Forscher erstellen erste Online-Enzyklopädie zu Massenmorden

21. Jänner 2007, 16:58
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Historischer Sprengstoff im Internet - Projekt vermeidet Festlegung auf Begriff "Völkermord"

Wann ist die massenhafte Tötung von Menschen ein Völkermord? Gibt es Unterschiede zwischen der Tötung von einigen hundert und vielen tausend Menschen? Fragen, die tagtäglich für Schlagzeilen sorgen, wie der Fall Darfur und das Gerangel um einen UNO-Einsatz gerade zeigen. Auch lange zurückliegende Massenmorde sorgen bis heute für Streit. Ein internationales Team aus 40 Forschern will dieses Jahr erstmals eine umfassende Enzyklopädie zu Massenverbrechen ins Internet stellen - ein Projekt, das trotz aller Vorsicht heftige Reaktionen hervorrufen dürfte.

Aufarbeitung

"Das 20. Jahrhundert war bei der Zerstörung von Zivilbevölkerungen eines der mörderischsten der Geschichte", sagt Projekt-Initiator Jacques Semelin vom französischen Studienzentrum für internationale Forschung (CERI). "Bis heute sammelt keine Datenbank unser Wissen. Die Enzyklopädie soll diese Lücke schließen."

Die juristische Aufarbeitung vieler Verbrechen ist dabei noch in vollem Gange. Erst diese Woche begann im Irak der Prozess gegen sechs ehemalige Getreue von Saddam Hussein, die 1987 und 1988 für den Tod von mehr als 180.000 Kurden verantwortlich sein sollen. Und seit Donnerstag beschäftigt sich der Internationale Strafgerichtshof für Ex-Jugoslawien erneut mit der Belagerung von Sarajevo, bei der zwischen 1992 bis 1995 tausende Zivilisten getötet wurden.

Interpretation

"Wir hantieren mit Sprengstoff", räumt Semelin ein, der bisher Forscher aus den meisten westeuropäischen Ländern sowie den USA, Kanada und Australien zur Mitarbeit gewonnen hat. Massentötungen sind oft aktuellen politischen Interpretationen unterworfen. Und der Begriff "Völkermord" kann fast ein Jahrhundert nach einem Ereignis noch umstritten sein, wie der Streit zwischen der Türkei und Frankreich um die Tötung von hunderttausenden oder gar Millionen Armeniern im Ersten Weltkrieg zeigt.

"Genozid ist ein politischer Kampfbegriff", sagt der Holocaust-Experte Dieter Pohl vom Münchner Institut für Zeitgeschichte. "Er hat eine politische Bedeutung, weil er die Rechtfertigung für eine Intervention in einem Konflikt liefern kann. Wann die internationale Gemeinschaft einen Völkermord anerkennt, ist klar Aushandlungssache."

Keine Einschätzung

Die Forscher wollen sich deshalb mit dem Internet-Projekt aus solchen Begriffsinterpretationen heraushalten. "Das ist nicht unsere Aufgabe", sagt Pohl. "Der Sinn einer Enzyklopädie kann aber daran liegen, ein umfassendes Bild über solche Ereignisse zu liefern. Auf dieser Basis kann man dann prüfen, wie sie sich unterscheiden und eventuell zu einer Kategorisierung kommen."

Um Angreifbarkeit zu vermeiden, werde die Zusammenstellung unter "extrem rigorosen" Kriterien erfolgen, sagt Sémelin. "Wir dürfen nicht das geringste Risiko eingehen, was die Glaubwürdigkeit der Informationen angeht." Auf der Website werden Fallstudien nach Ländern veröffentlicht und theoretische Abhandlungen zum Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu finden sein. Ein wissenschaftlicher Ausschuss wird jeden Beitrag prüfen.

Angebot

Die Texte werden auf Englisch verfasst und für den jeweiligen Staat auch in der Landessprache bereitgestellt. "Mein Traum ist es, dass junge Menschen auf der Website die Vergangenheit ihres Landes entdecken, die sie nicht oder nur verzerrt kennen", sagte Semelin. Dass das Projekt einen Beitrag zur Verhinderung künftiger Verbrechen leisten könnte, wagt der Forscher nicht zu hoffen. "Unsere Verantwortung als Wissenschaftler ist es aber, das Wissen zu sammeln und zugänglich zu machen." (APA)

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