Mobiles Mobiliar

16. Jänner 2007, 19:35
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Es gibt nur eine Methode, Hotelbademäntel vordem Gestohlenwerden zu sichern: Sie müssen grauenhaft aussehen

Es war vergangene Woche. Da saßen wir mit E., der Chefin des kleinen Hotels und M., ihrem Freund, beim Essen. Und irgendwie kam das Gespräch auf das, was fehlt, wenn Gäste abreisen. Weil A. es sich nicht verkneifen konnte zu fragen, ob E. eine überzählige Reisetasche habe: Sie bekäme den Hotelbademantel beim besten Willen nicht mehr in unsere Koffer.

E. lachte: Dass jemand Bademäntel ihres Etablissements stehle, meinte sie, käme kaum vor. Eigentlich gar nicht. Und das, konterte sie meinen vermeintlich wissenden Einwurf, läge nicht daran, dass das Haus vor allem von Stammgästen besucht werde und die derzeit zum Großteil noch der Generation von E.s Vater angehörten.

Neuübernahme

M. und E. haben das Hotel gerade übernommen – und auch wenn der Generationswechsel in Management, Attitude und Webauftritt nicht zu übersehen ist, ist die Hardware knallhartes 70-er-Jahre-Arlberg-Skihotel: Blitzsauber, aber Alibert & Radiowecker und so Zeug – da erinnert schon das Zähneputzen an die Urlaub mit den Eltern. Aber sooo schlimm waren die eigentlich nicht. Und: Wer braucht zum Skifharen schon ein leblos-cooles Designerhotel? Eben.

Die Bademäntel, lachte E jedenfalls, stammten noch aus der Papa-Epoche. Wer sowas – oder die knallig gemusterten Handtücher – klaue, habe die Dinger verdient. Bei diesen, ansonsten flüchtigen, Artikeln gäbe es jedenfalls keinen nennenswerten Schwund. Und im Gegensatz zum Supernobelhaus einen Ort weiter, könne daher auf Schilder wie "bitte bedenken Sie, dass das Stubenmädchen persönlich dafür haftet, dass weder Handtücher noch Bademäntel abhanden kommen" verzichten: Sowas schrecke niemanden ab – und zeuge vor allem von schlechtem Stil den Mitarbeitern gegenüber.

Dauergäste

Geklaut, sagte M., werde aber überall. Und trotzdem. Oft in einem Ausmaß, das ihm manchmal schon unheimlich werde. Und dann erzählte er die Geschichte von jenen Stammgästen, die in dem Edel-Betrieb seiner Eltern – drei Täler weiter westlich – über Jahrzehnte jedes Jahr ein- bis zwei Wochen zum Skifahren gekommen seien: Man sei fast befreundet gewesen. Die Familie aus Wien sei mitunter sogar im Sommer, dann aber privat, eingeladen worden – und irgendwann, als M.s Mutter einmal in Wien war, sei sie zu einem festlichen Galadinner der Gäste in deren Gutbürgervilla am Stadtrand gebeten geworden.

Haus, Gastgeber und Gäste erzählte M., seien fein herausgeputzt gewesen, etwa 15 oder 20 Personen wären um den festlich und für mehrere Gänge gedeckten Tisch gesessen – und plötzlich sei seiner Mutter etwas bekannt vorgekommen: Richtig, erkannte die gute Frau, erzählte M., das Silberbesteck. Das kannte sie. Sehr gut sogar. Es trug ja auch die Prägung ihres Hotels. Und nicht etwa nur ein Messer – das ganze Besteck auf der Tafel. Und auch auf allen Rotweingläsern, den Serviettenringen, den Salz- und Pfefferstreuern und den großen Untersetztellern habe, so habe seine Mutter geschworen, sagte M, das Signet des Winterurlaubsheims geprangt.

Abgang

Seine Mutter, erzählte M. weiter, sei noch vor dem ersten Gang wortlos aufgestanden und gegangen. Man habe ihr erstaunt nachgerufen, ob ihr nicht gut sei. Sie sähe käseweiß aus. Ob sie ein Glas Wasser ... Aber da, so M., sei sie schon weg gewesen. Die gastgebenden Gäste dürften aber doch draufgekommen sein, wieso die Frau aus den Bergen so brüsk gegangen war: Sie hätten seither nie wieder einen Urlaub bei seinen Eltern gebucht – und auch sonst nichts mehr von sich hören lassen.

Manchmal, setzte E. fort, sei es aber auch nur skurril, was und mit welcher Beharrlichkeit gestohlen würde: Hier, in dem soeben von ihren Eltern übernommenen Haus, habe man früher eben der in den Bergen üblichen Rustikal-Deko gehuldigt. Unter anderem mit einem Korb voll Plastiksteinpilzen auf einem Treppenabsatz. Eines Tages, so E., habe ein Stubenmädchen gemeldet, dass der Korb leer sei und die Plastikpilze in einem Stammgast-Zimmer am Fensterbrett stünden.

Kommentarlos habe man die Schwammerln an ihren Ort zurückgebracht – doch am nächsten Tag seien sie wieder verschwunden gewesen. Das Stubenmädchen fand sie im Alibert ("normalerweise schauen wir wirklich nicht in die Laden und Kasteln der Gäste, ich schwör es"). Und wieder wurden sie – kommentarlos – zurück ins Körberl gebracht. Am dritten Tag war das aber wieder leer – und der bis dahin offen im Zimmer stehende Koffer sei versperrt am Kasten gelegen.

Unverschämt

Ihre Eltern hätten, erinnerte sich E., dem Gast gegenüber nichts gesagt. "Die depperten Schwammerln", seufzte E., "kosten ja nix. 20, 30 oder 50 Schilling vielleicht – wenn einer eine Woche Halbpension zahlt und sagt, er will das Zeug unbedingt haben, dann soll er doch damit glücklich werden. Aber ein bisserl unverschämt ist das auf die Art halt schon."

Sie habe in ihren Lehr- und Wanderjahren allerdings ein Hotel erlebt, in dem der Schwund deutlich geringer als anderswo gewesen sei, erzählte E.: "Im Gasteinertal hingen da einmal Schilder in den Bädern: ´Lieber Gast, unsere Handtücher, die Bademäntel und alles andere Inventar wurde so präpariert, dass es beim Verlassen der Hotelanlage explodiert´ - das war so vollkommen schwachsinnig, dass es den Leuten vielleicht peinlich war, zu klauen." M. sah E. an: "Vielleicht machen wir das in Zukunft ja auch so – aber den Fehler, das direkt auf die Handtücher zu drucken, machen wir sicher nicht: Ich habe früher Flugzeuglöffel gesammelt. Und zu den gesuchtesten Stücken gehören die, auf denen ´Stolen from Lufthansa´ draufsteht."

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