Die Sünde, das gute Leben und ihre Feinde

23. Jänner 2007, 15:45
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Autoren entdecken die sieben Todsünden neu – und versündigen sich: Zum Beispiel "Wie uns der Teufel reitet – Von der Aktualität der 7 Todsünden"

Hoffart. Neid. Habgier. Zorn. Trägheit. Völlerei. Unkeuschheit. Kurz: die sieben Todsünden. Einst wurden diese Begriffe mahnend ins Feld geführt, ging es doch um die apokalyptische Verdammung des Einzelnen im Jenseits. Im Gegensatz zu den Zehn Geboten, die die Binnenorganisation der Gemeinschaft begütigend und regulierend ordneten, zielten die Todsünden ins Innere des Menschen. Ist aber dieser Katalog der Laster nicht inzwischen antiquiert? Nein. Vielmehr hat er eine ganz erstaunliche Wandlung erfahren. Was früher als Verfehlung galt, erscheint heute als Ausdruck der Selbstverwirklichung. Aus Sünden ist ein Ensemble zeitgenössischer Tugenden geworden. Habgier ist der Treibstoff des Kapitalismus. Unkeuschheit, Wollust wird für einen ausgeglichenen Hormonhaushalt empfohlen. Zorn liefert die Power, um sich durchzusetzen. Hoffart oder Stolz heißt, den Körper zu respektieren. Völlerei ist eine Industrie mit tausenden von Arbeitsplätzen. In Zeiten einer Ökonomie der Aufmerksamkeit mag sich das moderne Bewusstsein, oszillierend zwischen Langeweile, Leere und einem verstörenden Überangebot an industrieller Sinnenverwirrung, daran erinnern, dass einst im Zentrum eine ganz andere Ökonomie stand, die von Laster, Sünde und Verdammung.

"Ein einfaches und doch wohl durchdachtes System zur Beschreibung menschlicher Verhaltensweisen" ist für den erklärten Atheisten Heiko Ernst die Liste der christlichen Affekteinhegung. Ernst leitet seit mehr als 25 Jahren die Zeitschrift Psychologie Heute. Das merkt man deutlich, verzichtet er doch auf einen historischen Unterbau, weit gehend auch auf philosophische Exkurse, von Theologischem ganz zu schweigen. Dafür skizziert er jede einzelne Todsünde eingängig und beschreibt, in welchen Masken und Maskierungen sie heute auftreten und wie sie in Schach gehalten werden können. Das summiert sich am Ende zu einer kleinen Anthropologie des modernen Menschen. Dass aber jede Abhandlung in praktischen Ratschlägen mündet, deren schlichter Anspruch ziemlich überraschungsfrei ist, enttäuscht etwas. Völlig ärgerlich dagegen ist sein reduziertes Menschenbild als rein viktimologische Existenz, als Opfer des Materialismus, das wehr- und schutzlos ökonomischen Verheerungen ausgesetzt ist. Sprich: einem Neoliberalismus, dem Ernst selbstgefällig und weit gehend kenntnisfrei jedes zur Verfügung stehende Ressentiment anklebt und der so zur achten Todsünde mutiert.

Auf diesem Argumentationsniveau trifft er sich mit dem Soziologen Gerhard Schulze. Das Leben unter den christlichen Geboten, namentlich unter den Verboten der sieben Todsünden war finster, freudlos und unfrei, so der Bamberger Wissenschafter. Schulze ist ein talentierter Plauderer und tänzelt anmutig durch ein philosophisches Minenfeld. Sein Vorhaben: die atavistischen Spuren der Ideologie von der Sündhaftigkeit in der Moderne nachzuweisen. Die Todsünden hat er ausgewählt, um auf dem Weg ihrer Dekonstruktion, manchmal auch ihrer Destruktion, eine Idee moderner Lebensgestaltung zu retten, das, was er schönes Leben nennt. Absurd? Abwegig? Überhaupt nicht, würde Schulze einen solchen Einwand parieren. Ohne Hoffart etwa, ohne den Stolz hätte es nicht den Furor eines Newton gegeben, der ihn zu seinen Entdeckungen antrieb. Ohne den Tabubruch der sexuellen Befreiung keine Möglichkeit zur individuellen Gestaltung heutiger Beziehungen, und ohne das als Völlerei inkriminierte Zulassen von körperlichen Bedürfnissen kein differenziertes Maß an schönem Leben. Überhaupt steht bei ihm die Idee des schönen Lebens über allem. Was früher als Sünde, ja als Todsünde bezeichnet wurde, sei heute als Moment der Glückssuche freigegeben. Von außergewöhnlichen asketischen Zumutungen sei der moderne Mensch entlastet – zum Glück.

