an den Seilbahnkabinen von der Station in Pradollano ins einen Kilometer höher gelegene Borreguiles, rauschen hoch über den Köpfen der wieder talwärts wedelnden Skifahrer und Snowboarder hinweg in Richtung von Spaniens höchstem Gipfel. Bereits ein paar Meter von der Bergstation entfernt knirscht der Schnee, als liefe jeder durch ein Meer aus Styroporkügelchen, die in alle Richtungen unter Skiern oder Schneeschuhen zu fliehen scheinen.

Die Winter-Wanderer, die diesen Vormittag in Schneeschuhen hinter Pablo Ruiz in Schräglage den Hang entlangstapfen, machen kleine Schritte, bis sie sich an die dünne Luft gewöhnt haben. Tief versinken sie im weichen Weiß, klettern breitbeinig durch den Pulverschnee. Sie lassen sich von den Sonnenstrahlen wärmen und beobachten durchs Fernglas die seltenen spanischen Steinböcke, sehen am Horizont das Mittelmeer - bis Ruiz das Fernglas in Gegenrichtung hält und in 100facher Vergrößerung die Pisten anpeilt: "Der da", sagt er, "im roten Dress! Unverkennbar! Der Fahrstil! Das ist Alonso!" (Helge Sobik/Der Standard/ RONDO/19.01.2007)

Anreise: Zielflughäfen für die Sierra Nevada sind Granada und Málaga, z. B. mit der Lauda
Allgemeine Infos: Spanisches Fremdenverkehrsamt
Sierra Nevada
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und:

wenn man Anfang März (mit Shorts) im GC Granada unter Palmen eine Runde dreht, wirkt es für uns Österreicher fast befremdlich, die Autos -mit Schiern am Dach- auf die Sierra Nevada rauffahren zu sehen. Pittoresk, aber eindrucksvoll! Viva Espania!

Das Besondere an diesem Skigebiet ist die Aussicht. An klaren Tagen sieht man die andalusische Küste, das Meer und sogar Afrika unter sich liegen.

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