Forscher schlagen Alarm: Türkei ertränkt ihr antikes Erbe

24. Jänner 2007, 13:38
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Im zweiten Jahrhundert errichteter römischer Kurort Allianoi soll touristisch attraktiverem Wellness-Zentrum weichen

Istanbul - Seit Tausenden von Jahren sprudelt im westanatolischen Allianoi heißes Wasser aus der Erde. "Besonders gut ist es gegen Rheuma", sagt der Wissenschaftler Ahmet Yaras. Die alten Römer entdeckten die gesundheitlichen Vorzüge des bis zu 50 Grad heißen Thermalwassers schon im zweiten Jahrhundert und errichtenen einen prunkvollen Kurort mit Thermen aus Marmor und Hauptgebäuden auf fast 10.000 Quadratmetern.

"Fürchterliche Entscheidung": Staudamm soll geflutet werden

Heute leitet Yaras die Ausgrabungen in Allianoi und träumt davon, die Stadt zu einem Touristenmagneten und einem modernen Wellness-Zentrum zu machen. Doch das wird möglicherweise ein Traum bleiben: Die türkischen Behörden haben jetzt entschieden, einen unweit von Allianoi gelegenen Staudamm zu fluten. Schon in den nächsten Wochen könnte die antike Stadt im Stausee versinken, befürchtet Yasar. Seine letzte Hoffnung ruht auf den türkischen Gerichten - und auf der europäischen Öffentlichkeit.

Den Beschluss zur Flutung des nahe gelegenen Yortanli-Damms sei "eine fürchterliche Entscheidung", sagt Yaras. Der Damm wird schon seit den sechziger Jahren geplant und soll die Felder der Umgebung bewässern. Yaras und andere bekämpften den Damm bisher mit Erfolg; Allianoi wurde zur Schutzzone erklärt. Doch jetzt revidierte der zuständige Ausschuss seine Haltung und gab den staatlichen Wasserwerken grünes Licht für den Damm. "Bei einer Fertigstellung des Damms und normalem Niederschlag wird Allianoi im Februar unter Wasser stehen", sagt Yaras. Schätzungsweise 17 Meter soll die Wassertiefe in der Gegend von Allianoi betragen.

Beschluss verheimlicht

Das wäre eine Katastrophe, findet nicht nur der Grabungsleiter. Nur etwa 30 Prozent der gesamten Anlage seien bisher ans Tageslicht gekommen, sagt Yaras. Unter den bisherigen Funden ist unter anderem eine fast vollständig erhaltene Statue der Liebesgöttin Aphrodite. Eine Bürgerinitiative zur Rettung der antiken Stadt brandmarkte die Behördenentscheidung als "Hinrichtung". Umweltschützer in der nahen Großstadt Izmir wollen gegen den Beschluss vor Gericht ziehen, der laut Yaras schon Ende vergangenen Jahres gefasst, bis jetzt aber verheimlicht worden war.

Hinter der plötzlichen Eile bei der Flutung des Staudamms vermuten die Allianoi-Anhänger politische Motive. Vor der türkischen Parlamentswahl im November wolle die Regierung den Wählern im ländlichen Raum gegenüber Tatkraft zeigen, sagt Yaras. "Für die Wissenschaft aber wäre es ein schwerer Verlust."

Ähnliche Situation

Es wäre nicht das erste Mal, dass in der Türkei ein Staudammprojekt über einen Kulturschatz siegt. Vor einigen Jahren versank das antike Zeugma in Südostanatolien in den Fluten eines Stausees; nur mit knapper Not und in letzter Minute konnten damals Mosaike und Statuen gerettet werden. Die uralte Stadt Hasankeyf bei Batman im türkischen Südosten soll bald im Stausee des Ilisu-Damms versinken, der mit Hilfe Deutschlands, Österreichs und der Schweiz gebaut werden soll.

Hoffnung Europa

Ähnliches sieht Yaras jetzt auf Allianoi zukommen. Der Grabungsleiter ist nicht einmal sicher, ob die jetzt angekündigten Klagen gegen den Staudamm aufschiebende Wirkung haben werden. Dabei könnte Allianoi zu einem Aktivposten für die Türkei werden. Yaras verweist auf das Beispiel des Kurortes Badenweiler in Baden-Württemberg. Auch Badenweiler blickt auf eine lange Geschichte und auf eine Gründung durch die Römer zurück - doch anders als Allianoi ist der Ort bei Freiburg heute ein hochmoderner Kurort.

Yaras setzt deshalb auf Hilfe aus Europa. EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn will er anschreiben, damit Brüssel auf die Regierung in Ankara einwirkt. Auch die EU habe eine Verantwortung, einen Kulturschatz wie Allianoi zu erhalten, sagt er. Nur schnell müsse es gehen: "Die Flutung könnte jederzeit beginnen." (APA)

  • Nur etwa 30 Prozent der antiken Anlage sind laut Forschern bisher ans Tageslicht
gekommen - Behördenpläne könnten weitere Entdeckungen zunichte machen.
    foto: wikipedia/allianoi.org

    Nur etwa 30 Prozent der antiken Anlage sind laut Forschern bisher ans Tageslicht gekommen - Behördenpläne könnten weitere Entdeckungen zunichte machen.

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