Expansion der Randexistenzen

12. Jänner 2007, 19:09
posten

"Elling" in den Wiener Kammerspielen: Regisseur Harald Posch hat Schauspiel mit reichlich Slapstick gesättigt

Wien – In den 1990ern, als Toleranzversuche zur Modeerscheinung aufstiegen, schrieb der Norweger Ingvar Ambjørnsen seine Elling-Tetralogie. Darin zu finden ist die Resozialisierungsgeschichte von Elling und Kjell Bjarne, zwei der Normwelt entrückten Freunden, die sich in der Klapsmühle aneinandergeschweißt haben. Das unscheinbare Muttersöhnchen und der erschreckend lustgesteuerte Körperklotz, gemeinsam bemühen sie sich, ihrer neuen Osloer Umwelt etwas Positives abzugewinnen.

Diese liebevolle Wirklichkeitsverkehrung brachte der Verfilmung Elling 2002 eine Oscar-Nominierung ein, das Stück erlebt seitdem auf deutschsprachigen Kleinbühnen ein Aufführungsfeuerwerk – nun als Bühnenbearbeitung von Axel Hellstenius in den Kammerspielen. Alexander Pschill schnallt sich also als Jungrentner Elling die Bundfaltenhosen zum Bauchnabel und setzt, von Regungsmarotten besessen, an, mit seinem schwerfälligen Wegbegleiter (Oliver Huether in Holzfällermontur und Birkenstock) die Welt zu erobern.

Wunschgemäß würde sich diese auf die eigene Wohnung beschränken, wären da nicht Kjell Bjarnes Frauenbesessenheit, die lästigen Interventionen des schwer lässigen Sozialarbeiters (Dirk Nocker) und Elling s Neugier gegenüber Restweltphänomenen. So wird das Sozialloft (Bühne/Kostüm: Stefan Koch) zur Basisstation für Erkundungsabenteuer: Für erste Telefonanrufe (Elling: "Hallo. Ich habe Durst. Danke, gleichfalls!"), Restaurantbesuche und für Kjells ersehnten Frauenkontakt – Reidun Nordsletten (Pilar Aguilera) mit erforderlich robustem Gemüt.

In der ersten Hälfte will die Produktion nicht von der wundervollen Figurenkonstellation profitieren. Regisseur Harald Posch hat Schauspiel mit reichlich Slapstick gesättigt, und durch Pschills hochgeschraubten Komödiantenges-tus ist oft das verschrobene Gleichgewicht der Hauptfiguren gefährdet. Im Fortschritt des Geschehens kann der Abend aber dann doch einigen Charme entfalten. Wenn Hue-ther die Liebesqualitäten seiner Figur im grobschlächtigen Umschmeicheln eines Ohrensessels probiert, sind die anfänglichen Unterhaltungsfesseln vergessen. (Georg Petermichl/ DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.1.2007)

  • Alexander Pschill als Elling: "Hallo. Ich habe Durst. Danke, gleichfalls!"
    foto: rita newman

    Alexander Pschill als Elling: "Hallo. Ich habe Durst. Danke, gleichfalls!"

Share if you care.