"Umfärberei steht nicht im Vordergrund"

1. März 2007, 19:42
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Veit Sorger, Präsident der Industriellen­vereinigung, findet im STANDARD-Interview, dass Bundeskanzler Gusenbauer Credos seiner Organisation übernommen hat

STANDARD: Haben Sie nach Beschluss des Regierungsprogramms Sekt getrunken?

Sorger: Nein. Als Steirer trinkt man einen sehr guten Wein aus der Steiermark. Wir haben im Vorfeld dringend darauf hingewiesen, dass die Regierung den erfolgreichen Weg der Industrie nicht gefährden soll.

STANDARD: Sind Sie damit bei der SPÖ auf Gehör gestoßen?

Sorger: Ich habe schon den Eindruck gehabt beim jetzigen Bundeskanzler Gusenbauer, dass er diese Anliegen unterstützt und haben möchte, dass die Industrie ihre Erfolgsgeschichte fortschreibt.

STANDARD: Sind Sie enttäuscht, dass die Steuerreform so weit nach hinten geschoben wurde?

Sorger: Natürlich hätten wir uns das früher gewünscht. Wenn es generell zu einer steuerlichen Entlastung in den Jahren 2009 und 2010 kommt, soll uns das auch recht sein.

STANDARD: Eines Ihrer Anliegen war die Arbeitszeitflexibilisierung. Jetzt gibt es den Durchrechnungszeitraum von 24 Wochen. Reicht Ihnen das?

Sorger: Wir sehen das jetzt als ersten Schritt. Da gehören die Modalitäten ausverhandelt. Ich hätte mir das aber früher und weiter gewünscht.

STANDARD: Wie sehen Sie die Halbierung der Abschläge bei den Frühpensionen und die Erhöhung der Lohnnebenkosten?

Sorger: Das sehen wir genauso wenig positiv wie die Erhöhung der Mineralölsteuer. Das sind Signale, die wir uns so nicht leisten können. Wenn das Pensionseintrittsalter im EU-Vergleich derart niedrig ist, sollte man in die andere Richtung gehen. In Deutschland hat man in dieser Frage einen anderen Blickwinkel.

STANDARD: Rente mit 67 Jahren wie in Deutschland wäre auch ein Modell für Österreich?

Sorger: Ich will hier nicht die Forderung aufstellen: in die Pension mit 67. Die Pensionsreform, die die letzte Regierung gemacht hat, war ja ein mutiger Schritt. Bevor man diskutiert, sollte man diese Reform greifen lassen und sie ständig evaluieren. Dann muss man sich überlegen: Was sind Anpassungen? Ist es in der Erhöhung, mit anderen Abschlägen, mit anderen Zuschlägen? Nur zu sagen, ich bin für 67, ist zu wenig.

STANDARD: Thema Privatisierungen. Nach den Beschlüssen, heute, Donnerstag, im EU-Parlament soll der Personenverkehr auf den Schienen liberalisiert werden. Sind Sie für Vollprivatisierung der ÖBB?

Sorger: Nein. Zuerst muss man zur Kenntnis nehmen, dass die Privatisierungen, wie sie in Österreich durchgeführt wurden, ein voller Erfolg waren. Alle davon Betroffenen sind glücklich: die Mitarbeiter, die Vorstände, die Betriebsräte und vor allem die Aktionäre. Gewisse infrastrukturelle Unternehmen sollte man aber nicht zu 100 Prozent privatisieren, man sollte einen gewissen Lenkungseffekt behalten. Das trifft auf die ÖBB zu und auch auf den Verbund. Es reicht, 25 Prozent plus eine Aktie zu behalten. Bis dorthin sollte man die Finanzmärkte nützen.

STANDARD: Gilt das auch für Post und Telekom?

Sorger: Das gilt auf jeden Fall für die Post, also die 51 auf 25 Prozent hinunterzubringen. Da kann man 25 Prozent behalten, muss aber nicht.

STANDARD:: Ihre Meinung?

Sorger: Ich lebe mit den 25 Prozent, bin aber nicht überzeugt davon, dass ich sie behalten muss. Bei der Bahn gibt es unterschiedliche Bereiche. Cargo könnte privatisiert werden. Man muss es klug machen, hat keinen Zeitdruck.

