Musik aus der Lichtorgel: "Ich muss dir was sagen"

22. Jänner 2007, 20:49
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Beredte Einblicke in Gehörlosigkeit: Ein Dokumentarfilm des österreichischen Regisseurs Martin Nguyen

Wien – Zuerst ist da ein Alltag. Mutter und Kleinkind hören Musik. Musik hören, das heißt hier rhythmische, farbige Lichtsignale und die Vibration der Lautsprecherboxen wahrnehmen. Denn der dreijährige Oskar ist – anders als sein Zwillingsbruder Leo – seit seiner Geburt gehörlos. Wenn seine Mutter ihren Söhnen vorliest, dann ist das ein simultanes Sprechen und Gebärden, eine erweiterte Ausdrucksform, die ganz wesentlich auf Sichtbarkeit und Anschaulichkeit beruht.

Der knapp einstündige Dokumentarfilm von Martin Nguyen, der mit diesen Sequenzen beginnt, teilt diese Charakteristika. In langen, ruhigen Einstellungen konzentriert er sich aufs Beobachten (und Zeigen). Zwischen Aufnahmen aus dem Alltag der vierköpfigen Familie sind Gesprächspassagen montiert, in denen Eltern und Kinder ganz spezifisch und offen, in Laut- und Gebärdensprache, Auskunft geben:

Wie hat man die Mitteilung der Ärzte über Oskars Gehörlosigkeit ursprünglich aufgenommen? Von welchen Gefühlen und Erwartungen der Eltern ist sein Heranwachsen begleitet? Muss der zweisprachig aufwachsende Leo manchmal für seinen Bruder übersetzen? ("Was heißt das?") Oder: "Oskar, wann schimpft die Mama mit dir?" – "Wenn ich den Leo an den Haaren zieh."

Erweiterte Familie

Der Wiener Filmemacher, der die Gebärdensprache im Übrigen auch selbst beherrscht, bleibt dabei die ganze Zeit im Off. Er wirkt in diesem Kontext aber trotzdem fast wie ein fünftes Familienmitglied. Seine Anwesenheit scheint niemanden groß zu irritieren, am wenigsten die Kinder, die auch mit dem Mann hinter der Kamera ganz selbstverständlich kommunizieren.

"Ich muss dir was sagen" heißt denn auch der Film, der die Familie durch ein Jahr begleitet. Ein Jahr, in dem sich nach mehreren Untersuchungen entscheiden wird, ob Oskar durch eine Operation und ein Implantat ein gewisses Hörvermögen erlangen kann. Ein Jahr, in dem die Zwillinge ihren vierten Geburtstag feiern werden. Ein Jahr, in dem Oskar und Leo beim Sandspielen streiten, der eine aus der Hängematte fällt und der andere sich vor der großen alten Eule im Puppentheater fürchtet.

Ein familiärer Alltag, der sich – so könnte man je nach Perspektive und Situation meinen – gar nicht so sehr oder doch ganz gravierend von anderen unterscheidet. Das Einnehmende an Nguyens Films ist, dass er einen Blickwinkel wählt, der weder relativiert, noch problematisiert, sondern stets auch buchstäblich auf Augenhöhe bleibt und bei aller Nähe respektvolle Distanz wahrt.

Dass er nichtsdestotrotz ein Anliegen verfolgt, das sagt schon der Titel. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.1.2007)

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    foto: filmladen
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