Nervosität ist Eitelkeit: Simon Keenlyside

23. Jänner 2007, 15:38
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Der jüngst brillante Graf Almaviva an der Staatsoper, rundet sein Wiener Gastspiel am Freitag mit einem Liederabend im Mozartsaal des Konzerthauses ab

Der britische Bariton über die Leidenschaft Lied, Musikkritik und den Reiz von Nachrufen.


Wien - "Man singt sie, weil man muss - Lieder sind eine Herzensangelegenheit", findet Simon Keenlyside. "Gelegenheit gibt es immer, man kann nur nicht viel Geld damit verdienen. Der Betrieb geht mit Liederabenden falsch um: Immer häufiger werden sie in Opernhäusern veranstaltet, das Programm muss man dem übergroßen Raum anpassen. In Wien und London ist man verwöhnt. In der Wigmore Hall gab es, glaube ich, in letzten 20 Jahren jeden Abend ein Recital." Die gängigen Meinung, wonach man sich zuerst in der Oper einen Namen machen müsse, bevor das Lied an die Reihe käme, teilt er nicht.

"Im Gegenteil! Das Liedgut am Beginn der Karriere zu erarbeiten ist eine große Hilfe. Das Repertoire neben einer intensiven Operntätigkeit zu lernen, ist sehr schwierig." Stimmliches Management sei aber sehr wohl notwendig. "Für einen Posa oder auch Don Giovanni braucht man das Metallische in der Stimme, die Schärfe. Für Lieder müssen die subtilen Nuancen klingen können. Die Umstellung dauert einige Tage. Ich versuche, zwischen Oper und Liederabend etwa eine Woche verstreichen zu lassen."

Im Konzerthaus singt der Londoner Lieder auf Deutsch, Französisch und Russisch. "Ich würde ein weniger komplexes Programm bevorzugen", lacht der Bariton, "ein Komponist für jede Hälfte des Konzertes. Aber die Veranstalter sind meine Arbeitgeber und haben eigene Vorstellungen." In Sprachen zu singen, die er nicht fließend beherrscht, fällt ihm schwer. "Ich sehe die Enttäuschung in den Gesichtern von Fans, wenn sie nach einem Konzert ins Künstlerzimmer kommen und mir in einer Sprache, die ich den ganzen Abend lang gesungen habe, sagen, dass es ihnen gefallen hat und ich ihnen in dieser Sprache nicht antworten kann. 'Was will uns der eigentlich erzählen?', steht ihnen ins Gesicht geschrieben."

Wie viele Sänger, fühlt sich Keenlyside (Jahrgang 1959) auf dem Konzertpodium exponierter als auf der Opernbühne. Väterlicher Rat hilft gegen allzu große Nervosität. "Mein Vater, ein Geiger, hat immer gesagt, Nervosität sei ein Zeichen von Eitelkeit. Wenn man vollkommen in die Geschichte und die Emotion eintauche, gäbe es keinen Grund zur Sorge. Ich sehe das nicht ganz so, aber ein Körnchen Wahrheit ist schon drinnen. Man hat eine Geschichte im Kopf, die muss man rüberbringen. Lied ist Oper ohne Hut!"

Kein unlustiges Bild. Wobei: Das Bildhafte ist ein ganz spezielles Talent Keenlysides. Seinem Debütalbum (bei Sony BMG) aus dem Vorjahr hat der Bariton mit eigenen Karikaturen besonderes Flair verliehen. "Das Zeichnen amüsiert mich. Es ist auch eine Möglichkeit, sich an besondere Momente zu erinnern. In einer Pelleas-Produktion bestand die Bühne hauptsächlich aus Wasser. Wir sollten bis zum Bauch im Wasser stehen. Obwohl es warm war - die Bühne hat gedampft -, hat eine Sopranistin auf Gummianzügen bestanden und protestiert, als ich keinen anzog. Diese Situation musste ich einfach zeichnen!"

Karikaturen sind nicht das einzige ungewöhnliche Hobby Keenlysides - auch Nachrufe haben es ihm angetan. "Militärische Nachrufe sind faszinierend", sagt er mit blitzenden Augen. "Männer, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, und oft den Rest ihres Lebens unter einem Trauma zu leiden hatten, haben aber oft Großartiges für die Gesellschaft geleistet. Es ist mir klar, dass die Nachrufe von Menschen geschrieben wurden, die diese Leute geliebt haben, dennoch steckt in diesen Leben oft Beispielhaftes."

Der eigene Großvater war weniger vorbildhaft - mit nachhaltiger Wirkung auf Keenlysides Verhältnis zur Musikkritik. "Er war ein berühmter Geiger, aber seinen Töchtern ein schlechter Vater. Als er starb, fanden sie Schachteln voller Kritiken, Artikeln und Fotos. Aber was bedeutet das schon angesichts menschlicher Versäumnisse. Es ist vergilbtes Papier. Kritiken machen mich nervös." Die Zukunft nicht. "Ein Wozzeck in Paris, Eugen Onegin in Wien, 2010 Rigoletto. Wo, steht noch nicht fest. Ich kann mir den Ort noch aussuchen. Ist das nicht wunderbar!" (Petra Haiderer / DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2007)

  • Simon Keenlyside über das Lied als solches: "Man hat eine Geschichte im Kopf, die muss man rüberbringen. Lied ist Oper ohne Hut!"
    foto: standard/urban

    Simon Keenlyside über das Lied als solches: "Man hat eine Geschichte im Kopf, die muss man rüberbringen. Lied ist Oper ohne Hut!"

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