Richtig über Ungleichheit reden

17. Jänner 2007, 18:34
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Der Grazer Soziologe Christian Fleck hält die Diskussion über Armut in Österreich für weinerlich: Auftakt­veranstaltung der ScienceTalks 2007

Wien - "Nach allem, was die Sozialwissenschaften darüber wissen, gibt es in Österreich relativ wenig Ungleichheit", sagt Christian Fleck. Dennoch hält der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie das Reden darüber für wichtig. Denn nur da, wo es eine öffentliche Auseinandersetzung über Ungleichheit und Armut gibt, werden diese auch zu gesellschaftlich wahrgenommenen Tatbeständen.

Für Österreich konstatiert der streitbare Sozialwissenschaftler allerdings eine seltsame Weinerlichkeit, wenn es um das Thema geht: Die katholische Tradition des Landes bringe es mit sich, dass man über Armut in Form eines großen Klagelieds spreche, "und das trifft nicht nur auf die Caritas zu, sondern mittlerweile auch auf die KPÖ", so Fleck.

Das Problem dabei: Armut werde dadurch zu einem Feld, auf dem man sich zwar als Wohlhabender durch Spenden und als guter Mensch hervortun könne. "Zu kurz kommen dabei politische Lösungen, denn dafür müssten konkrete Mittel und Wege angegeben werden, wie man zu mehr Gleichheit kommt."

Handlungsbedarf

Dass es auch in Österreich Handlungsbedarf gibt, belegt ein Blick in den 2005 veröffentlichten "Human Development Report der UNO, in dem auch unser Gini-Index ausgewiesen ist, für den - vereinfacht gesagt - der Einkommens- und Konsumanteil der ärmsten 10 bzw. 20 Prozent einer Bevölkerung mit dem der reichsten 10 oder 20 Prozent in Relation gesetzt wird. Österreich schneidet dabei mit einem Gini-Index von 30,0 schlechter ab als alle skandinavischen Länder, aber zum Beispiel auch schlechter als Deutschland, wo in den letzten Monaten die "Unterschicht" auch von der Politik als großes Thema entdeckt wurde.

Den konkreten politischen Maßnahmen der neuen Regierung steht Fleck äußerst skeptisch gegenüber. Das neue Modell der bedarfsorientierten Mindestsicherung hält er sogar "für einen Skandal": Denn die Vermögenden könnten sich bei ihrer Steuererklärung Geld holen, indem sie zuerst einmal etwas behaupten, das dann erst geprüft wird. "Bei der Mindestsicherung ist es umgekehrt: Da wird zuerst einmal geprüft, und dann erst gibt es das Geld."

Für den Soziologen hat das bisherige Reden über Armut aber auch noch etwas anderes ausgeblendet: die Frage nämlich, wie viel Ungleichheit und soziale Mobilität eine Gesellschaft braucht. Und auch in dem Punkt konstatiert er einen gewissen Nachholbedarf - bei der Mobilität der Mittelschicht nämlich: "Denn damit sozial Schwächere aufsteigen können, müssen privilegierte Schichten auch die Chance haben, abzusteigen." (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 1. 2007)

ScienceTalk mit Christian Fleck, 18. 1., 19.30 Uhr, Neue Galerie Graz, Salon
  • "Privilegierte Schichten müssen auch die Chance haben, 
abzusteigen", meint der Soziologe Christian Fleck.
    foto: christian fleck

    "Privilegierte Schichten müssen auch die Chance haben, abzusteigen", meint der Soziologe Christian Fleck.

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