STANDARD: Würde durch Privatisierungen nicht der politische Druck verringert, den man etwa beim Koralmtunnel spürt?

Sorger: Überall, wo der politische Einfluss in Wirtschaftsunternehmen zurückgefahren werden kann, ist das positiv. Das war einer der Gründe, warum wir rechtzeitig eine warnende Stimme erhoben haben, bitte keinen Rückfall in Proporzvorgehen, das hat Österreich nicht gut getan. Ich nehme zur Kenntnis, dass der neue Infrastrukturminister eine sehr objektive Rolle einzunehmen versucht hat. Proporzdenken oder die Frage der Umfärberei steht nicht im Vordergrund. Das ist ein positives Signal, dass das bisherige Management die Chance bekommt, ihre Leitungen zu bringen und ihre Professionalität zu zeigen, auch mit einem anderen Regierungspartner.

STANDARD: Für die österreichische Industrie ist es 2006 sehr gut gelaufen. Werden in Zukunft mehr Jobs geschaffen?

Sorger: 3,3 Prozent Wachstum sind eine sehr herzeigbare Leistung. Das schlägt sich auch in der Arbeitslosenstatistik nieder. Das ist jetzt die Ernte der Investitionen vergangener Jahre. Wenn der Kanzler in seiner Regierungserklärung sagt, dass alles unternommen werden muss, um den Unternehmen bei ihrem Weg in die Globalisierung Unterstützung zu geben, dann sehe ich da eine Wiedergabe, die auch das Credo der Industriellenvereinigung ist. Die Ermunterung an die Industrie, zur Vollbeschäftigung zu kommen, dazu wird die Industrie ihren Anteil gerne liefern. Das positive Bekenntnis der jetzigen Regierung wird sich sicher in Investitionen und Standortbekenntnissen niederschlagen.

STANDARD: Wird man die Arbeitnehmer in Form von Lohnzuwächsen an dieser guten Entwicklung teilhaben lassen?

Sorger: Ich glaube, dass die letzten Lohnabschlüsse für beide Seiten akzeptabel waren. Unternehmen werden bei Beteiligungen großzügiger. Wir mögen diesen Übergang von einem Lohnempfänger zu einem Mitunternehmer, das entspricht der Philosophie der Verantwortung, des Bekenntnisses zur Leistung.

STANDARD: Laut Umfrage des "Handelsblattes" ist Österreich im Standortranking zurückgefallen. Ist Österreich noch immer besser als Deutschland?

Sorger: Selbstverständlich. Deutschland ist erstklassig, wir sind exzellent. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.1.2007) ZUR PERSON: Der Papierindustrielle Veit Sorger (65) ist seit 2004 _Präsident der Industriellenvereinigung und sitzt unter anderem im Aufsichtsrat der ÖIAG. Als Student war Sorger in der Grazer Hochschülerschaft aktiv.

Zur Person
Der Papierindustrielle Veit Sorger (65) ist seit 2004 Präsident der Industriellenvereinigung und sitzt unter anderem im Aufsichtsrat der ÖIAG. Als Student war Sorger in der Grazer Hochschülerschaft aktiv.
  • Bei Privatisierungen tritt Veit Sorger auf die Bremse: Bei Infrastruktur-Unternehmen wie ÖBB und Verbund sollte der Staat mindestens 25 Prozent behalten. Bei Post und Telekom könne, aber müsse dies nicht der Fall sein: "Ich habe schon den Eindruck beim Bundeskanzler, dass er haben möchte, dass die Industrie ihre Erfolgsgeschichte fortschreibt."
    foto: standard/andy urban

    Bei Privatisierungen tritt Veit Sorger auf die Bremse: Bei Infrastruktur-Unternehmen wie ÖBB und Verbund sollte der Staat mindestens 25 Prozent behalten. Bei Post und Telekom könne, aber müsse dies nicht der Fall sein: "Ich habe schon den Eindruck beim Bundeskanzler, dass er haben möchte, dass die Industrie ihre Erfolgsgeschichte fortschreibt."

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