Eine 90-minütige Genussspanne

16. Jänner 2007, 15:12
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Wissen ausgeteilt in Brotschreiben: Vom Schreibprozess der Vorlesung - Teil zehn der derStandard.at-Serie

60.000 Zeichen – So viel muss für eine 90-minütige Vorlesung getippt werden. Das rechnet zumindest Konstanze Fliedl bei ihrem Vortrag „Vom Schreiben einer Vorlesung“ vor. 90 Minuten, das sei eigentlich eine lange Zeit, bedenke man dass das erste Konzentrationstief bei den HörerInnen schon nach den ersten 15 Minuten einstellen würde.

Diese 90 Minuten bezeichnet die Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Salzburg als "Einheit menschlicher Genussfähigkeit, denn auch Filme oder Fußballspiele dauern in der Regel solange". Laut Regisseur Alfred Hitchcock sei diese Zeitspanne sogar an die menschliche Blase angepasst. Verkürzt werde die „Genussspanne“ in Hörsälen meist durch das akademische Viertel, „oder die ProfessorInnen hören aus Mitgefühl mit ihren HörerInnen einige Minuten früher auf“, so Fliedl.

Eine Vorlesung werde aber nicht nur in Zeichen, Minuten oder Blasenkapazitäten gemessen, sondern auch am Aufwand. "Das ECTS-System hätte eine Revolution für das Hochschulsystem werden können, man hätte sich Noten erspart", so die Professorin. Doch hat sie Bedenken, dass sich menschliche Leistungen in Credits und Grades messen lassen.

Die Leistung der Studierenden unmittelbar während der Vorlesung könne man jedenfalls steigern, in dem man sie mit einbeziehe. Dies sei zwar zum Beispiel durch Impulsreferate möglich, aber: "Manche Sachverhalte lassen sich nicht 15 bis 20 Minuten erklären, danach lässt aber die Konzentration nach".

Fliedl berichtet, dass sie selbst einen Arbeitstag braucht, um eine Vorlesung zu tippen. "Die Vorarbeit ist darin aber nicht mit einbezogen." Die Vorlesung ist ihrer Ansicht nach auch keine schriftstellerische Tätigkeit, sondern eine Gebrauchsform, „wie ein Rezept oder eine Gebrauchsanleitung“.

Als Rechtfertigung der Vorlesung bezeichnet Fliedl das Ideal der Uni, „Forschung als Lehre zu präsentieren. "Teilt die Vorlesung denn Wissen aus wie beim Brot abschneiden", fragt die Germanistin. Vom Idealfall sei die Realität auf jeden Fall weit entfernt. "Wissen wird schreibend erst konstituiert", schließt sie aus ihren eigenen Erfahrungen, und: "Wissen kann nicht erfunden werden." (lis)

Nächster Vortrag: Ulrich Wyss (Frankfurt am Main): Der Muff von 1000 Jahren? Zur Tradition der Vorlesung

Die Ringvorlesung "Vorlesung²" wurde von Arno Dusini und Lydia Miklautsch konzipiert und richtet sich an HörerInnen aller Fakultäten. Die Vorlesungen finden im Wintersemester 2006/07 jeden Mittwoch um 18 Uhr c.t. statt.

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Vorlesung² an der Uni Wien

  • "Lässt sich Wissen austeilen wie beim Brot abschneiden", fragt Konstanze Fliedl, Professorin für Neuere deutsche Literatur.
    foto: standard/lesser

    "Lässt sich Wissen austeilen wie beim Brot abschneiden", fragt Konstanze Fliedl, Professorin für Neuere deutsche Literatur.

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