ÖH: "Die Revolution ist in Arbeit"

16. Juli 2007, 11:46
posten

Die Vorsitzenden der HochschülerInnenschaft waren zu Gast im derStandard.at-Chat - Das Protokoll zur Nachlese

"Wir kämpfen weiter". Barbara Blaha und Lina Anna Spielbauer vom ÖH-Vorsitzteam wollen sich nicht damit abfinden, dass die Studiengebühren bleiben. Ihr Parteibuch habe Blaha deshalb aber nicht verbrannt: "Ein einfaches Austrittsmail reicht". Warum sie glaubt, das Gusenbauer grantig ist, was gegen einen Hungerstreik spricht und was genau dazu geführt hat, dass ihre persönliche Schmerzgrenze überschritten wurde, erklärt Blaha im Chat mit derStandard.at.

Moderatorin: derStandard.at begrüßt Barbara Blaha und Lina Anna Spielbauer vom ÖH-Vorsitzteam im Chat. Wir bitten die UserInnen um Fragen!

Blaha und Spielbauer: Danke für die Einladung – wir freuen uns auf eine spannende Diskussion. B steht für Barbara und L steht für Lina, damit erkennbar ist, wer welche Frage beantwortet.

Moderatorin: Erste Frage ist eine Userfrage per mail: Und? Schon die Parteibücher verbrannt?

Blaha und Spielbauer: B: :-) Nein, ein einfaches Austrittsemail reicht. L: Ich habe kein Parteibuch.

reclaim the party: Hallo Barbara, zuerst mal Gratulation zu deinem sehr guten Auftritt bei "offen gesagt". Warum Parteiaustritt? Sollten wir nicht eher einen oppositionellen linken Flügel in der SPÖ aufbauen anstatt den Gusenbauers das Feld zu räumen? Schade, wenn die

Blaha und Spielbauer: B: Ich unterstütze jede Initiative druck auf die Bundesregierung bzw. den Bundeskanzler auszuüben. Vor allen Jungen, die in der SPÖ bleiben habe ich großen Respekt, nur meine persönliche Schmerzgrenze war erreicht. Jedenfalls schön, dass du weiterkämpfst. L: Wir kämpfen auch weiter – morgen gibt es österreichweit Kundgebungen und Protestmaßnahmen, ab 14:00 am Minoritenplatz – komm doch auch!

Konstantin: Soweit ich mitbekommen habe, wollen einige aus der VSSTOE und der SJ, dass die SPÖ gespalten wird! Was sagen Sie dazu?

Blaha und Spielbauer: B: Davon weiß ich wirklich nichts, das höre ich zum ersten mal.

neumüller: Frau Blaha, können Sie sich vorstellen wieder in die SPÖ einzutreten? Wenn ja, was müsste sich ändern?

Blaha und Spielbauer: B: Das ist für mich keine Perspektive, allerdings ist nicht gesagt, dass die SPÖ wieder irgendwann auch ihre Grundsätze vertritt. In allzunaher Zukunft erwarte ich das jedoch nicht.

Roberta Rigorosa: Konnten Sie den Studiengebühren-Quatsch nicht auch ein wenig vorhersehen?

Blaha und Spielbauer: L: Eigentlich nicht, wir haben nach den überraschenden Erfolg der SPÖ bei den Wahlen noch geglaubt, dass die Studiengebühren wie seit Jahren angekündigt und im Wahlkampf als Koalitionsbedingung propagiert, tatsächlich abgeschafft werden. B: Oder zumindest ein Kompromiss gefunden wird, der für die Studierenden eine reine Verbesserung bedeutet.

ElChris: Was ist für die offensichtlich sehr sozial eingestellte Studentenschaft das Problem dabei auch in geringem Ausmaß Sozialarbeit zu leisten?

Blaha und Spielbauer: L: Tatsächlich leisten heute schon zahlreiche Studierende ehrenamtliche Arbeit, 11 % haben eigene Kinder, 80 % Lohnarbeiten um sich das Studium zu finanzieren. Die Institutionalisierung von unterbezahlter und nicht abgesicherter Arbeit verschärft das Problem vor allem für ausländische Studierende. Diese haben nämlich keinen Zugang zu fair bezahlter Arbeit.

franz gans: Als franz gans kann ich Ihnen sagen: ich habe brutto 16 semester studiert, etwa 4 davon mit studiengebühren. hätte es studiengebühren von anfang an gegeben, hätte ich zielstrebiger und zügiger studieren müssen.

