Profit nach dem großen Loch

12. Jänner 2007, 15:43
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Neuer Boom nach der Krise und dem großen Sparen in der IT

Personalberaterin Gabi Lehner sieht "riesigen Engpass" an IT-Leitern. Der Hintergrund: Das Vertrauen in die IT ist zurückgekehrt, Nachhol-Effekte greifen, und die Firmenlenker sehen IT nicht mehr als bloßen Kostenfaktor, sondern zunehmend als Ertragsbringer.

Nach dem Platzen der New-Economy-Blase und dem folgenden massiven Vertrauensverlust werde nun der gesamte EDV-Bereich wieder in günstigerem Licht gesehen, erklärt Peter Ostermann, Managing Partner und CEO der Wiener Unternehmensberatung BTM. Und setzt nach: "Wer diese Phase überlebt hat, bei dem geht's jetzt wieder richtig los."

Personalberaterin Gabi Lehner, die ihren Schwerpunkt auch in der IT hat, sagt, sie sei mit "dramatisch angestiegener Nachfrage" nach Spezialisten aller Art konfrontiert. Als Beispiel nennt sie Solution Architects. Christiane Noll, Senior Vice President of Sales bei der update sales GmbH, gibt dazu ein Beispiel: "Wir suchen etwa einen Release Manager. Vor einem Jahr hatten wir da 30 Bewerbungen. Jetzt kriegen wir eine."

Hungrig und ausgetrocknet

Der Markt sei extrem hungrig und extrem ausgetrocknet, attestiert die Runde. Das erschwert Personalberatern zwar das Geschäft, Lehner sieht das aber auch als Chance: "Es werden einfach alle Ressourcen angezapft. Ich kann jetzt auch Menschen vermitteln, die etwa ein Jahr arbeitslos waren." Allerdings: Die persönlichen Netzwerke dürfen nicht abgerissen sein.

In Richtung suchender Unternehmen sagt sie: "Dass gute, erfahrene Leute immer schwerer zu finden sind, ist mittlerweile bekannt. Was vielerorts noch fehlt, ist die Erkenntnis, dass gerade jetzt Mitarbeiter-Bindungsprogramme ganz zentral bedeutend werden, die Unternehmen ihre Reputation als attraktive Arbeitgeber pflegen müssen und sie vor allem in ihrer organisatorischen Entwicklung klare Entwicklungsperspektiven für ihre Mitarbeiter kommunizieren müssen."

Dass ein Problem der plötzlichen Not der Unternehmen an IT-Leuten hausgemacht, nämlich langes Sparen bei der Ausbildung, sein könnte, bestreiten die Diskutanten nicht.

Nachfrage aus der Wirtschaft

Als "Händeringend" beschreibt Lehner jedenfalls die Nachfrage aus der Wirtschaft. Allerdings, konstatiert sie, hätten sich wohl auch die Werte geändert: Das Anforderungsprofil von oft extremer Reisetätigkeit sei da weniger das Problem. Aber: Wer wechselbereit sei, schaue sich die Unternehmenskultur sehr genau an. es gehe nicht mehr bloß um den "next step" möglichst schnell. Ingrid Noll formuliert: "Die Kandidaten haben eine Haltung à la: Unternehmen, präsentiere dich mir!"

Wo einer, der alles kann, nicht zu finden ist, dort werden Teams mit den benötigten Kompetenzen zusammengestellt, so die Beobachtung der Experten. Da komme auch Management-on-Demand ins Spiel, so Ostermann zu den Angeboten seines Unternehmens. Kontrahiert würden ganze Netzwerke, darunter auch Unternehmen. Das ist einer seiner aktuellen Geschäftsschwerpunkte auch im Outsourcing von IT.

"Firmen wollen ja auch nicht intern möglichst viele Headcounts", so Wolfgang Kuzel, Geschäftsführer der EDVG - Elektronische Datenverarbeitung. Allerdings schränkt er ein: So weit, wie es gern gesehen würde, sei das Teamdenken noch nicht ausgeprägt. Christian Noll wirft "immer erfahrenere und klarere Kunden" ein - sie bilde als Benefit für Kunden Teams aus, und zwar mit Leuten aus der Industrie, welche die Prozesse kennen, und mit IT-Spezialisten.

