Interview: Wenn Büroarbeit weh tut

18. Jänner 2007, 11:30
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Ergonomisch ideale Arbeitsplätze, besseres Raumklima und mehr Bewegung könnten Gesundheitsprobleme reduzieren - Arbeits­mediziner Hugo Rüdiger im Interview

Neun Jahre verbringen Büromenschen im Laufe ihres Lebens sitzend vor dem Computer. Meist ist es nur eine Frage der Zeit, bis Bildschirmarbeit anfängt Beschwerden zu machen. Über gesundheitlichen Folgen durch falsche Sitzhaltung und ergonomische Büroarbeitsplätze sprach Regina Philipp mit dem Arbeitsmediziner Hugo Rüdiger.

derStandard.at: Fast jeder weiß heute wie ein ergonomischer Sitzplatz aussehen sollte. Trotzdem finden sich in vielen Büros nach wie vor katastrophale Arbeitsbedingungen. Warum?

Rüdiger: Möglicherweise ist man sich der Langzeitfolgen noch immer nicht bewusst. Es gibt tatsächlich kaum Büroarbeitsplätze, bei welchen ich nicht sofort sagen müsste, da ist dies oder jenes zu verbessern. Selbst in neu konzipierten Bürogebäuden werden aus schwer nachvollziehbaren Gründen nach wie vor beispielsweise Großraumbüros geschaffen. Oft hört man das Argument, dies fördere die Kommunikation. Dann muss man sich um Vertraulichkeiten zu besprechen in spezielle Konferenzräume zurückziehen. Ich halte das für wirklichkeitsfremd. Jeder braucht ein bisschen privates Umfeld, auch in der Arbeit. Ich persönlich will nicht mithören, was andere sprechen und wenn sich jemand schnäuzt.

derStandard.at: Büroarbeit gilt nicht als gefährlich, trotzdem kämpfen viele Schreibtischtäter mit gesundheitlichen Problemen.

Rüdiger: Der Stuhl auf dem man sitzt, der Tisch an dem man arbeitet und der Bildschirm vor dem man sitzt, sind nicht immer ergonomisch, sprich menschengerecht gestaltet. Büromenschen sitzen oft acht Stunden lang auf ihrem Sessel. Im schlechtesten Fall verharrt man stundenlang in einer Position.

derStandard.at: Wie sieht eine ideale Sitzgelegenheit im Büro aus?

Rüdiger: Ein guter Bürosessel ermöglicht eine dauernde Veränderung der Sitzhaltung. Das heißt es genügt nicht auf irgendeinem Sessel zu sitzen. Ein ergonomischer Bürosessel ist höhenverstellbar und besitzt eine Lehne, die mindestens bis in Schulterhöhe reicht. Die Neigung der Lehne muss veränderbar sein und die Sitzfläche sollte nicht nur gut gepolstert sein sondern sich mit dem darauf Sitzenden mitneigen. Generell soll ein Büroarbeitsplatz viel Bewegung ermöglichen.

derStandard.at: Welche gesundheitlichen Konsequenzen hat die schlechte Sitzhaltung?

Rüdiger: Ist der Stuhl auf dem man sitzt zu hoch, so dass man also nur mit den Zehenspitzen den Boden berührt, dann versackt das Blut in die Beine. Das fördert die Entwicklung von Venenerkrankungen. Ein Stuhl muss der Körpergröße angepasst sein, damit die Füße ein festes Widerlager haben. Nur so funktioniert der Transport des Blutes in den Venen zurück zum Herzen optimal. Allein die vollständige Berührung des Fußes mit dem Boden erhöht die Muskelspannung und ermöglicht damit die wichtige Funktion der Muskelpumpe. Zwischendurch lohnt es sich auch mal die Beine auf den Schreibtisch zu legen.

derStandard.at: Bewegung beim Sitzen also?