Blaha und Spielbauer: B: Komisch, bei den meisten Studierenden ist es genau umgekehrt. Durch die zusätzliche finanzielle Belastung müssen sie neben ihrem Vollzeitstudium arbeiten. Das verlängert ihre Studiendauer. L: 35 % der Studierenden brechen ihr Studium wegen der Mehrfachbelastung ab.

Moderatorin: Userfrage per Email: Schon mit Gusenbauer geredet seit Ihrem Austritt? War er grantig?

Blaha und Spielbauer: B: :-) Ich hatte noch keinen Termin mit Herrn Bundeskanzler Gusenbauer. Was man so hört soll es aber einen geben. Dass er grantig ist, kann ich mir lebhaft vorstellen.

schau ma X: was hätten sie bei den verhandlungen an der stelle von herrn gusenbauer gemacht?

Blaha und Spielbauer: B: Eine Möglichkeit wäre gewesen, die Forderung Studiengebühren abschaffen tatsächlich aufrecht zu erhalten und nicht schon am 15. November Kompromissvorschläge anzubieten. Eine andere wäre eine Minderheitsregierung gewesen.

Ale Pfu: was bitte ist so schlimm daran, wenn wahlversprechen nicht gehalten werden ?

Blaha und Spielbauer: L: Ein Faktor ist, das die Politikverdrossenheit steigt, zu recht steigt. B: Das beweist auch die jüngste Jugendstudie, die zeigt, das sich junge Menschen in Österreich immer weniger für Politik interessieren. Daher liegt es in der Verantwortung der PolitikerInnen Politik auch glaubwürdig zu gestalten.

Ministerium für Landesbeleidigung: Denken Sie nicht, daß Sie mit einem Thema etwas geringerer Priorität Ihrer Partei in einer sehr schweren Stunde geschadet haben?

Blaha und Spielbauer: B: Ich glaube nicht, das ich oder die Studierenden der SPÖ Schaden zugefügt haben. Vielmehr hat sie sich selbst geschadet. L: Im übrigen halte ich die Studiengebühren nicht für ein Thema gerigerer Priorität, es geht vielmehr darum, wer die Verantwortung dafür trägt, dass Bildung ein öffentliches Gut ist, das allen frei zugänglich ist.

Gerhard G.: wäre es nicht mal wichtiger auf die schlechten Bedingungen von Studenten mehr öffentlich hinzuweisen – als immer nur an den Studiengebühren rumzuhacken?

Blaha und Spielbauer: B: Es ist kein entweder oder – wir tun beides. Momentan ist in der medialen Diskussion die Studiengebührenfrage prominenter.

kegmeon: Es wurde irgendwann einmal von einer Ausweitung der Stipendien gesprochen. Was läuft da in die Richtung wirklich?

Blaha und Spielbauer: L: Offensichtlich sollen die Stipendien nach 8 Jahren endlich an die Inflation angepasst werden. Inwiefern die Bezugshöhe oder der BezieherInnenkreis ausgeweitet werden soll, steht noch in den Sternen. B: Wissenschaftsminister Hahn spricht jedenfalls von 25 Mio. Euro zusätzlich. Ob er die von Molterer bekommt, werden wir sehen.

Heidelbeere: Wie war das Gespräch mit Hahn?

Blaha und Spielbauer: L: Das Gespräch war nicht besonders aufschlussreich. B: Insgesamt sehr unverbindlich – mal sehen wie sich das weiterentwickelt.

Ale Pfu: wie verdient ihr eure studiengebühren ?

Blaha und Spielbauer: B: Ich bin Stipendienbezieherin und bekomme sie daher rückerstattet. Damit ich mir es leisten kann, sie auszulegen, arbeiten ich nebenbei als Deutschlehrerin.

Öschen: Interessehalber: Im wievielten Semester sind Sie? Sind sie "zügig" unterwegs?

Blaha und Spielbauer: B: Ich bin im 9. Semester. Bis zum Abschluss meines Studiums werde ich noch 3 bis 4 Semester brauchen. Grund dafür wie schon angesprochen, meine Berufstätigkeit. L: Ich schreibe meine Dissertation, dadurch dass ich 5 Jahre Alleinerzieherin bin und ehrenamtlich engagiert bin, habe ich die Regelstudienzeit um 2 Semester überschritten.

