Hut ab vor Zagreb!

12. Februar 2007, 23:54
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Wenn man Zagreb mit Schriftstellern aus dem 19. Jahrhundert besucht, die ihren Geburtsort vorstellen, lernt man etwas dabei.

Als Gast des Hotel Palace wird man am Glavni Kolodvor, dem Hauptbahnhof in Zagreb, von einem Mann in bordeauxroter Uniform erwartet. Es sind nur wenige Schritte bis zum eleganten Stadtpalais, das vor 100 Jahren als Hotel eröffnete.

Schon der Ausblick aus den parkseitigen Fenstern vermittelt einen ersten, komprimierten Einblick in Geschichte und Kultur der kroatischen Metropole: Rechts das Denkmal für den mittelalterlichen König Tomislav, davor steht ein repräsentativer Kunstpavillon aus den 1890er-Jahren für die Weltausstellung in Budapest, gestaltet vom Wiener Architekturbüro Fellner und Helmer. Geradeaus die Akademie der Wissenschaft und Künste, nach einem Entwurf von Friedrich von Schmidt erbaut. In Sichtweite weiters mächtige Platanen, Springbrunnen, eine Galerie von Büsten berühmter Persönlichkeiten, beeindruckende Fassaden aus der Gründerzeit und vor dem Haus die Haltestellen der Straßenbahnen: Nach links nimmt man sie in Richtung Altstadt - nach rechts in den neuen Stadtteil südlich des Flusses Sava.

Der Puls des Alltags schlägt kräftig im Zentrum Zagrebs, dem Platz Bana Jelaèića. Hier trifft man sich, und wenn nicht exakter vereinbart, einfach unter dem Schwanz des Pferdes. Dieses Tier ist Teil des schwungvollen Reiterstandbildes für Jelačić, den kroatischen Nationalhelden von 1848. Übrigens ein Werk Anton Fernkorns von dem auch die Rösser am Wiener Heldenplatz stammen.

Gschamsta Diener!

Zur Begrüßung mit Handkuss lüftet der elegante Herr seinen Halbzylinder. Mit dem dunklem Cape, Handschuhen und Spazierstock ist er durchaus zeitlos bekleidet, höchstens ein wenig overdressed für die frühe Stunde. Er stellt sich vor mit dem Namen August Senoa, in Agram/Zagreb gelebt habender Schriftsteller, dem es eine Ehre ist, die Besucher durch seine Heimatstadt zu führen. Die junge Dame an seiner Seite im Kostüm mit bodenlangem Rock, Hütchen und Schirm sei seine Kollegin, Marija Jurić Zagorka. Beide schrieben in kroatischer Sprache, ihre Werke sind noch immer äußerst populär.

Geboren wurden beide im 19. Jahrhundert, als sich Agram in dessen zweiter Hälfte von einem kleinen Provinzstädtchen eines habsburgischen Kronlandes zur Hauptstadt der Kroaten entwickelte. An dieser enormen Anstrengung waren Senoa und die Zagorkan, wie sie genannt wurde, stark beteiligt. Was die zwei Persönlichkeiten wohl zu den best geeigneten Stadtführern macht.

Lebendiges Denkmal

Am Beginn des Rundgangs bringt uns August ?enoa zu seinem eigenen Denkmal in der Straße, in der er 1838 geboren wurde: Gleich ums Eck, in der hübschen, alten Vlaska mit ihren einstöckigen Häusern und kleinen Geschäften. Der Vater war Zuckerbäcker beim Bischof, August wurde nach Jahren in Prag und Wien zum bedeutendsten Chronisten und schließlich Ehrenbürger seiner Stadt. Auf hohem literarischem Niveau erfand er sozusagen den historischen Roman über seine Stadt. Die Hauptfigur aus "Des Goldschmiedes Gold", das Mädchen Dora Krupić, wurde so berühmt, dass ihr eine Statue am "Steinernen Tor", wo die Führung vorbeikommt, gewidmet ist.

Vier vergoldete Engel rundum die Säule der hl. Maria leuchten einem sogar bei trübem Wetter vom Kaptol-Platz entgegen, auf dem kurzen Anstieg zum Wahrzeichen der Stadt, der Kathedrale Maria Himmelfahrt, früher auch Stephansdom genannt. Ihre heutige äußere Form mit den neugotischen, 105 Meter hohen Doppeltürmen ist ein bedeutender Entwurf des Architekten Hermann Bollé. Er war Schüler von Friedrich Freiherr von Schmidt, dem preisgekrönten Baukünstler der Donaumonarchie. Mit der Jahrzehnte lang dauernden Generalrestaurierung musste er 1880, nach dem schweren Erdbeben in Zagreb, beginnen. Er blieb in der Stadt für deren weiteren Ausbau und prägte mit seinem späthistorischen Stil das urbane Bild.

Mit beschwingten Schritten übernimmt nun Frau Zagorka die Führung der kleinen Gruppe, wir nähern uns ihrem Revier: Am Dolac, im Haus Nummer 8, lebte sie einige Jahre. Auf diesem quadratischen Platz, unter einem Meer von roten Schirmen findet täglich ab sechs Uhr früh geschäftiges Marktleben statt. Vom ersten Stock des Gasthauses "Kerempuh" mit viel Atmosphäre und guter, deftiger Küche bietet sich eine hervorragende Aussicht auf die farbenprächtigen Stände.

Gemeinsam mit Marija Jurić Zagorka steht man, nur wenige Minuten später, vor ihrem Denkmal in der malerischen Tkalčićeva-Gasse. An der Ecke befindet sich eine Leihbücherei, die ihren Namen trägt. Sie war Bestseller-Autorin, ihre beliebten Romane wurden in Zeitschriften veröffentlicht - "Die Hexe von Grić", ihr größter Erfolg, auch als Theaterstück. Als erste Journalistin ihrer Zeit berichtete sie politisch aus Budapest.

Ruhezentrum

Weiter geht unser Spaziergang bergauf in die Oberstadt zum mittelalterlichen Kern - Gradec/Grić. Einst umtriebiges Zentrum, heute ruhig und erholsam von der alltäglichen Hektik der Unterstadt. Mittelpunkt ist der Markusplatz mit der Pfarrkirche. Dekorativ leuchten die glasierten Dachziegel (Hermann Bollé) mit den zwei Wappen - das kroatische und das Zagreber.

Sehr anschauliche und ergänzende Informationen über die Geschichte vermittelt das Historische Museum der Stadt Zagreb in der Opatička Straße 8. Denn alle Fragen können auch Marija und August bei der abschließenden, lebhaften Kaffeepause nicht beantworten. Gut so, es bleibt die Lust auf weitere Entdeckungen in dieser noch immer wenig bekannten, liebenswerten Stadt in unserer nächsten Umgebung. So fahren wir bergab in den Trubel der Haupt-Geschäftstrasse Ilica - in einem blitzblauen Waggon der charmanten, 1891 in Betrieb genommen Drahtseilbahn. Und verlassen damit ein Terrain, in dem sich Herren mit Zylinder noch auskennen würden. (Brigitte Breth/Der Standard/ Printausgabe/13./14.01.2007)

  • Koratiens Hauptstadt mit Einheimischen zu besuchen, ist nicht die schlechteste Idee. Sehr lehrreich ist so eine Führung beispielsweise mit Frau Zagorka.
    foto: touristische gemeinschaft der stadt zagreb

    Koratiens Hauptstadt mit Einheimischen zu besuchen, ist nicht die schlechteste Idee. Sehr lehrreich ist so eine Führung beispielsweise mit Frau Zagorka.

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