"Sehr viel Panikmache dabei"

3. März 2007, 14:24
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ÖSV-Alpindirektor Hans Pum über Schneeman­gel, Schönfelder, die WM-Erwartungen und den Gesamtweltcup - ein Interview

Zauchensee - ÖSV-Alpindirektor Hans Pum (52) muss Woche für Woche zwischen Damen und Herren entscheiden, er verpasst dankt TV-Übertragungen und Videoaufzeichnungen aber garantiert kein einziges Weltcuprennen im Ski-Winter. Der Oberösterreicher spricht über Erfolge, Siegesflauten, Nacktfahrer Rainer Schönfelder, Abschiede verdienter Sportler und die rot-weiß-roten Aussichten bei den Weltmeisterschaften in Aare sowie den Kampf um die Großen Kugeln für den Gesamtweltcup.

Sie sind seit fast elf Jahren Alpindirektor des Österreichischen Skiverbandes. Wann hat es Ihnen zuletzt so eine Freude gemacht, den Österreicherinnen im Weltcup zuzusehen?

"Generell macht es mir Freude, aber jetzt besonders Spaß. Wenn man so erfolgreich ist, dann läuft alles viel besser, runder, das ist feiner. Wir haben schon so viele große und schöne Zeiten gehabt, St. Anton, Sestriere, Vail. Und Seriensiegerinnen hat es immer gegeben. Es ist gut, wenn man sieht, wie technisch gut unsere Leute fahren. Und gerade bei schwierigen Pisten zeigt es sich noch mehr, da sieht man, wie sie gegenüber den anderen stehen. Grundsätzlich habe ich immer eine Freude - so lange nichts passiert."

Bei den Herren ist die Saison eher zäh angelaufen, nach dem Auftakterfolg gab es 13 Rennen lang keinen Sieg. Wie erlösend waren für Sie die Erfolge von Michael Walchhofer in den Bormio-Abfahrten?

"Für mich war sowieso klar, dass unsere Leute wieder gewinnen, ich habe gewusst, an welchen Kleinigkeiten es teilweise liegt, sie waren ja nicht weit weg. Zum gewinnen muss alles passen, da hat nicht bei allen alles gepasst. Aber man muss auch sehen, dass wir die Dichte, die Top-Zehn-Fahrer nicht so haben zur Zeit. Weil doch einige aufgehört haben, ein paar Verletzte sind wieder zurück, ein paar Junge brauchen noch ein bisserl Zeit. Aber das passt haargenau, wenn ich sehe wie sich andere Nationen tun. Wir haben trotzdem weitaus die meisten Punkte, das zeigt, dass sie nicht so schlecht waren. Wir haben halt ein paar Rennen nicht gewonnen, das hat mich nicht nervös gemacht. Und natürlich freut es mich, wenn dann der Walchhofer zweimal hintereinander gewinnt oder der Benni."

Im Skiland Österreich wurde über Benjamin Raich und Co. heftig diskutiert. Wie lange hätte sich das Herrenteam noch erlauben dürfen, nicht zu gewinnen?

"Die selben Leute, die gejammert haben, dass wir nichts gewinnen, haben in den ganzen Jahren zuvor gesagt, 'Das ist schlecht, wir machen den Skisport kaputt, weil wir zu viel gewinnen. Das ist eh nicht so interessant, das ist eh selbstverständlich'. Jetzt sehen wenigstens die Leute, wie schwierig es ist, zu gewinnen. Ich habe so viele E-mails und Anrufe bekommen zur Weihnachtszeit, es hieß 'Lasst euch ja nicht narrisch machen von den Medienberichten, sondern arbeitet ganz normal weiter'. Nervös waren nicht wir, sondern eine paar Journalisten, die das so geschrieben haben, dass die Leute das so aufgenommen haben. Aber die breite Öffentlichkeit ist voll hinter uns gestanden. Und das sagt sowieso alles. Schauen wir uns die anderen Nationen an, was täten denn die? Nein, das macht mich nicht nervös, dafür bin ich zu lange im Geschäft."

