"Linz braucht mehr Kunstsinn"

12. Jänner 2007, 18:21
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Im Mai 2004 hat sie die Leitung des Linzer Museums für zeitgenössische Kunst, Lentos, übernommen: Stella Rollig im STANDARD-Interview

Seither versucht sie mit rund 600.000 Euro pro Jahr "das Beste zu bieten". Stella Rollig im Gespräch mit Kerstin Scheller und Markus Rohrhofer.




STANDARD: Der kontinuierliche Rückgang der Besucherzahlen seit der Eröffnung des Lentos 2003 hat bei den Stadtpolitikern die Alarmglocken schrillen lassen. Wie sehen die Zahlen für dieses Jahr aus?

Stella

Rollig:
Die Besucherzahlen sind deutlich gestiegen. Im Jahr 2005 waren etwa 58.000 Besucher im Haus. Die Prognose zum Jahresende 2006 hin lag zwischen 70.000 und 75.000. Zu dieser Steigerung hat wesentlich die Gottfried-Helnwein-Ausstellung beigetragen.



STANDARD: Auch wenn für dieses Jahr ein Aufwärtstrend zu erkennen ist, die deutlich hinter den Erwartungen der Politik gebliebenen Zahlen – Bürgermeister Franz Dobusch sprach von 150.000 Besuchern – haben dazu geführt, dass eine strategische Neuausrichtung eingefordert wurde. Wie sieht diese aus?

Rollig: Ziel dieses Prozesses war nicht, Besucherzahlen zu maximieren. Denn im Vergleich mit anderen Häusern wie Salzburg oder dem Kunsthaus in Graz hat sich gezeigt, dass im zweiten und dritten Jahr nach der Eröffnung die Kurve generell nach unten geht.



STANDARD: War es dann nicht ungeschickt, diese normale Entwicklung öffentlich auszustreiten?

Rollig: Persönlich gesagt wäre es mit lieber gewesen, wir hätten das intern debattiert. Das Gute daran war aber im Nachhinein, dass ein Prozess gemeinsamen Nachdenkens eingeleitet wurde. Welche Position kann und soll ein Museum wie das Lentos und auch das zweite Museum der Stadt, das Nordico, in Zukunft einnehmen? Und wie können diese beiden Häuser inhaltlich besser aufeinander abgestimmt werden? Was das Lentos betrifft, hat sich ja nicht viel verändert. Für mich ist das entscheidende Ergebnis, dass wir folgenden Satz festgeschrieben haben: "Das Lentos wird positioniert als international orientiertes Museum moderner und zeitgenössischer Kunst."



STANDARD: Verglichen mit den Budgets anderer Museen muss das Lentos mit sehr geringen Mitteln auskommen. Ist es dadurch nicht extrem schwierig das Haus entsprechend zu positionieren?

Rollig: Daran lässt sich nichts beschönigen, andere Häuser haben viel mehr Geld. Es ist aber eine rein politische Entscheidung, wie hoch man dieses Haus dotieren möchte und danach habe ich mich in der Programmierung zu richten. Es muss aber allen klar sein, dass mit diesem Budget es niemals möglich sein wird, Ausstellungen der klassischen Moderne von den so genannten größten Meistern zu machen.



STANDARD: Von welchen finanziellen Dimensionen reden wir hier?

Rollig: Sie müssen damit rechnen, dass etwa eine Paul-Klee-Ausstellung bei rund 600.000 Euro Realisierungskosten beginnt. Wobei nach oben hin keine Grenzen gesetzt sind. Wir haben 2007 rund 600.000 Euro Kulturbudget pro Jahr für den gesamten Ausstellungsbetrieb inklusive Ankäufe und Marketing.

STANDARD: Erlaubt Ihnen das Lentos-Budget Ihr persönliches Programm umzusetzen?

Rollig: Wir schaffen das. Wir versuchen einfach mit diesen Mitteln das Beste zu bieten. Das Ergebnis ist sehr lebendig und dicht. Es ist erstaunlich, und wir verstehen es manchmal selber nicht, wie das funktioniert.

STANDARD: Ist es nicht eine Farce, dass genau jene Stadtpolitiker, die mit Kritik am Lentos nicht sparen, letztlich auch nicht mehr Geld locker machen?

Rollig: Das dürfen Sie nicht mich fragen. Es ist eine politische Entscheidung. Wenn sich Linz nicht mehr Mitteln leisten will, habe ich das zu akzeptieren. Man setzt eben die Schwerpunkte anders und investiert mehr im sozialen Bereich. Was ja auch in Ordnung ist, ich wünsche mir aber auch, dass das dann so klar gesagt wird.

STANDARD: Der Weg zu mehr Geld führt für Kunstinstitutionen also letztlich nur noch über Sponsoring?

Rollig: Das ist schwierig. Bei den hiesigen Wirtschaftsunternehmen ist leider noch nicht ausreichend das Bewusstsein vorhanden, wie sehr man von Kooperationen auch im Bereich der Gegenwartskunst profitieren kann. Man hört in Oberösterreich bei den Unternehmen oft: Im Sport ja, aber in der Kunst machen wir gar nichts. Wenn du in Deutschland mit einem Vorstandsdirektor ein-, zweimal essen gehst, gibt es 500.000 Euro. Ich freue mich, wenn ich mit demselben Einsatz 30.000 Euro bekomme.

STANDARD: Wie soll dann Linz 09 funktionieren. Auf der einen Seite präsentiert man sich als europäische Kulturhauptstadt, auf der anderen Seite gibt man sich kleinbürgerlich, indem man sagt: Kunst schön und gut, aber zahlen wollen wir nichts dafür.

Rollig: Intendant Martin Heller hat selbst gesagt, dass es da noch große Defizite gibt. Linz braucht mehr Kunstsinn nicht nur ein Bewusstsein für Kultur, weil sonst die Identifizierung der Bevölkerung mit dem ganzen Projekt Kulturhauptstadt sehr schwierig wird. Das ist aber auch eine Aufgabe für die Politiker. Das Verständnis und die Wertschätzung an der bildenden Kunst zu vermitteln, kann nicht immer nur aus der Kunstszene selber kommen, da sind sehr viele Meinungmacher gefragt. (DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.1.2007)

Zur Person
Die Wiener Kuratorin und Kunstkritikerin Stella Rollig (46) leitet seit Mai 2004 das zeitgenössische Museum der Stadt Linz, Lentos. Als österreichische Bundeskuratorin für bildende Kunst gründete Rollig 1994 das "Depot. Kunst und Diskussion" in Wien, das sie in der Folge zwei Jahre geleitet hat.
  • Stella Rollig: "Wir versuchen einfach mit diesen Mitteln das Beste zu bieten. Es ist erstaunlich, und wir verstehen es manchmal selber nicht, wie es funktioniert."
    foto: stadtkommunikation

    Stella Rollig: "Wir versuchen einfach mit diesen Mitteln das Beste zu bieten. Es ist erstaunlich, und wir verstehen es manchmal selber nicht, wie es funktioniert."

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