Batman für jedermann

25. Jänner 2007, 15:17
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Mit dem "Skyray" hüpft der Mensch dem Traum vom Fliegen ein gehöriges Stück näher - Das interessiert natürlich auch das Militär

Ken hat großen Spaß. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht fliegt der durchtrainierte Sunnyboy aus Kalifornien durch die Luft. Die Lippen leuchten rosarot. Die Zähne blitzen unerschrocken. Kein Wunder, das Lächeln ist nämlich aufgemalt.

Die Plastikpuppe Ken hängt an drei Drahtseilen im Windkanal. Auf dem Rücken trägt Barbies Boyfriend einen grauen Kunststoffflügel, der mit Knetmasse und Tesafilm an seinem Plastikkörper befestigt wurde. "Bei den Testflügen mit Ken haben wir festgestellt, dass wir einen Menschen stabil in der Luft halten können", erzählt der Industriedesigner Alban Geissler, "die Frage war nur noch, wie verhält sich ein Mensch, wenn man ihn aus dem Flugzeug schmeißt."

Das kleine Büro von Geisslers Firma "Freesky" liegt in einem 1970er-Jahre-Wohnhaus in München. Mit den Einbauschränken, den Zimmerpflanzen und dem Raufaserteppich sieht es nicht so aus, als würde hier der "Traum vom Individualluftverkehr" geträumt werden. Erst nach einer Weile entdeckt man die zwei kleinen Modellflugzeuge in den Regalen. Auf einem Schrank klebt ein Adler-Poster.

"Wir fallen wir eine Bombe"

Alban Geissler ist der Erfinder des "Skyray", einer Flügelapplikation für Fallschirmspringer, welche es den Sportlern ermöglichen soll, nicht nur zu fallen, sondern auch ein bisschen zu fliegen. Der "Skyray" ist ein Kunststoffflügel mit einer Spannweite von etwa 1,5 Metern, er wird durch Gewichtsverlagerung gesteuert, beschleunigt auf bis zu 200 Stundenkilometer und ist unabhängig von den Windverhältnissen.

Die Idee, dass man den Menschen irgendwie fliegen können lassen sollte, kam dem Industriedesigner Geissler schon während seines Studiums. Nämlich als er hörte, dass bei einer 90 Stundenkilometer schnellen Cessna ein Quadratmeter Flügel 100 Kilo in die Luft hebt. "Der menschliche Körper hat auch einen Quadratmeter Fläche", wusste Geissler, aber "wir fallen wie eine Bombe. Die Luft strömt falsch an uns vorbei." Man muss die Menschenfläche also nur zu einem "vernünftigen Flügel umbauen." So entstand das Konzept für seine Diplomarbeit, den "Skyray".

Heute, sieben Jahre später, ist der Flügel "eigentlich marktfertig." Bereits im Jahr 2003 bestellte der österreichische Extremsportler Felix Baumgartner zwei Prototypen, um mit ihnen über den Ärmelkanal zu fliegen - was auch gelang. "Leider können wir das Gerät aus Haftungsgründen noch nicht auf den Markt bringen", sagt Geissler. Fallschirmspringen mag eine Leidenschaft für Zivilisten und Extremsportler sein, war aber seit Beginn auch eine militärische Disziplin. Deshalb kommt der "Skyray" nun wohl erst einmal als Militär-Version auf den Markt: unter neuem Namen, "Gryphon".

Für das Radar beinahe unsichtbar

Das Spaßgerät wird zum Waffensystem. Der "Gryphon", den Geissler zusammen mit den Münchner Firmen Elektroniksystem und Logistik GmbH (ESG) und Special Parachute Equipment and Logistics Consortium (SPELCO) herstellt, wurde vergangenes Jahr auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin präsentiert. Das Interesse der Militärs war enorm. Kein Wunder, bei den Leistungsdaten: 220 km/h Spitzengeschwindigkeit, 40 Kilometer Reichweite, dazu besitze der Delta-Flügel auch noch "Stealth-Eigenschaften" und sei für das Radar beinahe unsichtbar. "Es ist ein Lasteselchen mit Kunstflugeigenschaften", sagt Geissler, und soll in Zukunft zum Beispiel Spezialeinheiten schnell und lautlos ins Einsatzgebiet bringen.

Schade findet er es schon, dass sein Menschen-Flügel in der Armee zum Einsatz kommen soll. Aber die Verkaufssprüche hat Alban Geissler trotzdem schon ganz gut drauf: "Mit Fallschirmen bist du sichtbar und lange in der Luft", sagt er, "mit dem ,Gryphon' geht es schneller, und man hat auf dem Weg nach unten auch mehr Spaß."

