Ehemalige Swissair-Chefs vor Gericht

12. März 2007, 10:52
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Der Swissair-Absturz, die größte Pleite in der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte, kommt vor Gericht. Angeklagt sind Ex-Vorstände und Promi-Funktionäre

Bern - Mehr als fünf Jahre nach dem "Grounding" der Swissair kommt die größte Firmenpleite der Schweizer Wirtschaftsgeschichte vor Gericht. Ab Dienstag muss sich die ehemalige Führungsriege vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten, unter anderem wegen ungetreuer Geschäftsführung, Gläubigerschädigung und Misswirtschaft.

Schuld am Niedergang der Swissair ist nach Ansicht der Experten in erster Linie die gescheiterte Expansionspolitik in den Neunzigerjahren: Nachdem eine Partnerschaft mit KLM, AUA und SAS nicht zustande gekommen war, kaufte Swissair von Polen bis Portugal reihenweise kleine, marode Airlines auf, um auf Volumen zu kommen und ihre Langstreckenflugzeuge zu füllen. Doch diese "Hunter-Strategie", von McKinsey-Beratern ausgeheckt und Ex-Konzernchef Philippe Bruggisser umgesetzt, schlug fehl; das Geld ging aus, im Oktober 2001 blieben die Flieger auf dem Boden.

Ob es dabei neben unternehmerischen Fehlern auch strafrechtlich relevante Tatbestände gab, soll nun in dem bis März anberaumten Prozess geklärt werden. Unter den 19 Angeklagten befindet sich die Spitze der damaligen Schweizer Wirtschaftselite: Neben den beiden letzten Swissair-Konzernchefs Bruggisser und Mario Corti müssen weitere ehemalige Swissair-Aufsichtsräte wie Ex-Credit-Suisse-Chef Lukas Mühlemann, Holcim-Aufsichtsrat Thomas Schmidheiny, Privatbankier Bénédict Hentsch oder Andres Leuenberger, einst Vorsitzender des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse, auf der Anklagebank Platz nehmen. Angeklagt sich auch freisinnige Spitzenpolitiker wie Vreni Spoerry oder Eric Honegger. Pikantes Detail: Honegger, lange Jahre Finanzminister im Kanton Zürich, ist auch wegen Steuerbetrugs angeklagt.

Die Swissair sei, wie die Weltwoche schreibt, ein "Verschiebebahnhof freisinniger Würdenträger" gewesen: "Das Zürcher Wirtschafts-Establishment steuerte die Firma nach Gusto... Parteifreunde beaufsichtigten Parteifreunde. Loyale Weggefährten wurden zu Dekorationszwecken in höchste Ämter gehoben." Doch der Niedergang der Swissair sei eher ein Lehrstück über den helvetischen Polit- und Wirtschaftsfilz als ein Kriminalstück; es stehe ein "Schauprozess" an.

Indirekt angeklagt ist auch die freisinnige FDP, deren Nationalrats-Mandatar Rolf Hegetschweiler glaubt, dass die Verantwortlichen wohl die Lage falsch eingeschätzt, sich strafrechtlich aber nichts zuschulden kommen lassen hätten. Die Sozialdemokraten hoffen, dass endlich alle Fakten auf den Tisch kommen. (Klaus Bonanomi, Bern, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.1.2007)

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    Vom Nationalstolz Swissair blieb nach der Pleite nur das "Swiss" übrig. Sie gehört heute zur deutschen Lufthansa.

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