Feinkostladen für Dauerleihgaben: Albertina

23. Jänner 2007, 14:25
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Die Touristenattraktion Albertina zeigt Biedermeier und die Kunst der Aborigines - Spartenmuseum ist das Haus keines mehr

Wien - Die Albertina als "Graphische Sammlung" ein Spartenmuseum? Das war einmal. Unter der strategisch höchst erfolgreichen Leitung von Klaus Albrecht Schröder wird sie alles und noch mehr: historisches Museum, Völkerkundemuseum, Museum für angewandte Kunst, Sammlermuseum und vor allen touristische Sehenswürdigkeit.

Die Mozart-Ausstellung des Da-Ponte-Instituts im vergangenen Jahr blieb zwar weit unter den Erwartungen (bloß 270.000 Besucher in sechs Monaten), aber die Picasso-Schau machte vieles wett: Mit 725.000 Besuchern sei 2006 "das erfolgreichste Jahr seit der Wiedereröffnung" 2003 gewesen, verkündet Schröder.

Ganz so stimmt das natürlich nicht. Denn es war das zweitschlechteste Jahr der Direktion Schröder. Immerhin konnte die rasante Talfahrt von 804.678 Besucher auf 463.876 im Jahr 2005 gestoppt werden. Die Besucherzahl des Jahres 2004 (750.535) aber wurde nicht übertroffen.

2006 wuchs zumindest die Ausstellungsfläche auf nun mehr als 3500 Quadratmeter: Die neu errichteten "Jeanne und Donald Kahn Galleries" würden, so Schröder, im Bauprogramm der Albertina "einen weiteren Meilenstein" darstellen. Ein solcher Meilenstein hat natürlich auch seinen Preis: Die ehemalige Graphische Sammlung zeigt 2006 Die Kunst der Aborigines.

Angewandte Kunst

Zuvor, ab 2. Februar, präsentiert Schröder die Überblicksausstellung Biedermeier - Die Erfindung der Einfachheit. Zu den wichtigsten Leihgebern zählen das Danske Kunstindustrimuseet in Kopenhagen, das Museum für Angewandte Kunst Prag, die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg Potsdam sowie das Hofmobiliendepot. Die Graphik spielt nur eine Nebenrolle.

Die Schau sieht Schröder als "Präludium" an: Im Anschluss an die ganzheitliche Biedermeier-Darstellung lässt Schröder die strahlend renovierten Repräsentationsräume mit den Originalmöbeln von Joseph Danhauser ausstatten: Sie wurden im MAK gefunden oder zusammengekauft.

Dass in diesen Sälen bloß Faksimiles von Meisterwerken hängen: Das war einmal. Ab Mai zeigt Schröder tatsächlich etwa 80 Originalblätter aus dem 15. bis 19. Jahrhundert, die im Zweimonatsrhythmus ausgetauscht werden. Denn die Prunksäle als "mächtiges Symbol für das Erbe dieses Museums" stellen künftig eine Art Schausammlung dar.

Schröder bricht mit diesem Muss für Wien-Besucher aber nicht nur noch stärker in die Domäne von Schloss Schönbrunn und den Hofburg-Appartements ein: Um weiterhin mit großen Namen der Kunstgeschichte punkten zu können, geht er immer mehr Kooperationen mit Sammlern ein - wobei die Überlassung von Dauerleihgaben in vielen Fällen mit einer permanenten Präsentation verknüpft ist.

Im neu entdeckten "Spanischen Appartement", das gegenwärtig renoviert wird, soll dauerhaft Paul Klee zu sehen sein (die Albertina erwartet 65 Werke als Schenkung von Carl Djerrassi). Für die Eröffnung noch unbestimmten Datums will Schröder natürlich den spanischen König gewinnen.

Und in der unterirdischen Basteihalle, die Schröder für Wechselausstellungen errichten ließ, wird es keine mehr geben: Geplant ist die Etablierung einer Schausammlung der Kunst nach 1960 "unter Hereinnahme der Schenkungen und Dauerleihgaben".

Dort wird auch viel von Georg Baselitz zu sehen sein, dessen neue Remix-Arbeiten Schröder ab 18. Jänner vorstellt: Als Dauerleihgabe zumindest bis 2022 erhält die Albertina 58 Aquarelle und sieben Gemälde aus der Sammlung Rheingold ...(Thomas Trenkler / DER STANDARD, Printausgabe, 15.1.2007)

  • Friedrich von Amerling, Junges Mädchen (Detail), 1834,© 2007 Christian Wachter / VG Bild-Kunst, Bonn
    pressefoto: albertina

    Friedrich von Amerling, Junges Mädchen (Detail), 1834,
    © 2007 Christian Wachter / VG Bild-Kunst, Bonn

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