Moderatorin: Eine Userfrage per Email: Was ist bitte los mit den Studierenden? Wieos lassen sie sich diese ganzen Frechheiten gefallen? Wieso gibts keine Revolution? Wie lahm sind die Linken von heute eigentlich geworden???

Blaha und Spielbauer: L: Die Revolution ist in Arbeit, kommt doch morgen zur Kundgebung, oder nächsten Montag 18:00 in den 1. Stock des roten Bereichs der TU um Verbreitung und Vertiefung des Widerstandes mitzuorganisieren.

Heidelbeere: Kommt die Erhöhung der Gebühren, wenn schon nicht im nächsten Semester, eurer Meinung nach demnächst?

Blaha und Spielbauer: B: Wissenschaftsminister Hahn ließ sich dazu nicht festnageln. In der APA sagt er klar, sie werden nicht erhöht. Im Standard-Interview hört es sich schon ganz anders an. Insgesamt: Den Versprechen des ÖVP-Ministers ist traditionell wenig Glaube zu schenken.

fabrikant: Was sagen Sie Lehrlingen, die dieses "Nicht-Thema" zu recht satt haben und die Aufregung einiger abgehobener Studenten nicht verstehen ?

Blaha und Spielbauer: L: Wir unterstützen auch den Protest gegen den aufgeweichten Kündigungsschutz bei Lehrlingen. Es gibt an diesem Koaltionspapier viele Kritikpunkte. Als Interessensvertretung der Studierenden setzen wir uns einen Schwerpunkt klarerweise bei der Hochschulpolitik. B: Die Proteste der letzte Woche haben den Zusammenhalt der Jungen deutlich gezeigt: Lehrlinge, SchülerInnen und Studierende sind gemeinsam auf die Straße gegangen.

palantine: hallo frau blaha, frau spielbauer, vorerst gratulation an frau blaha, dass sie aus der spö austetreten ist. weiters würde mich interessieren, was sich die öh bei der anstehenden konkretisierung der studiengebühren für berufstätige studenten vorstell

Blaha und Spielbauer: B: Wichtig für uns ist es, dass jede Art von ehrenamtlicher Tätigkeit anerkannt wird und zur Befreiung von Studiengebühren führt. Ein großes Anliegen sind uns in diesem Zusammenhang auch die Studierenden mit Kind. L: Es tut mir leid, dass du das Problem der meisten Studierenden hast, deshalb kämpfen wir weiter für die beste Lösung: die ersatzlose Abschaffung der Studiengebühren.

ChristophG.: Wäre eine Reduzierung der Studiengebühren in einen Bereich von etwa 150 bis 200 Euro auch von Seiten der ÖH akzeptabel?

Blaha und Spielbauer: L: Eine Reduzierung wäre eine reale Verbesserung, die aber nicht die Zugangshürde Studiengebühren beseitigt. B: Die ÖVP wird an den Studiengebühren festhalten. Eine Reduktion ist daher auch nicht wahrscheinlich.

Interista81: Macht ihr Euch eigentlich in irgendeiner Form selbst Vorwürfe, vielleicht dem Parteichef nicht deutlich genug klargemacht zu haben, wie wichtig das Thema Studiengebühren den Studenten (und somit einer doch respektabel großen Wählerschaft der SPÖ) is

Blaha und Spielbauer: B: DIe Studierenden haben in den letzten 6 Jahren gezeigt, dass sie einen sehr langen Atem haben und die Problematik der Studiengebühren immer wieder aufgezeigt. Nicht zuletzt deshalb hat die SPÖ die Abschaffung der Studiengebühren auch zu einem zentralen Wahlkampfsthema erklärt. Für das Verhandlungsergebnis der SPÖ tragen nicht die Studierenden die Verantwortung.

Martin Purtscher: Ich bin von den Grünen enttäuscht. Warum haben sie keine Minderheitsregierung erst abgelehnt und dann als "Spaß" nach Abschluß der Großen Koalition so getan, also würden sie eine solche doch unterstützen. Was soll das? Was sagt da die grüne Jugend d

Blaha und Spielbauer: L: Keine Ahnung – frag die Grüne Jugend. Ich finde auch, dass die Grünen zu spät mit ihrem Vorschlag eine Minderheitsregierung zu stüzten herausgegangen sind. B: Auch die Grünen schielen eben auf Umfragedaten und das Ergebnis der nächsten Wahl.