Also sahen Sie auch keine Notwendigkeit, das System des ÖSV zu überdenken?

"Der größte Blödsinn war für mich, als ich gehört habe, dass die Trainer ausgewechselt gehören. Das haben ein paar ganz Gescheite verbreitet. Das ist genau die Crew, die über die letzten Jahre die größten Erfolge für Österreich eingefahren hat. Und jetzt, weil es ein paar Rennen nicht gegangen ist, soll die ausgewechselt gehören? Da sieht man, wie manche den Sport einschätzen. Ohne Verständnis."

Schlagzeilen hat auch der ausbleibende Winter gemacht. Ihre Gedanken dazu?

"Wir werden nicht davon ausgehen, dass jetzt alle Winter so sind. Für mich ist sehr viel Panikmache dabei. Wir hatten immer Situationen mit wenig Schnee. Früher hat es nicht so viele Schneekanonen gegeben, da sind wir auch ein paar Rennen nicht gefahren. Wir sind ziemlich im Plan, das ist nicht so gravierend. Man muss den Kalender so gestalten, dass man flexibel ist nachher. Das ist so, wir sind flexibel und wechseln an Orte, wo es geht. Am Kalender braucht man nichts ändern, weil es eh nichts nützt. Die Tendenzen sind da, dass wir in Regionen gehen am Anfang der Saison, wo man annimmt, dass Schnee ist."

Andererseits hat uns die Wärme aber einen hüllenlosen Rainer Schönfelder in Wengen beschert. Wäre schade drum gewesen, wenn man sich ansieht, was er damit weltweit für Aufmerksamkeit erregt hat.War das gute oder schlechte PR für den Skisport?

"Ich finde, dass es eine gute Werbung für den Skisport war. Damit die Leute sehen, dass es nicht so verbissen abgeht, dass trotzdem noch zwischendurch Zeit für einen Spaß ist. Der Sport ist sowieso ein sehr hartes Business. Es war ein Scherz. Für mich zeigt sich wieder, dass er Handschlagqualität hat. Ich kenne ihn sehr, sehr gut und weiß, wie emotional er ist und wie glücklich er war, dass er fit ist. So kam die Wettschuld zu Stande, weil er sagte 'Ich fahre lieber nackert das Lauberhorn runter als nach Hause, weil es mir so schlecht geht'. Er steht aber natürlich in der Öffentlichkeit, und wenn er schon so in der Öffentlichkeit steht, dann muss er jetzt auch eine Geschichte machen. Dann ist die Sache wieder ins rechte Licht gerückt. Ich sehe das nicht negativ und nicht so eng."

Zuletzt ging das Gesamtweltcup-Double 2002 an Österreich, als Stephan Eberharter und Michaela Dorfmeister die große Kristallkugel holten. Wie stehen die Chancen, dass heuer beim Finale in Lenzerheide zwei ÖSV-Läufer für ihre Saisonarbeit belohnt werden?

"Ziel ist das sowieso von uns, der Weltcup bei den Herren und Damen. Bei den Damen ist es nicht so im Vordergrund gestanden, das habe ich auch vor der Saison gesagt, wichtig ist der Disziplinenweltcup und dass die Athletinnen dort ihre Leistungen bringen und Rennen gewinnen. Jetzt kristallisiert sich heraus, dass die Chancen sehr gut stehen, das wäre natürlich super. Bei den Herren ist es sehr, sehr schwer, es sind viele starke Leute, es gab bisher so viele verschiedene Sieger, und es hat sich auch noch keiner abgesetzt. Das wird sicher ein ganz spannender Kampf bis zum Schluss. Ich hoffe, dass unsere Leute vorne sind, wie es ausschaut hat der Benni von ihnen die besten Chancen zur Zeit."

In drei Wochen beginnen in Aare die Weltmeisterschaften. Was sind die Erwartungen des Chefs?