Rüdiger: Dynamisches Sitzen sozusagen und zusätzlich Bewegung innerhalb des Büros. Es ist kontraproduktiv, wenn man nie aufstehen muss, weil der Drucker ohnehin gleich daneben steht und auch sonst alles in Griffweite ist. Viel besser ist, man ist immer wieder zum Aufstehen gezwungen. Man kann auch einmal stehend telefonieren.

derStandard.at: Wohin führt bewegungsloses Sitzen?

Rüdiger: Zu Bandscheibenvorfällen beispielsweise, allerdings nicht während der Bürotätigkeit. Wenn ein untrainierter Rücken am Wochenende plötzlich beispielsweise durch Schnee schaufeln belastet wird, kommt es zu diesen schmerzhaften Folgeerscheinungen. Die schönste Rückenstütze und der beste ergonomisch geformte Stuhl ersetzen nicht die Bewegung und die laufende Veränderung der Sitzhaltung. Das ist das Allerwichtigste.

derStandard.at: Ist es nicht so, dass diese Erkrankungen und diese Probleme generell wesentlich seltener wären, wenn sich die Menschen in ihrer Freizeit bewegen würden?

Rüdiger: Diese Problematik ist janusköpfig. Das heißt gleichzeitig Überlastung und Bewegungsmangel. Wirbelsäulenschäden bei Möbeltransportern oder Bauarbeitern sind beispielsweise selten. Diese Menschen haben eine trainierte Rückenmuskulatur. Die Rückenprobleme treten bei Schreibtischtätern auf, die am Wochenende eine schwere Kiste heben und plötzlich einen 'Hexenschuss' erleiden und nicht mehr hochkommen. Das hängt damit zusammen, dass sie gar nicht wissen, wie man Gegenstände richtig hochhebt und diese Tätigkeit noch dazu so gut wie nie machen.

derStandard.at: Das heißt Schreibtischtäter haben zu wenig Muskeln im Vergleich zu Möbelpackern?

Rüdiger: Ja, denn es ist wichtig den passiven Bewegungsapparat durch den aktiven zu unterstützen. Das ist auch ein wesentliches Therapieprinzip bei bestehenden Rückenbeschwerden. Das bekannte Kieser Training wirbt mit dem Slogan: Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz und basiert darauf die Rückenmuskulatur zu stärken. Dieses Konzept ist sehr erfolgreich.

derStandard.at: Wie wirkt sich permanent falsche Kopfhaltung auf die Gesundheit aus?

Rüdiger: Die Bildschirme sind leider oft viel zu hoch aufgestellt, so dass man den Kopf überstrecken muss. Das macht eine Verspannung im Bereich der Halswirbelsäule und führt zu Kopfschmerzen. Man spricht hier vom Cervikalsyndrom. Besser mit leicht nach vorne geneigtem Kopf auf den Bildschirm blicken. Der Bildschirm ist dabei leicht nach oben geneigt, die Oberkante des Bildschirmes soll sich in Höhe der Stirn befinden.

derStandard.at: Was versteht man unter RSI?

Rüdiger: Das ist die Abkürzung für repetitive strain injury. Dabei kommt es durch ständige Wiederholung einer gleichen Bewegung ohne große Kraftaufwendung zu Überlastungen im Bereich des Bewegungsapparates. Häufig tritt dieses Krankheitsbild beim Bedienen der Computermaus oder beim Anschlagen der Tastatur auf, daher auch die Bezeichnung Computerarm oder Mausarm. Die Symptome sind schmerzhaft und langwierig. Die beste Prophylaxe ist auch hier für Abwechslung zu sorgen. Es gibt kein RSI, wenn man zwischendurch auch völlig andere Tätigkeiten macht.

derStandard.at: Zählt das Karpaltunnelsyndrom (Missempfindungen in der Hand) auch zu den RSI-Syndromen?

