Ein Kino im Zeichen des Übergangs: "Roberto Rossellini und der italienische Neorealismus"

12. Jänner 2007, 18:59
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Das Österreichische Filmmuseum zeigt derzeit einen Rückblick auf Filme, die in den 1940er-Jahren begannen, schon wieder die Wahrheit zu sagen, als die Unwahrheit noch an der Macht war

Wien - Fünf Zigaretten kosteten im Jahr 1947 in Berlin zwanzig Mark. Die Rente für einen kranken Veteranen des Ersten Weltkriegs betrug 50 Mark. Die Karten für die Zuteilung von Lebensmitteln wurden "Hungerkarten" genannt. Die Stadt lag in Trümmern, und die Ökonomie war aus den Fugen geraten.

In dieser Situation zählt das Kino eigentlich nicht zu den Grundbedürfnissen der Menschen. Der italienische Regisseur Roberto Rossellini sah die Sache anders: Er drehte im Spätsommer 1947 in Berlin den Film Deutschland im Jahre Null. Dieser zählt heute zu den zentralen Dokumenten des Neorealismus. Immer noch gibt er ein eindringliches Bild von den Lebensverhältnissen unmittelbar nach dem Untergang des nationalsozialistischen Regimes.

Zehn Menschen oder vier Parteien leben gemeinsam unter einem notdürftigen Dach in einem teilweise erhalten gebliebenen Haus. Die Köhlers sind Untermieter bei Herrn Rademacher, einem ungnädigen Herrn. Der Vater Köhler hat ein schwaches Herz, der Hunger setzt ihm zu. Die Tochter geht abends in Bars - einzig mit dem Ziel, die Zigaretten, die sie angeboten bekommt, in der Handtasche verschwinden zu lassen. Der Sohn hält sich versteckt, weil er im Krieg "seine Pflicht getan hat". Edmund ist der jüngste Köhler. Er ist noch ein Kind, er muss sich aber wie ein Großer durch die Stadt schlagen. Weil er die Erwachsenen beim leichtfertigen Wort nimmt, begeht er eine schreckliche Tat, und zieht daraus eine einsame Konsequenz.

(K)ein Neubeginn

Deutschland im Jahre Null widerlegt seinen eigenen Titel, die Gründungsmythologie vom Neubeginn. Null ist kein Ausgangspunkt, sondern ein Ende, bei dem es vor allem dar-auf ankommt, wer es macht: die Faschisten oder ihre Opfer. Rossellini hatte zuvor noch in Italien zwei Filme (Rom, offene Stadt und Paisà) gedreht, die auf ähnliche Weise die letzten Opfer und die ersten Freien zueinander in Beziehung setzten.

Der Neorealismus, der sich daraus entwickelte, blieb im Grunde ein Phänomen innerhalb der besiegten Mächte. Im Rückblick wird jedoch immer klarer, dass dessen Charakteristikum nicht so sehr die "realistischen" Strategien waren (Darsteller aus dem Volk, Drehort Straße, Ästhetik der Armut ...), sondern seine besondere Stellung in der Geschichte des 20. Jahrhunderts:

Der Neorealismus besetzt die Stelle des Übergangs aus dem faschistischen System. Er löst die von Adorno beschriebene Aporie, dass es 1944 in Deutschland "keine revolutionäre Massenbewegung gab". Stattdessen gab es einige markante Filme, die eben jene Massenbewegung antizipierten - in Deutschland wäre Helmut Käutners Unter den Brücken zu nennen, in Italien sind es die drei genannten Filme von Rossellini, vielleicht auch noch Giorni di gloria, ein Dokumentarfilm über die "resistenza" von Giuseppe De Santis. Sie enthalten jeweils Ende und Anfang, sie begannen, mit Bildern schon wieder die Wahrheit zu sagen, als die Unwahrheit noch an der Macht war.

Wenn man den Neorealismus als eine Bewegung mit einer eigenen Geschichte sehen möchte, wie es das Filmmuseum mit einer Liste von Arbeiten bis 1960 tut, dann wäre dies eine interessante heutige Perspektive darauf: wie sich aus diesem einen mythischen Moment, in dem Rossellini mit einer Rolle Film auf die Straßen von Rom ging, für ein paar Jahre ein System entwickelte:

Mit Stars wie Anna Magnani (Bellissima), mit Themen aus der Subsistenzwirtschaft (Riso amaro, La terra trema) und darunter (Ladri di biciclette), mit dem Versuch, die neue Gesellschaft in ihrer Ganzheit zu erfassen (Roma ore 11 von Giuseppe De Santis nach einem Buch von Cesare Zavattini, dem Realisten unter den Neorealisten).

Wie man in Luchino Viscontis Bellissima (1951) sehen kann, in dem "die Schönste von Rom" gefunden werden soll, stand der Neubeginn schon früh im Zeichen der Konsumgesellschaft und der Kulturindustrie. Dagegen hatte der Neorealismus keine Chance. 1960 blickte Rossellini in Era notte a Roma auf "seine" Jahre 1943/44 schon zurück wie auf einen Besitz, der ihm unter den Händen entwendet wurde.

Er bietet noch einmal alles auf, was ihm zu Gebote steht, aber er steht schon an der Schwelle zu der Didaktik seiner späteren TV-Arbeiten. Ein heutiger Neorealismus zeigt sich nicht dort, wo die Bilder "stimmen", sondern wo die Zeichen der Zeit gelesen werden. Das bleibt das Vermächtnis von Rossellini. (Bert Rebhandl/ DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.1.2007)

"Roberto Rossellini und der italienische Neorealismus"
Bis 8. 2.
  • Star des Neorealismus: Anna Magnani kämpft in "L'amore. Due storie d'amore" (1948) am Telefon um ihre Liebe.
    foto: österreichisches filmmuseum

    Star des Neorealismus: Anna Magnani kämpft in "L'amore. Due storie d'amore" (1948) am Telefon um ihre Liebe.

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