Wie allerdings das Sachbuchlektorat des renommierten Verlagshauses Carl Hanser unbeanstandet fahrlässige Verkürzungen und stupende Reduktionen aus Philosophie und europäischer Geistes- wie Kulturgeschichte zum Druck befördern konnte, bleibt sein Geheimnis. So hält der Bamberger Professor Don Giovanni für den Mann mit dem Teufelspakt, Doktor Faust für einen Sucher nach dem Glück, und Sokrates soll einem Scherbengericht anheimgefallen sein. Da wird mit Nachdruck aus 50 Jahre alten, inhaltlich längst überholten Nachschlagewerken zitiert, und diese Aussagen werden als Eckpunkte der Argumentation verwendet. "Wegen ihrer leidenschaftlichen Ablehnung dessen, was heute westlicher Lebensstil heißt", zieht Schulze die Kirchenväter heran, um Freiheitsgewinne durch Privatisierung der Lebensführung zu bilanzieren – und ignoriert souverän deren Zeitgebundenheit. Als Sünde konnte ihnen nur das erscheinen, was sie sahen. Ob beispielsweise Zorn vielleicht situationsabhängig ist, ob Völlerei in Phasen einer Hungersnot anders zu bewerten ist als in Zeiten allgemeinen Überflusses, sind Fragen, die sich Schulze erst gar nicht stellt. Vollends rätselhaft wird es, wenn sich Schulze als Kontra-Figur ausgerechnet Max Weber zum Inbegriff des abgehoben-elitären Verächters der Normalbürger kürt. "Auf dich und mich, auf uns Alltagsmenschen der Gegenwart", schreibt Schulze, "die wir mit unseren Handys telefonieren, für zwei Wochen in die Karibik jetten, uns für Eigenheime abrackern, Klingeltöne herunterladen und abends fernsehen, schaut Weber mit dem verächtlichen Blick des deutschen Genies herab. Und so wird die alte Melodie der Kulturkritik bis auf den heutigen Tag nachgepfiffen, die Verachtung des Normalen." Unausgegorenes über Religion – "in Europa klopft das Magische zwar an die Tür, aber von seiner Wiederkehr kann noch keine Rede sein" – liest man zuhauf. Zu attestieren ist hier eine für einen universitätsbestallten Denker bedenkliche Definitionsinsuffizienz. Auf das Unangenehmste wird hier das von manchem im Stillen gehegte Vorurteil gegen die Soziologie als geschichtsblind bestätigt. Wenn Schulze beispielsweise "acedia" als "Faulheit" übersetzt, statt es zutreffender als "Herzensträgheit" zu benennen, und in dieser Todsünde einen Angriff auf die Freizeit und das "süße Glück des Nichtstuns" erkennt, dann wird deutlich, wie wenig er über den historisch gemeinten Sinn dessen nachgedacht hat, von dem er behauptet, wir hätten es hinter uns.

Da hat der Literaturwissenschafter und Mythenforscher René Girard in den vergangenen 25 Jahren, aufschlussreicherweise weder bei Ernst noch Schulze erwähnt, weitaus kundiger über Sünde, Opfer und den Sündenbock als Substitution geschrieben, ob nun in Der Sündenbock von 1988 oder im 2003 erschienenen Le sacrifice. Auf Girard bezieht sich auch der Filmwissenschafter Oliver Keutzer in seiner etwas umständlich geschriebenen, aber durchaus instruktiven Studie über Selbstopfer, Sündenböcke und die Subordination unter diverse Gewaltausprägungen im Film, von Way down East (1920) über Matador (1986) bis zur Matrix-Trilogie. "In-der-Welt-sein heißt In-der-Gewalt-sein", zitiert er den Philosophen Peter Sloterdijk. Sinniger müsste es heißen: In-der-Welt-sein heißt mit den Sünden zu leben. Noch heute. Was zu zeigen wäre. (Alexander Kluy/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.1.2007)

Zur Person
Alexander Kluy
lebt als freier Autor in München und schreibt für den Standard und für deutsche Zeitungen. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Berühmt in Wien" (Prestel Verlag).
  • Sünde und Verdammung. Im Gegensatz zu den zehn Geboten, welche die Organisation der Gesellschaft regeln, zielen die Todsünden ins Innere des Menschen. Unsere Abbildung zeigt ein Filmstill (hier Hoffart) aus David Finchers einschlägigem Todsünden- Film "Seven".
    foto: mawa / renée cuhaj

    Sünde und Verdammung. Im Gegensatz zu den zehn Geboten, welche die Organisation der Gesellschaft regeln, zielen die Todsünden ins Innere des Menschen. Unsere Abbildung zeigt ein Filmstill (hier Hoffart) aus David Finchers einschlägigem Todsünden- Film "Seven".

  • Heiko Ernst, "Wie uns der Teufel reitet – Von der Aktualität der 7 Todsünden". € 18,50/272 Seiten, Ullstein, Berlin 2006.
    buchcover: ullstein

    Heiko Ernst, "Wie uns der Teufel reitet – Von der Aktualität der 7 Todsünden". € 18,50/272 Seiten, Ullstein, Berlin 2006.

  • Gerd Schulze, "Die Sünde – Das schöne Leben und seine Feinde". € 22,10/288 Seiten. Hanser, München 2006.
Oliver Keutzer, "Eine(r) für Alle – Selbstopfer und Sündenböcke im Film". € 25,70/292 Seiten. Gardez! Verlag, Remscheid 2006.
    buchcover: hanser

    Gerd Schulze, "Die Sünde – Das schöne Leben und seine Feinde". € 22,10/288 Seiten. Hanser, München 2006.

    Oliver Keutzer, "Eine(r) für Alle – Selbstopfer und Sündenböcke im Film". € 25,70/292 Seiten. Gardez! Verlag, Remscheid 2006.

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