"Vorweg muss ich sagen, dass sich keiner erwarten darf, dass sich so ein Jahrhundertereignis wiederholt wie voriges Jahr bei den Olympischen Spielen. Unsere Zielsetzung sind immer um die acht Medaillen, das ist realistisch, überhaupt bei solch einer Leistungsdichte. Acht ist eh schon sehr viel, alles was darüber ist, ist sehr gut. Ich hoffe nur, dass unsere Leute gesund und fit bleiben und dass es da oben faire Bedingungen gibt. Das ist das Um und Auf. Dann bringen unsere Leute sicher super Ergebnisse und wir gewinnen viele Medaillen für Österreich."

Sie sind diese Woche in Altenmarkt-Zauchensee bei den Damen, zuletzt waren Sie in Adelboden bei den Herren. Nach welchen Kriterien entscheidet Hans Pum seine Einsätze?

"Erstens schaue ich, dass ich ziemlich gleich oft bei Damen und Herren bin und zwischendurch bei Europacup- und FIS-Rennen. Bei den österreichischen Rennen bin ich grundsätzlich. Jetzt geht es dann mit großer Wahrscheinlichkeit nach Val d'Isere, außer es fällt irgendwas wegen der Weltmeisterschaft an. Dann Kitzbühel und dann ist eh schon die WM. Wenn es irgendwo mal nicht so rennt, dann bin ich halt dort. Ich war am Anfang ein bisserl mehr bei den Herren, weil es ganz gut ist, dass man vor Ort noch ein paar Sachen mit den verantwortlichen Trainern besprechen kann."

Gibt es auch für Sie so etwas wie ein Lieblingsrennen?

"Es gibt so viele schöne und super Weltcuporte. Wenn man so lange dabei ist, kennt man natürlich alle. Von der Atmosphäre her sind die österreichischen Rennen die besten. In Zagreb war ich noch nicht, aber nächstes Jahr, weil dann die Damen und Herren dort sind. Aber es war mir jetzt wichtiger, dass ich in Adelboden war. Und ich hatte auch noch so viel im Büro zu tun. Den Zagreb-Slalom habe ich mir am Abend im Büro angeschaut. Ich schaue mir jedes Rennen an, wenn ich bei den Herren bin, schaue ich mir die Damen im Fernsehen an und umgekehrt. Wo das nicht so geht, wie in Amerika, da zeichne ich sie mir dann auf."

Innerhalb kurzer Zeit haben in Andreas Schifferer, Werner Franz und Brigitte Obermoser drei prominente und verdiente ÖSV-Aktiv ihre Karrieren beendet, auch die 24-jährige Astrid Vierthaler fährt nach der neuerlichen Kreuzbandverletzung nicht mehr weiter. Wie geht es Ihnen bei Abschieden?

"Sicher ist da Emotion dabei, weil man lange zusammengearbeitet hat. Für mich spielt es nicht so eine Rolle, wenn man mal ein paar Rennen nicht gewinnt. Für mich ist tragisch, wenn sich jemand verletzt. Wenn jemand gesund ist, hat er immer die Möglichkeit, seine Leistung zu zeigen. Der Anschluss nach einer Verletzung und Pause ist aber immer schwierig. Und wenn sich jemand immer wieder herankämpft und dann wieder verletzt ... solche Leute tun mir irrsinnig leid. Man fühlt einfach mit den Athleten. Den Werni habe ich bewundert, dass er nach der sehr schwerer Verletzung den Elan aufgebraucht und sich noch einmal herangekämpft hat. Das zeigt auch, dass die Läufer vom Skiverband nach Verletzungen immer wieder die Chance bekommen. In solchen Phasen ist es wichtig, dass die Läufer Unterstützung haben und sich nicht selbst fallen lassen, sondern dass sie ein Ziel haben, dass sie weitertrainieren und dadurch schneller wieder fit sind."(APA)

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    "Wenn man so erfolgreich ist, dann läuft alles viel besser, runder, das ist feiner."

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