"The Queen": Schwarze Gedanken, falsche Instinkte

12. Jänner 2007, 16:40
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Filmregisseur Stephen Frears im Interview über "The Queen" und seine Sicht auf Tony Blair

"The Queen" erzählt, wie Tony Blair und Queen Elizabeth II nach dem Tod von Lady Di aneinandergeraten. Dominik Kamalzadeh traf den Regisseur Stephen Frears zum Gespräch.


STANDARD: Mr. Frears, einen Film über zwei politische Repräsentanten zu drehen, die nach wie vor im Amt sind, ist eine sehr ungewöhnliche Idee. Was hat Sie an dieser Konstellation gereizt?

Stephen Frears: Dass die Probleme, um die es im Film geht, dieselben sind, die die Personen in ihrem Leben durchmachen. Es gibt weniger Distanz zwischen Leben und Kunst. Zugleich handelt es sich immer noch um eine Nachahmung: Das Schwierige daran ist, dass man viel verantwortungsvoller arbeiten muss. Die Verletzbarkeit der Menschen ist einem viel bewusster. Dennoch ist es eigentlich eine sehr unverfrorene Sache, die wir da gemacht haben, speziell was die Queen betrifft. Nanni Moretti drehte einen Film über Berlusconi, aber da war dieser schon besiegt. Jeder kann einen Film über jemanden machen, der schon geschlagen ist.

STANDARD: Mit dem Drehbuchautor Peter Morgan haben Sie bereits 2003 einen TV-Film gemacht, in dem es um Tony Blair und Gordon Brown ging. Was macht den Premier für Sie beide zu einer so lohnenden Figur?

Frears: Vielleicht der Umstand, dass er später zu so einem schlechten Politiker wurde. Deshalb ist es zugleich sehr irritierend, einen Film über jene Zeit zu machen, in der er zu einem Held wurde. Er war dermaßen populär. Jetzt ist er so unpopulär.

STANDARD: War es schwierig, zu Blair ...

Frears: ... fair zu sein? Das war wirklich schwierig. (lacht) Er verdient keine Fairness.

STANDARD: Aber man bezieht Komik aus dem Wissen, was später mit ihm passiert ist.

Frears: Man versucht sein Bestes. Aber man kann ihn nicht die schwarzen Gedanken denken lassen, die er bestimmt schon damals hatte.

STANDARD: Der Film zeigt Blair in einem Moment, in dem er die Stimmung des Volkes instinktiv trifft.

Frears: Das kann er. Man kann das auch Opportunismus nennen.

STANDARD: Hat er diese Fähigkeit über die Jahre verloren?

Frears: Nicht wirklich. Das ist alles, was er in Wahrheit hat. Diese Fähigkeit, herauszubekommen, wie zynisch Menschen sind, um dann diesen Zynismus zu bedienen. Er ist ein Kundenwerber, aber ohne Prinzipien.

STANDARD: "The Queen" erzählt von zwei politischen Ansichten, Philosophien im Widerstreit. Ist es das, was Sie hinter den verfestigten Bildern der Öffentlichkeit aufdecken wollten?

Frears: Das klingt, als würde man über Iwo Jima sprechen. Aber Sie haben Recht, es gibt diesen Kontrast, der aus der Menschlichkeit der Figuren resultiert. Der wirkliche Mensch ist immer anders als seine öffentliche Erscheinung. Man versucht stets, diese beiden Ebenen, das Öffentliche und das Private, in eine Balance zu bringen. Und man kann so weit gehen zu behaupten, dass dieser Umstand schon Sympathie bewirkt. Weil die meisten von uns nicht in der Öffentlichkeit spielen, ja lügen müssen. Politiker müssen das, die Queen, nehme ich an, auch.

Man bekommt nur selten die Gelegenheit für ein Bild der Queen, die gegen ihre inneren Instinkte handelt. Das war das Interessante an dieser Woche nach Dianas Tod - sie tat etwas, das sie nie tun wollte. Die meiste Zeit ist sie eine Frau mit konservativen Instinkten, und England ist ein konservatives Land. Die Queen hat kein Problem damit, das zu reflektieren. Sie ist im Einklang mit dem Land. Blair ist die zynischere Figur.

STANDARD: Helen Mirren hält diese Balance, von der Sie sprechen, auf großartige Weise.

Frears: Sie ist einfach exzellent. Ich habe sie gecastet, das ist mein einziges Verdienst.

STANDARD: Das klingt sehr bescheiden. Sie haben mit ihr nicht an der Rolle gearbeitet?

