Zwiebelhäuten: Aber wer möchte schon ewig leben?

16. Jänner 2007, 19:04
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Joshua-Sobol-Stück "Die Todesangst der Zwiebeln" im Theater Drachengasse uraufgeführt

Wien - Das ungehemmte Erstarken des Neoliberalismus hat eine der ehrwürdigsten Theatergattungen, diejenige des Königsdramas, absehbar um Lohn und Brot gebracht. Die virtuellen Strömungsverhältnisse des global aufgezogenen Kapitalverkehrs entziehen sich der Anschaulichkeit.

Ergo begegnen wir auch auf der sehr zeitgenössischen Bühne des Theaters Drachengasse "key playern" von den Ausmaßen von Laborratten oder Versuchsfröschen. Fünf Manager bilden in Joshua Sobols Auftragsarbeit Die Todesangst der Zwiebeln das neue Prekariat einer theatralischen Auszehrungsbewegung: Wo früher knorrige Northumberlands und Buckinghams entscheidungsschwachen Shakespeare-Königen aufhalfen, machen sich heute bloß noch bleich bebrillte Consultant Manager an todschicken Wasserspendern zu schaffen.

Fünf mit ornithologischen Decknamen gezierte Führungskräfte sollen über die Geschäftaussichten eines zähflüssigen Wunderbalsams entscheiden, dessen Einnahme mindestens die Vervierfachung der mittleren Lebenserwartung garantieren helfen soll. In die Drachengasse hat Ausstatterin Jasenko Conka einen heimeligen Parkett-Rhombus ausgelegt - auf ihm muss sich bewähren, wer beizeiten an die Ewigkeit denkt, um schon heute als "Topkraft" eine dicke Führungslippe riskieren zu können.

Nach den Managerdramen von Dürrenmatt und Widmer, von Schimmelpfennig und Röggla jetzt also auch der bewährte Theaterwüstling Sobol: Über dem geduldigen Parkett wird in der ganz gewiss "psychologisch" gemeinten Regie von Günther Treptow ein Maturaaufsatz mit verteilten Rollen nachgestellt: Erörtern Sie Vor- und Nachteile eines Verwertungszusammenhangs, der noch die vitalsten Lebensinteressen der schnöden Konkurrenzlogik ausliefert!

So hätte es vielleicht der links sozialisierte Freifachlehrer anno 1984 formuliert. Am Wiener Fleischmarkt, in den ersten Tagen der heimischen Gusokratie, gefallen sich tadellose Mittelbühnenschauspieler in gnadenlos grimmigen Kapitalistenmasken.

Die "toughe Business-Woman" im Anthrazitkostüm (Alexandra M. Timmel) ist anlässlich dieser länglichen Gipfelkonferenz mindestens so verächtlich gestimmt wie der aasige Rechtsberater (Giuseppe Rizzo). Als liebenswürdiger Riesen-Neufundländer im Knautschanzug (Anselm Lipgens) fällt ausgerechnet der Wirkstoffentdecker "Marabu" aus der bürokratischen Ordnung heraus. An den Schluss pappt Sobol übrigens noch etwas Absurdes Theater dran. Aber im fortgeschrittenen Kapitalismus lässt sich bekanntlich jeder Schnitzen Traditionsbewusstsein bequem vermarkten. Schlecht? Nein, nur eben der Mimikry an den Verhältnissen geschuldet. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2007)

  • Als das Tränkemixen noch geholfen hat: Anselm Lipgens (liegend) hat das Länger-Leben-Elixier gefunden.
    foto: ©andreas friess / contrast

    Als das Tränkemixen noch geholfen hat: Anselm Lipgens (liegend) hat das Länger-Leben-Elixier gefunden.

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