Ein ganz besonderer Sonntag im Village Vanguard

2. April 2007, 15:01
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Bill Evans: "Sunday At The Village Vanguard" und "Waltz For Debby"

Der Stil des Pianisten Bill Evans ist introvertiert, sensibel, fragil und kraftvoll zugleich, melancholisch, sehr romantisch und in höchstem Maße emotional - wie Bill Evans selbst. Der Brillenträger mit leiser Stimme schien so gar nicht in das turbulente Musikgeschäft zu passen. Tragisch ist seine lange Heroin- und Kokainabhängigkeit, die oft lange Auszeiten zur Folge hatte und wohl auch dafür verantwortlich war, dass Bill Evans schon im Alter von 51 Jahren 1980 starb.

Viele Pianisten versuchten, Bill Evans sehr differenzierte und sensible Anschlagkultur zu imitieren. Sein Einfluss findet sich heute im Spiel von Herbie Hancock, Keith Jarrett, Michel Petrucciani und vielen anderen Musikern wieder. Bill Evans genoss eine fundierte musikalische Ausbildung und setzte sich eingehend mit Komponisten wie Debussy, Ravel aber auch mit Lennie Tristano und Bud Powell auseinander.

Nach einer Zusammenarbeit mit Miles Davis gründete Evans 1959 eine eigene Gruppe mit seiner Lieblingsbesetzung Piano-Bass-Schlagzeug. Evans sah Bassisten und Schlagzeuger nicht nur als reine Begleiter an; er förderte ein intensives und interaktives Zusammenspiel. Dieses ist vor allem auf zwei Alben wunderbar zu hören, die aus der Vielzahl von Evans-Aufnahmen herausragen - "Sunday at the Village Vanguard" und "Waltz for Debby".

Die Aufnahmen entstanden am Sonntag, dem 25. Juni 1961, dem letzten Tag eines zweiwöchigen Engagements im New Yorker Jazzclub Village Vanguard. So hört man bei genauem Hinhören im Hintergrund manchmal Stimmen oder Gläser klirren, wodurch aber auch ein bisschen Jazzclub-Atmosphäre transportiert wird. Über das zurückhaltende Klatschen des Publikums im Vanguard kann man sich heute nur wundern, wenn man bedenkt, dass direkt vor ihm gerade Jazzgeschichte geschrieben wurde.

Davon ließ sich das Trio jedoch keineswegs stören. Mit dem damals erst 25 Jahre alten Bassisten Scott LaFaro und dem Schlagzeuger Paul Motian scheint Evans einen telepathischen 'D(r)ialog' zu führen. Vor allem auf der Aufnahme "Sunday at the Village Vanguard" stehen LaFaros einfallsreiche Solos im Vordergrund. LaFaro zeigte die klanglichen Möglichkeiten des Basses und wie rhythmisch unabhängig und melodisch eine Basslinie sein kann, ohne dabei die unterstützende Funktion des Instruments zu verlassen. Traurigerweise kam Scott LaFaro nur zehn Tage nach den Aufnahmen im Village Vanguard im Sommer 1961 bei einem Autounfall ums Leben, worauf sich der schwer getroffene Evans für fast ein Jahr völlig zurückzog.

Das einige Monate später erschienene Album "Waltz for Debby" zeigt die romantische und sehr emotionale Seite von Evans. Er versteht es aber, den Zuhörer nicht nur emotional sondern auch physisch zu bewegen. Oftmals wurde Evans vorgeworfen, er könne nicht wirklich swingen. Sein Swing war jedoch meist nicht so offensichtlich wie im klassischen Swing oder im Bop. In seinem Stil legt er mehr Wert auf Kontinuität und umfangreiche Entwicklung der improvisierten Melodie.

Paul Motian wird neben den beiden Ausnahmemusikern sehr zu unrecht oft als der schwächste Teil des Trios eingeschätzt. Dies hängt aber eher mit Motians unaufdringlichem Spiel zusammen, das sich ganz auf die Ideen von Evans und LaFaro einstellt. Meist beschränkt er sich dabei auf das Ride-Becken und seine sehr feinfühlige Besenarbeit, die viel mehr als bloßes Timekeeping ist.

Von einigen Nummern bestehen zwei unterschiedliche Aufnahmen von den insgesamt fünf Sets, die das Trio an diesem Sonntag im Village Vanguard spielte. Diese Wiederholung langweilt jedoch nicht, da es die Musiker verstehen, jedes Mal eine etwas andere Atmosphäre zu erzeugen. Von Evans vielen veröffentlichten Live-Alben sind diese beiden Vanguard Mitschnitte wahre Höhepunkte, die jetzt in remasterter Form neu veröffentlicht wurden. Die Aufnahmen könnte man sich immer wieder anhören, wobei bei genauem Zuhören auch immer wieder Überraschungen zu erleben sind – wunderbar für einen entspannten Sonntagvormittag zuhause. (Georg Bacher)

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