Frears: Nein. Aber was hat Catherine Deneuve über François Truffaut gesagt: Das Gute an ihm ist, dass er einem nicht sagt, was man tun soll, sondern dass er bemerkt, was man tut. Außerdem, wenn man Brite ist und ein gewisses Alter erreicht hat - und das betrifft sowohl Helen als auch mich -, dann hat man mit der Queen schon so lange gelebt, dass man etwa den gleichen Wissensstand hat.

STANDARD: Blair und die Queen nähern sich in mancher Hinsicht an. Ist er am Ende der Sieger, weil er sie überreden kann, auf Lady Dis Tod zu reagieren?

Frears: Blair gewann die Wahlen, weil er das Land modernisieren wollte. Seine erste Gelegenheit war, die königliche Familie zu modernisieren. Und er scheiterte. Die Geschichte offenbarte den Konservativen in ihm. Sie zeigt im Grunde, wie scheinheilig er war - und diese Tendenz setzte sich fort. Der ganze Irakkrieg basiert auf dieser Scheinheiligkeit. Am Anfang wollte er allen gefallen. Nun hat er Freude daran, niemandem mehr zu gefallen. Abgesehen von George W. Bush.

STANDARD: Haben Sie je daran gedacht, über den späten Blair noch einen Film zu machen?

Frears: Zu deprimierend. (lacht) Einfach zu deprimierend.

STANDARD: Warum? Weil es keine Komik hat?

Frears: Weil es damit endet, dass tausende sterben müssen. Es endet im Versagen.

STANDARD: Ist das nicht die Geschichte von vielen Politikern?

Frears: Mir fallen nicht so viele Politiker mit einer solch verheerenden Bilanz ein. Die Todesrate im Irak ist doch ziemlich beeindruckend. Es gibt viele politische Karrieren, die im Versagen geendet haben, aber Blairs endet in der Kriminalität. Es war eine sehr eigenartige psychologische Reise, die er da unternahm. Vielleicht sollte man einen Film über Putin machen. Aber dann wir man wohl selbst ermordet.

STANDARD: Noch eine Frage: Sie wurden zum Lunch in den Buckingham Palace geladen. Wie war dieser Realitätsabgleich?

Frears: Well ... Nun, wir kamen über die Hintertreppe, das war ziemlich interessant. Das gefiel mir am besten. Die Hintertreppeneinladung war wirklich nett. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.1.2007)


Latest News: Stephen Frears wird die Jury des 60. Internationalen Filmfestivals von Cannes leiten, teilte Festival-Präsident Gilles Jacob am Donnerstag mit. Frears zur "Ehre und dem Vergnügen", vom 16. bis 27. Mai die Jury des Jubiläumsfestivals an der Cote d'Azur zu leiten: Er pendelt seit langem zwischen kleinen britischen Produktionen und Arbeiten in Hollywood. Und im übrigen: "God Save Cannes (und natürlich die Queen)". (APA/dpa)

  • Stephen Frears (65) ist einer der renommiertesten britischen Filmregisseure. Mit seinen ersten Filmen ("My Beautiful Laundrette", "Sammie and Rosie Get Laid"), die noch in einer sozialrealistischen Tradition standen, kritisierte er die Auswüchse der Thatcher-Ära. Nach dem Erfolg seines Hollywood-Debüts "Dangerous Liaisons" drehte er auch Filme in den USA (darunter "The Grifters", für den er eine Oscar-Nominierung erhielt).
    foto: standard/ corn

    Stephen Frears (65) ist einer der renommiertesten britischen Filmregisseure. Mit seinen ersten Filmen ("My Beautiful Laundrette", "Sammie and Rosie Get Laid"), die noch in einer sozialrealistischen Tradition standen, kritisierte er die Auswüchse der Thatcher-Ära. Nach dem Erfolg seines Hollywood-Debüts "Dangerous Liaisons" drehte er auch Filme in den USA (darunter "The Grifters", für den er eine Oscar-Nominierung erhielt).

  • Eine Königin, die mit dem Zeitgeist nicht mehr in Einklang ist: Elizabeth II (Helen Mirren) wirft in Stephen Frears' "The Queen" skeptische Blicke auf ihr um Prinzessin Di trauerndes Volk.
    foto: filmladen

    Eine Königin, die mit dem Zeitgeist nicht mehr in Einklang ist: Elizabeth II (Helen Mirren) wirft in Stephen Frears' "The Queen" skeptische Blicke auf ihr um Prinzessin Di trauerndes Volk.

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