Rüdiger: Nein, man muss es aber differentialdiagnostisch berücksichtigen. Das heißt, wenn jemand plötzlich Schmerzen in der Hand hat, muss man ein Karpaltunnelsyndrom (CTS) ausschließen. Beim CTS kommt es zu einer Einengung des Nervus medianus im Bereich der Handwurzel. Oft muss diese Erkrankung operativ behandelt werden. Auch sie tritt gelegentlich bei Büromenschen auf.

derStandard.at: Wie wichtig sind Beleuchtung und Raumklima für Büromenschen?

Rüdiger: Beides ist gleichermaßen von Bedeutung. Idealerweise besitzen Büroräume eine natürliche Beleuchtung, sprich es gibt Fenster. Wenn das nicht ausreicht, soll ein Kunstlicht zugeschaltet werden. Das natürliche Licht hat sehr viel Einfluss auf das Wohlbefinden. Winterdepressionen werden oft auf Lichtmangel zurückgeführt.

derStandard.at: Licht ist für die Psyche also wichtiger als für die Augen?

Rüdiger: Augen sind hervorragend adaptierbar. Zwischen hunderttausend Lux am Tag und fünfhundert Lux bei künstlichem Licht liegt die nötige Lesehelligkeit.

derStandard.at: Gibt es gesetzliche Vorschriften wie Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit in einem Büro reguliert sein sollen?

Rüdiger: Laut Richtlinien muss die Luftfeuchtigkeit in Büroräumen wenigstens 40 Prozent betragen. Das ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Denn jede Klimaanlage entfeuchtet den Raum wenn sie kühlt. Im Winter wenn sie heizt, tut sie das nicht. Im Sommer müsste man demnach durch die Klimaanlage zusätzlich künstlich befeuchten. Befeuchteranlagen sind Brutstätten für Keimbesiedelung und viele Menschen reagieren mit Beschwerden, wenn sie am Arbeitsplatz mit dieser Keimschleuder in Kontakt kommen. Es gibt Experten die sagen, dass es besser ist trockenere Luft in Kauf zu nehmen, als zu befeuchten.

derStandard.at: Ist eine natürliche Belüftung einer Klimaanlage vorzuziehen?

Rüdiger: Ja, ich würde auch viel lieber in einem Büro arbeiten, in dem ich auch einmal das Fenster öffnen kann. Auch für mein psychisches Wohlbefinden.

derStandard.at: Wie sehr spielt Lärm in Büros eine Rolle?

Rüdiger: Der Lärm sollte 55 Dezibel nicht überschreiten. Während einer konzentrierten Tätigkeit sollten 40 Dezibel eingehalten werden. Dieser Faktor spricht ebenfalls gegen Großraumbüros, denn es kann als sehr störend empfunden werden, wenn im selben Raum mehrere Menschen gleichzeitig telefonieren. Generell sind Menschen ganz unterschiedlich störbar. Auch Drucker und Kopierer haben im Arbeitsraum nichts verloren, schon alleine deshalb, weil man sich Bewegung verschafft, wenn man hingehen muss.

derStandard.at: Ist Elektrosmog im Büro eine ernst zu nehmende Gefahr?

Rüdiger: Nein, die Feldstärken in Büroräumen liegen in einem Bereich, der keine biologischen Auswirkungen verursacht. Elektrosmog durch niederfrequente Felder des Wechselstroms ist arbeitsmedizinisch sehr relevant, ist aber nur an bestimmten Arbeitsplätzen zu finden. Schweißer und Arbeiter an Induktionsöfen sind damit konfrontiert.

derStandard.at: Sind Büromenschen in besonderem Maß von Burnout oder Mobbing betroffen?

Rüdiger: Das ist nicht arbeitsplatzspezifisch. Psychoemotionale Probleme stehen bei allen arbeitsbedingten Gesundheitsstörungen in Industrieländern heute an zweiter Stelle, unmittelbar nach Erkrankungen des Bewegungsapparates.

derStandard.at: Gibt es in Österreich bürobedingte anerkannte Berufserkrankungen?

