Under Byen: "Samme Stof Som Stof"

    25. Februar 2007, 17:22
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    Die Seele ist ein weites Land, zerklüftet und dunkel ... wie die Musik der besten dänischen Band: "Schlag, mein schwarzes Herz"

    Dänemark ist eine tektonisch gesehen eher ruhige Region - nichtsdestotrotz kommt die beste weil unverwechselbarste Band des Landes wie eine Naturerscheinung daher: Wie Erdbewegungen, Flut und Sturmwolken, darüber - in Form von Henriette Sennenvaldts Gesang - eine geisterhaft klagende Brise. All das zusammen ergibt den Sound von Under Byen; wollte man es prosaischer ausdrücken: halb Post-Rock, halb Kammermusik.

    Bag alle lukkede døre i ett hus fuld af gåder / Hinter allen verschlossenen Türen in einem Haus voller Geheimnisse

    Bevor's allerdings gleich zu Beginn auf eine falsche Fährte geht: der einleitende Absatz sollte nur die Klangwirkung beschreiben. Experimentelle skandinavische MusikerInnen, deren Sounds nicht zuletzt visuelle Assoziationen heraufbeschwören, werden ja ganz gerne in einen Naturmystik-Kontext gestellt, aber das ist hier (wie meistens) kompletter Quatsch. Alle Klüfte, Abgründe, Stürme und Flauten, um die es hier geht, liegen tief in der menschlichen Seele.

    Under Byen schaffen in ihren Texten hohe poetische Verdichtung, auf "Samme Stof Som Stof" arbeiten sie bevorzugt mit Bildern aus dem häuslichen Bereich. Da lösen sich Tapeten in modernden Räumen von den Wänden, ist ein Palast bis ins Innerste eingefroren, besucht ein Mädchen den "Onkel" in seiner Privatbibliothek und scheinen sich die darauf folgenden Sinneseindrücke zu einem Fall von Kindesmissbrauch zusammenzufügen. - Düster ist der Grundton also in jedem Fall: "Slå mit sorte hjerte" / "Schlag, mein schwarzes Herz".

    Seit der letzten regulären Album-Veröffentlichung 2002 hat es bei der Band aus Århus einige Umbesetzungen gegeben, zum Beispiel ist Gründungsmitglied Katrine Stochholm nicht mehr dabei. Geblieben ist allerdings die Bandstärke. Mit Neuzugängen haben sich Under Byen wieder zum Oktett formiert, und das hat seinen Grund: Den hohen Personalaufwand bedingt die Anforderung, einen Wall of Sound zu erzeugen, der weitgehend ohne Gitarren auskommen soll. Das Cello und andere Streichinstrumente übernehmen, ganz zu schweigen von einer riesigen Bandbreite an Percussions: von Ölfässern bis zum Xylophon. Und Schlagzeuge stehen im Band-Lineup generell im Plural.

    ... siehe etwa den Einstiegstrack "Pilot", der - Kammermusik hin oder her - um nichts Weniger tut als loszurocken, die abgehackten Akkorde passend zum Motorentakt des Flugzeugs, in das sich Henriette als blinder Passagier eingeschlichen hat: Ich war deine heimliche Braut, unsichtbar und beinahe unverwundbar in deiner Maschine ...

    Vi er gale og fine, skøre som glas / Wir sind verrückt und fein, zerbrechlich wie Glas

    Als alternativer Einstieg zwecks leichterer Zugänglichkeit bietet sich übrigens Track 11, "Palads" / "Palast", an: stark an die Cranes erinnernd und in sich der geschlossenste Song, fast schon Pop. Danach Track 3, "Tindrer" / "Leuchten": beginnend mit einem Klavierteil, zuckersüß und niedlich wie aus dem Streichelzoo - dann sich zu bombastischen Arrangements mit Celli, Glockenspiel und singender Säge aufschwingend: Wir leuchten, wir rasen, wir glühen, wir kommen nicht zur Ruhe. Und dann ist man bereit für die schwierigeren Stücke.

    Denn wie früher schon üben sich Under Byen im Wechselspiel zwischen heftigen, fast schon brachialen Teilen und solchen höchster Fragilität und geringster Lautstärke: Etwa im Song "Heftig", der sich um Einsamkeit und Selbstbefriedigung dreht und - ganz bandtypisch - als einzige wirkliche Paarung die von Schönheit und Düsternis zulässt; ähnliche Struktur im Titelstück, das schlicht "Aus gleichem Stoff wie Stoff" heißt. Oder ein lange Zeit in sich ruhender Song wie "Film og omvendt" / "Film und umgekehrt" (eine Verwechslung: Erinnerungen und Film und umgekehrt) mündet in Geheul und Gebraus, klingt schließlich mit statischem Rauschen aus.

    Gemeinsamer Grundzug all dieser Stücke und der meisten anderen: das Rock- oder auch Pop-Format wird komplett aufgebrochen. Was daraus entsteht ... nun, das ist auf jeden Fall etwas, das man unmöglich nur so nebenbei hören kann. (Josefson)

    • Under Byen: "Samme Stof Som Stof" (Morningside Records/PIAS 2006)
      foto: morningside records

      Under Byen: "Samme Stof Som Stof" (Morningside Records/PIAS 2006)

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      foto: morningside records
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