Kulturpass für Arme: Auch ohne Geld a Musi

17. Jänner 2007, 19:50
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Mit dem ersten Aktionstag der Initiative "Hunger auf Kunst und Kultur" wurden in Wien drei Jahre Kulturpass für Arme gefeiert

Wien/Graz/Salzburg - Etwas ratlos war die Polizei angesichts des illustren Aufmarsches, der Dienstagmorgen mit bemalten Pappfiguren vom Wiener Rathaus zum nahe gelegenen Museumsquartier zog - unter dem Schutz der Exekutive, die eigentlich angetreten war, um das großräumig abgesperrte Parlament vor Demonstranten gegen die neue Regierung abzusichern.

"Wir wollen der Stigmatisierung ein Ende setzen", "Gebt den Arbeitslosen und finanziell Benachteiligten ihre Würde zurück", "Ich bin Alleinerzieherin von zwei Kindern" war zu lesen auf den lebensgroßen Kartonmenschen der rund 80 Demonstranten, die still und leise ihrem Protest gegen soziale Benachteiligung von in Armut lebenden Menschen Ausdruck gaben.

"Hunger auf Kunst"

Die Wanderung war Teil des ersten Aktionstags der Initiative "Hunger auf Kunst und Kultur", die seit drei Jahren erfolgreich sozial Schwachen den Zugang zu oft teuren Kulturangeboten ermöglicht. Unter dem Motto "Der Mensch lebt nicht von Brot allein" vom Wiener Schauspielhaus und der Armutskonferenz ins Leben gerufen, öffnet der kostenlose Kulturpass Theater, Film, Tanz und Musik für Sozialhilfebezieher, Mindestpensionisten, Arbeitslose, psychisch Kranke und Flüchtlinge, denen kein Geld für kulturellen Genuss übrig bleibt.

Ein ganztägiges Programm für alle Kulturpassbesitzer rief zu "ungehemmten Kulturkonsum" auf - mit speziellen Führungen in Museen oder Theater- und Opernaufführungen, die bewiesen, dass das sprichwörtliche "Ohne Geld ka Musi", der Titel des Aktionstags, nicht unbedingt stimmt.

"In Armut zu leben ist wie ein Balanceakt auf einem Drahtseil", wies Martin Schenk von der Armutskonferenz darauf hin, dass österreichweit 460.000 Menschen von Armut betroffen sind, ein Viertel davon Kinder. Über 12.000 vom AMS und zahlreichen Sozialorganisationen ausgegebene und durch Spenden finanzierte Kulturpässe untermauern die Notwendigkeit des Projektes, an dem österreichweit rund 140 Kultureinrichtungen teilnehmen.

Während die Aktion in Wien große Erfolge verzeichnet und jährlich mehr kostenlose Karten an Kulturpassinhaber verteilt werden, kämpfen die Nachfolgeprojekte in Graz und in Salzburg noch mit einer zögerlichen Akzeptanz.

Zu wenig Spenden

In der Steiermark, wo der "Hunger auf Kunst und Kultur" seit März 2006 durch rund 40 Kulturveranstalter gestillt wird, wurden zwar schon 2000 Kulturpässe ausgegeben, an Spenden mangelt es aber, weshalb die Bühnen Graz bereits an einen Ausstieg denken.

Ähnlich die Situation in Salzburg: Seit Anfang 2006 wurden 1700 Pässe an Sozialeinrichtungen vergeben, auf dem Spendenkonto langten gerade einmal 500 Euro ein. "Die Aktion ist noch zu wenig bekannt", begründet Brigitte Buchacher von der sozialpsychiatrischen Gesellschaft "Laube", die die Initiative koordiniert, den schwachen Zulauf. Derzeit werden die genauen Zahlen über die Nutzung noch erhoben. Fest steht, dass die Stadt Salzburg das Projekt nun doch mit 5000 Euro unterstützen wird. (Karin Krichmayr, DER STANDARD Printausgabe, 17.01.2007)

  • Mit einem Pappfiguren-Marsch begannen Kulturpassbesitzer den Aktionstag "Ohne Geld ka Musi"
    foto: mango/fas/schauspielhaus

    Mit einem Pappfiguren-Marsch begannen Kulturpassbesitzer den Aktionstag "Ohne Geld ka Musi"

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