Rüdiger: Nein, denn eine Berufskrankheit wird vom Gesetzgeber nur dann als Krankheit definiert, wenn deren Risiko bei einer bestimmten Tätigkeit aufzutreten, doppelt so hoch ist wie bei der durchschnittlichen Bevölkerung. Es lässt sich nicht beweisen, dass ein Bandscheibenvorfall mit überwiegender Wahrscheinlichkeit durch eine bestimmte Berufstätigkeit entstanden ist. Das würde zu enormen gutachterlichen Problemen führen. Berufskrankheit bedeutet ja nur, dass nicht die Krankenkasse, sondern der Arbeitgeber zahlt.

derStandard.at: Ist der Arbeitgeber denn verpflichtet für bestimmte Arbeitsbedingungen zu sorgen?

Rüdiger: Das Arbeitsinspektorat begeht in der Regel keine Büroarbeitsplätze. Der Arbeitgeber hat aber ein großes wirtschaftliches Interesse daran, dass die bei ihm Beschäftigten leistungsfähig sind. Und damit sie leistungsfähig sind, sollten sie sich wohl fühlen. Es ist häufig die schiere Unkenntnis des Arbeitnehmers, wenn die Arbeitsbedingungen nicht optimal sind, ganz einfach weil er sich nicht beraten lässt.

derStandard.at: Was halten Sie von mobilen Büros?

Rüdiger: Sehr problematisch. Die Mitarbeiter besitzen keinen festen Büroplatz, sondern wandern gemeinsam mit ihrem Rollcontainer. Da ist alles drin, vom Computer bis zu den Akten. Dort wo gerade ein Platz frei ist, ist an diesem Tag ihr Platz. Vor allem in Firmen wo viel Telearbeit gemacht wird, ist dieses System gang und gebe. Die Mitarbeiter dieser Betriebe arbeiten zum Teil zu Hause und kommen nur tageweise in die Firma. Es ist unmöglich auf diese Weise eine vertraute Umgebung aufzubauen. Die menschliche Psyche braucht aber etwas Privatsphäre für das Wohlbefinden. Der Arbeitsbereich Büro wird zu viel den Designern, Ökonomen und Rationalisierungsfachleuten überlassen. Es geht kaum mehr um die wirklich menschlichen Bedürfnisse.

derStandard.at: Wie sieht der optimale Büroarbeitsplatz aus?

Rüdiger: Kleine Büros für zwei bis maximal vier Leute, viel Tageslicht und gute indirekte Beleuchtung. Die Büroeinrichtung ist ergonomisch, die Klimatisierung individuell einstellbar. Prinzipiell hat jeder Mensch gerne die Möglichkeit selbst seinen Bereich mitzugestalten, das inkludiert auch die Raumtemperatur. Und am wichtigsten: Bewegung im Büro muss möglich sein.

Siehe: Wissen: Augen: Grenzen der Belastbarkeit

Arbeit am Bildschirm: Die Tücken der Bildschirmarbeit

Hexenschuss, steifer Hals, Bandscheibenvorfall: Rückenschmerzen im Überblick
  • Prof. Dr. Hugo W. Rüdiger ist der einzige Ordinarius für Arbeitsmedizin in Österreich. Er leitet die Klinische  Abteilung für Arbeitsmedizin an der Medizinischen Universität in Wien und hat bis dato circa 400 wissenschaftliche Arbeiten publiziert. Der gebürtige Dresdener, ist in Hamburg aufgewachsen. Er ist verheiratet und hat drei Söhne.
    foto: rüdiger

    Prof. Dr. Hugo W. Rüdiger ist der einzige Ordinarius für Arbeitsmedizin in Österreich. Er leitet die Klinische Abteilung für Arbeitsmedizin an der Medizinischen Universität in Wien und hat bis dato circa 400 wissenschaftliche Arbeiten publiziert. Der gebürtige Dresdener, ist in Hamburg aufgewachsen. Er ist verheiratet und hat drei Söhne.

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