Wenn man Zagreb mit Schriftstellern aus dem 19. Jahrhundert
besucht, die ihren Geburtsort vorstellen, lernt man etwas dabei.
Als Gast des Hotel Palace wird man am Glavni Kolodvor, dem Hauptbahnhof in
Zagreb, von einem Mann in bordeauxroter Uniform erwartet. Es sind nur wenige
Schritte bis zum eleganten Stadtpalais, das vor 100 Jahren als Hotel
eröffnete.
Schon der Ausblick aus den parkseitigen Fenstern vermittelt einen ersten,
komprimierten Einblick in Geschichte und Kultur der kroatischen Metropole:
Rechts das Denkmal für den mittelalterlichen König Tomislav, davor steht ein
repräsentativer Kunstpavillon aus den 1890er-Jahren für die Weltausstellung in
Budapest, gestaltet vom Wiener Architekturbüro Fellner und Helmer. Geradeaus
die Akademie der Wissenschaft und Künste, nach einem Entwurf von Friedrich von
Schmidt erbaut. In Sichtweite weiters mächtige Platanen, Springbrunnen, eine
Galerie von Büsten berühmter Persönlichkeiten, beeindruckende Fassaden aus der
Gründerzeit und vor dem Haus die Haltestellen der Straßenbahnen: Nach links
nimmt man sie in Richtung Altstadt - nach rechts in den neuen Stadtteil südlich
des Flusses Sava.
Der Puls des Alltags schlägt kräftig im Zentrum Zagrebs, dem Platz Bana
Jelaèića.
Hier trifft man sich, und wenn nicht exakter vereinbart, einfach unter dem
Schwanz des Pferdes. Dieses Tier ist Teil des schwungvollen Reiterstandbildes für
Jelačić, den kroatischen Nationalhelden von 1848. Übrigens ein Werk
Anton
Fernkorns von dem auch die Rösser am Wiener Heldenplatz stammen.
Gschamsta Diener!
Zur Begrüßung mit Handkuss lüftet der elegante Herr seinen Halbzylinder. Mit
dem dunklem Cape, Handschuhen und Spazierstock ist er durchaus zeitlos
bekleidet, höchstens ein wenig overdressed für die frühe Stunde. Er stellt sich vor
mit dem Namen August Senoa, in Agram/Zagreb gelebt habender Schriftsteller,
dem es eine Ehre ist, die Besucher durch seine Heimatstadt zu führen. Die junge
Dame an seiner Seite im Kostüm mit bodenlangem Rock, Hütchen und Schirm sei
seine Kollegin, Marija Jurić Zagorka. Beide schrieben in kroatischer Sprache,
ihre
Werke sind noch immer äußerst populär.
Geboren wurden beide im 19. Jahrhundert, als sich Agram in dessen zweiter
Hälfte von einem kleinen Provinzstädtchen eines habsburgischen Kronlandes zur
Hauptstadt der Kroaten entwickelte. An dieser enormen Anstrengung waren
Senoa und die Zagorkan, wie sie genannt wurde, stark beteiligt. Was die zwei
Persönlichkeiten wohl zu den best geeigneten Stadtführern macht.
Lebendiges Denkmal
Am Beginn des Rundgangs bringt uns August ?enoa zu seinem eigenen Denkmal
in der Straße, in der er 1838 geboren wurde: Gleich ums Eck, in der hübschen,
alten Vlaska mit ihren einstöckigen Häusern und kleinen Geschäften. Der Vater
war Zuckerbäcker beim Bischof, August wurde nach Jahren in Prag und Wien zum
bedeutendsten Chronisten und schließlich Ehrenbürger seiner Stadt. Auf hohem
literarischem Niveau erfand er sozusagen den historischen Roman über seine
Stadt. Die Hauptfigur aus "Des Goldschmiedes Gold", das Mädchen Dora
Krupić,
wurde so berühmt, dass ihr eine Statue am "Steinernen Tor", wo die Führung
vorbeikommt, gewidmet ist.
Vier vergoldete Engel rundum die Säule der hl. Maria leuchten einem sogar bei
trübem Wetter vom Kaptol-Platz entgegen, auf dem kurzen Anstieg zum
Wahrzeichen der Stadt, der Kathedrale Maria Himmelfahrt, früher auch
Stephansdom genannt. Ihre heutige äußere Form mit den neugotischen, 105
Meter hohen Doppeltürmen ist ein bedeutender Entwurf des Architekten
Hermann Bollé. Er war Schüler von Friedrich Freiherr von Schmidt, dem
preisgekrönten Baukünstler der Donaumonarchie. Mit der Jahrzehnte lang
dauernden Generalrestaurierung musste er 1880, nach dem schweren Erdbeben
in Zagreb, beginnen. Er blieb in der Stadt für deren weiteren Ausbau und prägte
mit seinem späthistorischen Stil das urbane Bild.
Mit beschwingten Schritten übernimmt nun Frau Zagorka die Führung der kleinen
Gruppe, wir nähern uns ihrem Revier: Am Dolac, im Haus Nummer 8, lebte sie
einige Jahre. Auf diesem quadratischen Platz, unter einem Meer von roten
Schirmen findet täglich ab sechs Uhr früh geschäftiges Marktleben statt. Vom
ersten Stock des Gasthauses "Kerempuh" mit viel Atmosphäre und guter, deftiger
Küche bietet sich eine hervorragende Aussicht auf die farbenprächtigen Stände.
Gemeinsam mit Marija Jurić Zagorka steht man, nur wenige Minuten später,
vor
ihrem Denkmal in der malerischen Tkalčićeva-Gasse. An der Ecke
befindet sich
eine Leihbücherei, die ihren Namen trägt. Sie war Bestseller-Autorin, ihre
beliebten Romane wurden in Zeitschriften veröffentlicht - "Die Hexe von
Grić", ihr
größter Erfolg, auch als Theaterstück. Als erste Journalistin ihrer Zeit berichtete
sie politisch aus Budapest.
Ruhezentrum
Weiter geht unser Spaziergang bergauf in die Oberstadt zum mittelalterlichen
Kern - Gradec/Grić. Einst umtriebiges Zentrum, heute ruhig und erholsam
von
der alltäglichen Hektik der Unterstadt. Mittelpunkt ist der Markusplatz mit der
Pfarrkirche. Dekorativ leuchten die glasierten Dachziegel (Hermann Bollé) mit den
zwei Wappen - das kroatische und das Zagreber.
Sehr anschauliche und ergänzende Informationen über die Geschichte vermittelt
das Historische Museum der Stadt Zagreb in der Opatička Straße 8. Denn
alle
Fragen können auch Marija und August bei der abschließenden, lebhaften
Kaffeepause nicht beantworten. Gut so, es bleibt die Lust auf weitere
Entdeckungen in dieser noch immer wenig bekannten, liebenswerten Stadt in
unserer nächsten Umgebung. So fahren wir bergab in den Trubel der
Haupt-Geschäftstrasse Ilica - in einem blitzblauen Waggon der charmanten, 1891
in
Betrieb genommen Drahtseilbahn. Und verlassen damit ein Terrain, in dem sich
Herren mit Zylinder noch auskennen würden. (Brigitte Breth/Der Standard/
Printausgabe/13./14.01.2007)