Zoologische Gesellschaft will "lebende Fossilien" schützen

20. Jänner 2007, 19:00
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Ein globales Artenschutzprogramm soll die ungewöhnlichsten Tiere der Erde vor dem Aussterben retten: Vom Ameisenigel bis zum Fingertier

London - Ein globales Artenschutzprogramm für die "ungewöhnlichsten" Tiere der Erde hat die Zoological Society of London (ZSL) ins Leben gerufen. Die Wissenschaftler wollen Lebewesen vor dem Aussterben retten, die - auch in Bezug auf ihre evolutionäre Geschichte - besonders selten sind. Unter das Schutzprogramm fallen etwa das Zwergflusspferd, die afrikanische Hunter-Antilope, der australische Ameisenigel (ein Verwandter des ebenso urtümlichen Schnabeltiers) ... und auch der Jangtse-Delfin, der inzwischen aller Wahrscheinlichkeit nach aber bereits ausgestorben ist.

In herkömmlichen Schutzprogrammen vernachlässigt

Das wichtigste Argument der Wissenschaftler um Jonathan Baillie, den Leiter des Projekts "Evolutionary Distinct and Globally Endagered" (Edge), ist dahin gehend, dass diese Tierarten in herkömmlichen Schutzprogrammen kaum Beachtung finden. Die Gesellschaft definiert diese "One-of-a-kind-Spezies" als jene, die verhältnismäßig wenige Artverwandte haben und sich durch dieses Alleinstellungsmerkmal auszeichnen und nur durch sofortige Maßnahmen vor dem Aussterben gerettet werden können. Die Wissenschaftler haben insgesamt 564 solcher Tierarten anhand eines taxonomischen Baumes identifiziert. Etwa 100 werden in diesem besonderen Schutzprogramm starke Beachtung finden. Noch in diesem Jahr werden die ersten zehn dieser besonderen Tierspezies im Fokus der Initiative stehen.

Einzigartige Stammesgeschichten

Zahlreiche dieser besonderen Tiere sind lebende Fossilien - wie etwa die Hummel-Fledermaus (Craseonycteris thonglongyai), deren nächste Artverwandten vor 43 Millionen Jahren gelebt haben. Die kleine Fledermaus, die zu den kleinsten Säugetieren der Erde gehört und erst 1974 erstmals beschrieben wurde, lebt im Dschungel von West-Thailand an der Grenze zu Burma. Sie ist wie auch andere Arten durch die Urwaldrodung bedroht. Ebenfalls vom Aussterben durch Habitatverlust bedroht, ist der Schlank-Lori (Loris tardigradus) in Sri Lanka.

"Es gibt tatsächlich zahlreiche solche letzten Vertreter stammesgeschichtlich längst ausgestorbenen Arten", meint Konrad Fiedler, Leiter des Departments für Populationsökologie an der Universität Wien. Zwei sehr bekannte lebende Fossilien sind etwa der Quastenflosser im Indischen Ozean oder das Australische Schnabeltier. "Diese Tierarten haben aufgrund ihrer einzigartigen Stammesgeschichte eine besondere Funktion, denn mit ihrem Aussterben würde der Bauplan eines gesamten Stammes für immer von der Erde verschwinden", führt der Experte aus. "Seit mehr als zehn Jahren machen sich Wissenschaftler darüber Gedanken, wie man solche Tiere unter Schutz stellen kann." Es sei klar, dass sich aus diesen Überlegungen eine besondere Gewichtung der Unterschutzstellung ableiten lasse. "Das Beispiel des Jangtse-Flussdelfins passt auf dieses Alleinstellungsmerkmal besonders gut. Es gibt zahlreiche Delfinarten im Meer, Flussdelfine sind hingegen besondere Raritäten, die sich bereits vor langer Zeit stammesgeschichtlich isoliert entwickelt haben. Mit dem Verschwinden dieser Spezies ist eine ganze Art ausgestorben." Das bedeute einen irreversiblen Verlust für die Wissenschaft.

Umbrella-Faktor

Fiedler betont zudem, dass ein besonderer Schutz solcher Tierspezies immer auch einen so genannten "Umbrella-Faktor" mit sich bringe. "Wer den Lebensraum einer solchen Tierart schützt, schützt damit auch andere Arten, die in dieser Umgebung oder diesem Habitat leben - angefangen von Pflanzen bis hin zu Insekten", erklärt Fiedler. Dass allerdings nicht nur Lebewesen in besonders kleinen Lebensräumen von Edge umfasst sind, zeige sich anhand des Baktrischen Kamels - der letzten lebenden Wildform des zweihöckerigen Kamels. Diese Tiere hatten die großen Weiten der mongolischen Steppe bevölkert, ehe ihr Lebensraum immer weiter eingeschränkt wurde. Heute umfasst der Bestand nur noch zwischen 300 und 500 Tiere. (pte/red)

  • Daubentonia madagascariensis, bekannt als Fingertier oder Aye-Aye, ist ein nachtaktiver Primat, dessen Verwandtschaft nur noch fossil erhalten ist. Um dem Aussterben der Art und anderer ähnlich stark gefährdeter Spezies beizukommen, hat Edge nun ein weltweites Schutzprogramm lanciert.
    foto:durrellwildlife.org

    Daubentonia madagascariensis, bekannt als Fingertier oder Aye-Aye, ist ein nachtaktiver Primat, dessen Verwandtschaft nur noch fossil erhalten ist. Um dem Aussterben der Art und anderer ähnlich stark gefährdeter Spezies beizukommen, hat Edge nun ein weltweites Schutzprogramm lanciert.

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