Weiße Flecken

23. Jänner 2007, 15:45
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"Eisflüstern", Bettina Balàkas gelungener Roman über das postkakanische Wien und einen Kriegsheimkehrer

Wenn Beck bei minus 45 Grad ausatmete, entstand vor seinem Mund eine Wolke aus weißen Kristallen, mit einem eigenartigen, knisternden Geräusch, 'Eisflüstern' wurde das genannt." Oberleutnant Balthasar Beck erinnert sich an das Kriegsgefangenenlager in Sibirien, in dem es lange nicht so besinnlich-kreativ zuging, wie es weiland dem Leutnant Heimito von Doderer beschieden war. Wenn man heute nach weißen Flecken im Geschichtsbild des Landes sucht, dann findet man sie nicht um 1938, sondern um 1918. Es gibt in der gegenwärtigen österreichischen Literatur wenige Romane, die sich ernsthaft mit der Zäsur des Ersten Weltkriegs, dem Zusammenbruch der Monarchie und dem Leben in der neuen Republik beschäftigen. Susanne Ayoub hat (mit Engelsgift) Derartiges versucht und ist über düstere Kolportage nicht hinausgekommen.

Jetzt hat Bettina Balàka ein Buch vorgelegt, das man, wäre militärische Metaphorik hier nicht anrüchig, getrost einen Volltreffer nennen könnte: Eisflüstern verknüpft Zeitgeschehen, psychologische Studie und Krimihandlung auf so verblüffend souveräne Weise, dass man sich fragt, weshalb im allgemeinen Jubel über das neue heimische Erzählwunder, über die Herren Geiger, Hochgatterer, Glavinic und Kehlmann, so wenig von Balàka die Rede war.

Zunächst ist dies alles andere als "Frauenliteratur", in des Wortes einschränkender Bedeutung. Männlich sind hier nicht nur die bevorzugten Erzählperspektiven, "männlich" im Sinne herkömmlicher Zuschreibungen ist auch die Autorenposition. In Eisflüstern nimmt Balàka sich ein Stück österreichischer Weltgeschichte vor, ohne Zögern und Zimperlichkeit, und richtet es sich nach Bedarf zu. Balthasar Beck, die Hauptfigur, erleidet ein typisches Heimkehrerschicksal: 1922 kehrt er, nach siebenjähriger Abwesenheit, per Schiff aus Russland nach Wien zurück, wo ihn die Autorin mit dezenter Symbolik beim "Friedhof der Namenlosen" in Albern an Land gehen lässt. Ein Kamerad ist, in Sichtweite des Leopoldsberges, an Bord auf absurde Weise ums Leben gekommen. Lange traut Beck sich nicht heim zu Frau und Tochter - die er noch nie gesehen hat. Er hat Angst, seine Marianne könnte inzwischen einen anderen gefunden haben. Das hat sie tatsächlich, was aber nur der Leser, nicht der Gatte erfährt, der schließlich doch nach Hause findet.

Balthasar Beck ist ein geschlagener, demoralisierter Mann, einer, der nicht einfach dort weitermachen kann, wo er vor dem Krieg stand, als "das Schlimmste, was ihm passieren konnte", fallende Börsenkurse waren oder "ein ungemütliches Diner oder ein lahmendes Pferd." Nicht der Hunger und die Unruhen in der einstigen Haupt- und Residenzstadt, nicht die neue Armut der Familie entmutigen ihn: Er hat ständig vor Augen, was er im Feld, im Lager erlebt und getan hat, und Balàka schildert das Schreckliche mit großer Genauigkeit, ganz unaufgeregt, ohne falsches Tremolo und daher umso eindringlicher. Die Autorin hat offenbar gründlich recherchiert, historisches Gerüst und Kolorit überzeugen, sieht man davon ab, dass ein defätistisch aufmüpfiger Gymnasiast unter Franz Joseph nicht strafweise an die Front gekommen sein kann: Dienstpflichtig war man erst mit 21.

Ähnlich wie der junge Leutnant in Franz Werfels zeitgenössischem Umbruchsroman Barbara oder Die Frömmigkeit (1929) leidet Beck, obzwar fortschrittlich gesinnt, unter dem Kollaps der militärischen und staatlichen Ordnung, unter dem Verlust des Offiziersprestiges. So sympathisierte er zunächst mit den Bolschewiken, kämpfte gar in der Roten Armee, um in Wien politische Abstinenz zu beschließen und seiner Frau ihre Mitarbeit bei den Kommunisten übel zu nehmen. Nach und nach taut Beck auf, er bemüht sich, Autorität anders auszuüben als sein despotischer Vater, er findet wieder zu seiner Frau und gewinnt die Zuneigung seiner Tochter.

Als Beck versucht, seinen alten Posten bei der Kriminalpolizei zurückzuerobern, trifft er seinen einstigen Freund und Vorgesetzten Moldawa zu eben jener mittäglichen Stunde beim Cognac am Schreibtisch an, die jener in Friedenszeiten einzuhalten pflegte. Beck hatte also Recht gehabt zu vermuten, dass, "auch wenn das Osmanische Reich und das Zarenreich und das Deutsche Kaiserreich auseinandergebrochen waren" die "uralte österreichische Amtsgepflogenheit der ausgedehnten Mittagspause immer noch bestand". Der Postenkommandant, den der Leser schon als allzu fürsorglichen Freund des Hauses kennen gelernt hat, gesteht dem totgehofften Rivalen eine Bewährungsprobe zu: Da gibt es einen passenden Fall um ein ausgegrabenes Veteranenskelett und ermordete Offiziere a. D., der bald mit dem ermittelnden Beck verknüpft zu sein scheint und der Autorin erlaubt, das postkakanische Zeitpanorama mit dem roten Faden eines Kriminalrätsels zusammenzuhalten.

Bettina Balàka beweist mit Eisflüstern, dass konventionelles, mit Einfallsreichtum und Lust am Detail praktiziertes Erzählen durchaus spannend sein kann. Ob sie Balthasars froststarres Innenleben ausbreitet oder Marianne über Gattenliebe und Versuchung nachdenken lässt oder den jungen Inspektor Ritschl (der kein Bösewicht ist) über den verderblichen Einfluss der jüdischen Rasse: Der Ton stimmt. Die Stärke von Eisflüstern liegt nicht zuletzt im Atmosphärischen. Balàkas Sprache ist präzis und sinnlich, zum Beispiel bei der grandiosen Beschreibung einer im Mühlrad hängenden Leiche. Und das Deutsch ist ein kongenial österreichisches, bis auf wenige Ausrutscher (wie das Wort "Fenstergardinen", das auch in höheren Breiten überdeterminiert wäre).

Vielleicht hätte man sich den Schluss der Geschichte - nicht die Krimi-Lösung - so plausibel wie das Ganze gewünscht. Die Freude über ein hervorragendes Buch wird dadurch nicht getrübt. (Daniela Strigl/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.1.2007)

  • Bettina Balàka, "Eisflüstern". ¬ 24,-/388 Seiten. Droschl, Graz-Wien 2006.
    buchcover: droschl

    Bettina Balàka, "Eisflüstern". ¬ 24,-/388 Seiten. Droschl, Graz-Wien 2006.

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