Herz ist Trumpf!

19. Jänner 2007, 14:45
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Mit dem kommende Woche erscheinenden Album "This Atom Heart Of Ours" legt die Kärntner Indie-Pop-Band Naked Lunch ihr Meisterstück vor

Mastermind und Sänger Oliver Welter im Interview über Romantik, Melancholie und das Weitermachen.


Wien - Ursprünglich plante Oliver Welter als komponierender Alleinvorstand der seit Anfang der 1990er-Jahre bestehenden Klagenfurter Band eigentlich ein kleines feines, intimes Singer/Songwriter-Album. Aber, so Welter im Interview: "Gott sei Dank ist daraus nichts geworden!" Zwei Jahre nach dem großen, auch rein persönlich aus einer Zeit der privaten Krisen herausgekommenen Befreiungsschlag Songs For The Exhausted (sprich: "Lieder für die Erschöpften/Ausgelaugten") haben sich die Lebensumstände der Band aus dem für Pop doch recht abgelegenen Wohnort Klagenfurt noch ein weiteres Mal entschieden zum Guten verändert.

Das kommenden Freitag beim Berliner Label Louisville Records erscheinende Album This Atom Heart Of Ours (Vertrieb: Universal) klingt nicht nur ungleich optimistischer als sein Vorgänger. Auch stilistisch hat man sich von den engen stilistischen Vorgaben des melodiösen Grunge-Sounds und auch dessen Produktionsbedingungen endgültig freigespielt. Die kennzeichneten vor allem das Frühwerk der Band, etwa Balsam (1992) oder Superstardom (1997).

Nach dem international viel versprechenden, die Türen hin zur Moderne öffnenden Album Love Junkies aus 1999 bis zu Songs For The Exhausted häuften sich die Katastrophen. Der ursprüngliche, auch als Theaterdramatiker viel versprechende Originalbassist Georg Timber-Trattnig soff sich 2000 buchstäblich zu Tode. Welter war mehrere Monate ohne festen Wohnsitz. Die von großer Depression, aber auch von melodiöser Schönheit gekennzeichnete CD Songs For The Exhausted kam 2004 als letzter Versuch, doch noch Boden unter die Füße zu bekommen. Mit dem neuen Album This Atom Heart Of Ours und einer wunderbar kitschigen Spacerock-Hymne, der aktuellen, an die besten Arbeiten der kongenialen US-Band Flaming Lips erinnernden Single Military Of The Heart, scheint aber heuer endlich auch im kommerziellen Sinn alles gut zu werden.

Neue Perspektiven

Oliver Welter: "Das letzte Album war der Soundtrack eines kleinen Männchens im Erdloch, das von dort aus verzweifelt sein Unglück beklagt. Inzwischen habe ich eine Frau und zwei kleine Kinder und damit wohl auch so etwas wie eine Perspektive im Leben. Die steht mitunter eben auch für ,Glück'. Man braucht das alles jetzt nicht zu beschönigen, aber: Manchmal fliegt man von zu Hause weg und denkt, dass es doch schön wäre, wenn man nie mehr zurückkommen müsste, weil man die Kleinen daheim am liebsten auf den Mond schießen möchte. Aber zum Thema des ewigen Leidens an der Welt kommt jetzt gleichgestellt eben auch das Glück dazu, das man in und mit der Familie empfinden kann."

Der End-30er Oliver Welter gilt im Verein mit Keyboarder Stefan Deisenberger und Bassist und Soundarchitekt Herwig Zamernik, der im Vorjahr solo als Fuzzman ein kleines, feines und versponnenes Soloalbum auf den Markt brachte, seit Jahren als größtes Talent im heimischen Songwriting - wenn es um sehnsüchtigen, verzweifelten und an den Grenzen zu Pathos und Kitsch immer noch gerade vorbeijubilierenden Pop geht. Immerhin wurde die Band schon bald nach ihrer Gründung auch international herumgereicht und als nächste große Hoffnung aufgebaut. Dem damals modischen Grunge im Stile von Nirvana oder Dinosaur Jr. sollte Anfang der 90er-Jahre Paroli geboten werden.

Bezüglich der Motivation, wegen aller an die Substanz gehenden Fehlschläge, die den Werdegang von Naked Lunch kennzeichnen, trotzdem unbeirrt weiterzumachen, hält Oliver Welter eine pragmatische Antwort bereit: "Zum Musikmachen gibt es für mich weder eine reelle Alternative im Sinne einer bürgerlichen Karriere noch eine des Herzens. Die Zeiten scheinen außerdem für uns besser geworden zu sein."

Neue Songs wie Military Of The Heart oder wunderbar zwischen Wohlklang und Zerfall angesiedelte elektronische, von Harmonium wie gebrochenem Kopfstimmengesang getragene Pop-Kompositionen wie das sich kreiselhaft in den Wahnsinn treiben lassende Waterfall, das mit kosmopolitisch ausgerichteten Kärntner Grenzlandchören behübschte In The Dark oder das elegische, mandolinen- und lärmschlierenverzierte Town Full Of Dogs sind im Vergleich zur Verzweiflung der Exhausted-Phase nun einer unterstellten "heiteren Melancholie" gewichen.

Diese mag Welter im Interview aber so ganz und gar nicht bestätigen: "Das ist so eine Adalbert-Stifter-Formulierung, mit der ich gar nichts anfangen kann! Die Aufgabenstellung für das neue Album war eine andere. Kitsch und Pathos schätze ich als stilistische Mittel sehr. Ich bin ja auch an und für sich ein sehr romantischer Mensch. Romantik muss man zulassen! Im Gegensatz zu von mir heiß geliebten aktuellen musikalischen Vorbildern wie Antony & The Johnsons oder Flotation Toy Warning habe ich allerdings Musiker in der Band, mit denen ich gegen etwaigen Kitsch oder die hymnischen Elemente in den Songs immer entschieden anarbeite."

Welter weiter: "Mit Ausnahme von Großmeistern des deutschen Schlagers wie Drafi Deutscher, der das wirklich konnte, fühle ich mich immer gleich unwohl, wenn am Ende eines Liedes ein Chor der Wahnsinnigen auftritt, der den Meister vorn auf der Bühne in seiner Melancholie und Schwermut unreflektiert unterstützt."

Mit den auf dem neuen Album unterstellt verhandelten zentralen Begriffen Sehnsucht, Liebe und Freiheit kann Oliver Welter trotzdem leben.

Welter: "Jeder mag die großen Themen im Leben. Entscheidend ist die Frage: Warum traut man sich, ganz ohne möglicherweise diesbezüglich erst mit dem Alter kommenden Zynismus, nicht selber an diese heran?" (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.1.2007)

Ab Ende Jänner befinden sich Naked Lunch auf Tournee
Info:
Naked Lunch auf myspace.com
  • Die Kärntner Indie-Rocker Oliver Welter (links), Stefan Deisenberger und Herwig Zamernik alias Naked Lunch: "Romantik muss man zulassen."
    foto: standard/ heribert corn

    Die Kärntner Indie-Rocker Oliver Welter (links), Stefan Deisenberger und Herwig Zamernik alias Naked Lunch: "Romantik muss man zulassen."

  • Naked Lunch - This Atom Heart Of Ours (Universal), ab 19. 1. im Handel.
    albumcover: universal

    Naked Lunch - This Atom Heart Of Ours (Universal), ab 19. 1. im Handel.

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