Kuzel: "Für Business-kritische Projekte sind interne Leute meist die Besten. Erfolgreiche Manager werden aber jene sein, die die richtige Mischung finden, den Ressourcenausgleich."

Zur Frage, ob denn IT wirklich bereits überwiegend als Ertragsbringer denn als Kostenfaktor gesehen werde, sagt Ingrid Kriegl, Geschäftsführerin der Sphinx IT Consulting: Dies sei einerseits eine Frage der Haltung im OP-Management, andererseits eine Frage der Kompetenz der IT-Leitung. Sei diese imstande, Neuerungen in Nutzenkommunikation zu kleiden, dann habe die IT auch sehr gute Chancen, zu einem Innovationszentrum zu werden.

"Den Nutzen sichtbar zu machen", stimmt Ostermann zu, sei der Schlüssel zur gesamten Aufwertung der IT. Er rät zum "Beginnen mit kleinen Projekten". Abgesperrte mysteriöse Technikabteilungen mit unverständlicher Sprachwand seien dafür natürlich höchst hinderlich, übt Kriegl implizit Kritik an manchen IT-Leitern. Kuzel: "IT-Leiter beschweren sich oft, dass sie zu wenig Anerkennung bekommen. Teilweise sind die Leute in diesen Funktionen sehr demotiviert."

Sehen deshalb im Mittelstand die EDV-Landschaften so aus, dass Unternehmen grobe Probleme haben? Peter Ostermann: "Der Mittelstand macht gerade einen Automatisationsschub durch. Allerdings fehlt die Erfahrung, was man sich von der EDV alles wünschen kann. Dann haben sie zwar niedrige Kosten, aber schlechte Umsetzungen. Auf veralteten Applikationsplattformen wird irgendwas Neues gemacht, dann kommt man drauf, dass sogar CR fehlt. Das liegt daran, dass die Inputs der verschiedenen Abteilungsleiter fehlen.

Da gibt es kaum Dialog. Und genau der muss in Gang kommen, Anforderungsprofile müssen erstellt werden, und dann kann automatisiert werden." Ein Problem dabei sei die Kompetenzbeschneidung der Abteilungen.

Christiane Noll: "Ja, die Firmen sagen: wozu investieren, es funktioniert eh alles. Dann kaufen sie irgendetwas, und plötzlich funktioniert im Betrieb gar nichts mehr - ein Riesen-Aufruhr."

Zurück zu den IT-Verantwortlichen und den ihnen attestierten Kommunikations- und Motivationsdefiziten: Die besten IT-Verantwortlichen, sagt Kriegl, kämen meist aus der Organisation, denn dann würden sie einen Schirm über die gesamte Abteilung und ihre Projekte bilden.

Ostermann hat beste Erfahrungen mit Menschen aus Controlling, interner Revision und Risk Management in leitenden IT-Funktionen: "Das sind Leute, die den Gesamtblick auf das Unternehmen haben und ihre Projekte kommunizieren können."

Gabi Lehner hakt beim Projektmanagement ein: "Gerade im Finanzbereich herrscht ein sehr großer Bedarf an IT- Projektleitern. Ich sehe da einen riesigen Engpass, der Bedarf wird gar nicht zu decken sein."

Wolfgang Kuzel stimmt auf Basis der schwankenden Bedürfnisse der Kunden zu und Ostermann ergänzt: "Diese Projektmanager muss man aber in einen Rahmen bringen sonst können sie kaum etwas ausrichten." Dafür offeriert er seine Services.

Kriegl: "Der Trend geht ja immer mehr zu einer firmenübergreifenden Zusammenarbeit. Das wird noch mehr werden. Da spielen dann die Netzwerke eine entscheidende Rolle." Noll berichtet, dass eine solche Zusammenarbeit für sie schon Praxis sei, "bis zu Top-Beratern in den unterschiedlichsten Branchen. Da kann man auch sehr schnell referenzieren." (Karin Bauer, Der Standard, Printausgabe 30.9.2006)

Es sprachen:
Peter Ostermann, Managing Partner und CEO BTM.
Christiane Noll, Senior Vice President of Sales, update sales GmbH.
Wolfgang Kuzel, Geschäftsführer EDVG, Elektronische Datenverarbeitung.
Ingrid Kriegl, Geschäftsführerin Sphinx IT.
Gabriele Lehner, Lehner Executive Partners.
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    foto: www.pixelquelle.de
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