"Ray" bedeutet Strahl oder Rochen. Das passt. 1999 baute Geissler zusammen mit Freunden den ersten Versuchsträger, mit einer Technik, wie sie auch bei der Herstellung von Surfboards verwendet wird. Der "Skyray" hat einen Schaumstoffkern, der von einem Kohlefaser-Kevlar-Mantel umgeben wird. Den ersten Sprung führte Christoph Aarnts 2001 in Spanien durch. Falls er in eine unkontrollierbare Flugphase eintreten würde, schärfte Geissler dem Testpiloten ein, kann man mit einem Hebelgriff den "Skyray", also "alles, was dich zum Flugzeug macht, einfach absprengen." Der erste Sprung verlief ohne Komplikationen. Nach einer Flugphase von 90 Sekunden löste Aarnts den Fallschirm aus. "Den Premierenflug kann man nicht genießen", weiß Geissler, "da ist man zu sehr damit beschäftigt zu überleben."

Gewichtsverlagerung und Körperhaltung

Danach arbeitete das kleine Freesky-Team daran, das Flugverhalten durch eine optimierte Flügelform und den Einsatz von Turbulatoren weiter zu verbessern. Gradmesser dafür ist die so genannte Gleitzahl (GZ), welche angibt, wie viel Meter ein Flugobjekt in waagrechter Richtung gleitet, während es einen Meter an Höhe verliert. Ein Segelflugzeug zum Beispiel hat eine GZ von 30. Der erste "Skyray" hatte 3, die neuesten Versionen kommen zumindest auf 5 bis 6. In nächster Zeit soll der "Skyray" weiter verbessert werden, sodass auch Nichtspezialisten damit umgehen können. Bislang lenkt man den "Skyray" durch Gewichtsverlagerung und Körperhaltung. Quer- und Seitenruder besitzt das Gerät nicht. Mit zwei Griffen kann man jedoch Klappen am Heck steuern, welche die Geschwindigkeit und Flugkurve beeinflussen. Geissler selbst darf den "Skyray" leider noch nicht benutzen. Erst nach 300 Fallschirmsprüngen darf man aus versicherungstechnischen Gründen das Gerät verwenden. "Aber ich weiß, was es bedeutet, aus einem Flugzeug zu springen", sagt Geissler. 25 Sprünge hat er bereits absolviert.

Design bedeutet für Alban Geissler nicht nur Funktion, sondern auch Ästhetik. "Man hat immer mehr Möglichkeiten, eine Funktion zu erreichen", sagt er. Der "Gryphon" etwa sieht gefährlich und böse aus: Die schwarze Farbe und der panzerartige Look sollen laut Geissler klar machen, "dass das kein Spielgerät ist." Der "Gryphon" sieht aus wie eine Requisite aus einem Sciencefictionfilm und brachte nach dem Auftritt auf der ILA die Fantasie der Militär-Freaks zum Kochen. "Batman goes Military", hieß es in einem Fachblog. Bald tauchten erste Gerüchte auf, der "Gryphon" werde bald mit Turbinen und elektronischer Zielsteuerung ausgestattet. "Klar", sagt Geissler, "und Raketen bauen wir auch bald ein." Wobei: "Über Turbinen haben wir nachgedacht. Aber noch ist die Technik nicht so weit."

Die zivile Version "Skyray" besitzt einen entsprechend anderen Look. Das blau-gelbe Muster und die schlankere Flügelform betonen "Geschwindigkeit, Dynamik und Sportivität." Geissler erwartet, dass für Produkte wie "Wingsuits" oder den "Skyray" ein kleiner Markt entstehen wird. "Es ist doch das ideale Sportgerät", sagt er, "man könnte bestimmte Disziplinen wie Weit- oder Kunstfliegen einführen." Eben wie das Red Bull Air Race - nur ohne Flugzeuge. "Nur ein Looping ist strömungstechnisch leider unmöglich", sagt Geissler, ansonsten könne man mit dem "Skyray" alles machen, "was auch mit einem Jet geht: Rollen, Steilkurven, Diver. Wir sind da noch nicht an die Grenzen gegangen."

Individualluftfahrt

Aber eigentlich träumt Alban Geissler von fliegenden Menschen. Und falls er mit seinen Computerprogrammen zufällig die richtige Formel finden sollte, steht der Fliegerhelm in seinem Büro immer bereit - auf einem Regal neben dem Schreibtisch. "Es ist eine Schande, dass in der Aviatik in den vergangenen 20 Jahren so wenig passiert ist", sagt Geissler, der nicht nur Funsport-Ausrüster ist, sondern auch Visionär. "Der Trend geht klar zur Individualluftfahrt", sagt er, und beschreibt ein Luft-Highway-System wie im Film "Back to the Future II." "In der Luft haben wir eine dritte Dimension. Das würde den Verkehr entzerren", sagt er, und rechnet schnell vor, wie die fehlende Reibung und der minimierte Luftwiderstand den erhöhten Energieverbrauch des fiktionalen Vehikels amortisieren würden.

An seinem Schrank kleben auch Skizzen für das Modell "Skybird", ein Ultraleichtflugzeug, auf der Festplatte liegen Pläne für "die ideale Synthese aus Auto und Flugzeug." Geissler weiß, dass es wohl noch eine Weile dauern wird, bis diese Studien den Weg aus Computern in den echten Windkanal antreten. Er ist sich sicher: Größer als die technischen Hindernisse sind die Schranken in den Köpfen. "Die Leute sind mental einfach zu sehr am Boden." (Tobias Moorstedt/Der Standard/Rondo/19/01/2007)

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