Kelfuzius: Als ich gegen schwarz-blau demonstrieren ging, hatte ich das Gefühl für eine ganze Generation zu "sprechen". Hat man bei aktuellen Demonstrationen nicht das Gefühl, dass jeder für "seine" 350€ kämpft – oder steht doch die Wahllüge an sich im Vorderg

Blaha und Spielbauer: L: Der Unterschied zu den damaligen Protesten liegt darin, dass ein breiter Teil der Bevölkerung von der Hoffnung getragen war, dass unter einer SPÖ beteiligten Regierung, der neoliberale Kurs von schwarz-blau-orange nicht fortgesetzt wird. Die Proteste haben auch eine allgemeinpolitische Dimension.

Moderatorin: Noch eine Userfrage per Email: Sollte man nicht mehr tun als nur demonstrieren – das nützt ja eh nichts. Irgendwas dramatischeres. Hungerstreik? Schweigegelübde?

Blaha und Spielbauer: L: Ich bin viel zu verfressen für einen Hungerstreik :-). Die Möglichkeiten des Widerstandes sind auf jeden Fall noch nicht ausgeschöpft. B: Dass ich ein Schweigegelübde ablege, hätte die SPÖ wohl gerne :-)

Miklaus Röchlinger: Werden die Studiengebühren nicht vielzusehr als Symbol überinterpretiert? ich meine: mit Verbesserungen bei der Studienbeihilfe und dem Ausbau des Kreditsystems können doch ohnehin so ziemlich alles, die wollen, auch studieren? Habt Ihr Euch schon m

Blaha und Spielbauer: B: ad Studienbeihilfe: Eine Erhöhung des Bezuges hilft den sozial Schwächsten, aber genau jenen Studierenden, die finaziell ebenfalls nicht gut dastehen und gerade keine Studienbeihilfe mehr erhalten, hilft das nicht. ad Kreditsystem: Das ist keine Verbesserung zum Status quo. Das gabs ja auch schon bisher, in Anspruch genommen wurde es kaum – mit 23 ins Berufsleben zu starten mit mehreren Tausend Schulden ist nicht unbedingt reizvoll. L: Das Kreditmodell benachteiligt sozial Schwächere, die das Risiko einer Kreditaufnahme nicht so leicht tragen können. Frauen zahlen aufgrund der Einkommensschere Kredite etwa dreimal so lange zurück.

Moderatorin: Userfrage per Mail: Gusenbauer hat bei seiner Regierungserklärung angekündigt, selbst Nachhilfe geben zu wollen. Was halten Sie davon? Könnten Sie ihm eine/n Nachhilfeschüler/in empfehlen?

Blaha und Spielbauer: B: Dass er sich selbst angeboten hat, ist mir neu. Jedenfalls aber soll seine Tochter laut ihm Nachhilfe geben müssen.

aereo: Lieber Nachwuchs, gebt mir Hoffnung, von den Alten in der Partei halt ich nichts. Oder werdet ihr auch bald verkrustet sein ?

Blaha und Spielbauer: L: Offensichtlich bewirkt der Gang durch die Institionen eine Abkehr von den Grundwerten, denn vor 20 Jahren war die heutige Regierung noch die kritische Parteijugend. B: Um das zu verhindern und meinen Idealen treu zu bleiben, bin ich ausgetreten.

fabrikant: Sollte die Zeit, die für Demos vergeudet wird, nicht sinnvollerweise für die Prüfungsvorbereitung genutzt werden, zumal das Semesterende ansteht ?

Blaha und Spielbauer: B: Gesellschaftspolitisches Engagement, Einsatz für gemeinsame Interessen nur in den Ferien??? Da wird es wohl zu spät sein.

Moderatorin: Leider ist die Zeit schon vorbei. derStandard.at bedankt sich für das rege Interesse und die spannende Diskussion. Einen schönen Nachmittag noch!

Blaha und Spielbauer: Vielen Dank für die Diskussion, es hat uns gefreut hier zu sein, wir hoffen, wir sehen uns morgen bei den Kundgebungen.

Share if you care.