Von Demonstrationen ungestört und in entspannter Atmosphäre verlief die Angelobung der neuen Regierung
Drinnen war es ruhig und warm, die Scheinwerfer der Kameras strahlten und trieben manchem Minister der vor Bundespräsident Heinz Fischer angetretenen Regierung Gusenbauer I den Schweiß auf die Stirn. Dann, eher zart als penetrant, ungefähr wie von einem im Nachbarzimmer auf der Herdplatte vergessenen Teekessel, der Pfiff. Lang, monoton und eindeutig von draußen, eindeutig keinem der in der Hofburg anwesenden Zaungäste zuordenbar, der einsame Pfiff vom anderen Ufer. Von dort, wo die Polizei zum Heldenplatz hin eine Absperrung gegen rund 2.000 Demonstranten errichtet hatte, die so viel Raum schuf, dass die neue Regierung außer Wurfweite in die Hofburg gelangen konnte. Offenbar hatte auch die Exekutive ihre Schlüsse aus der "unterirdischen" Angelobung vor sieben Jahren gezogen und das Sperrgebiet am Ballhausplatz so großzügig angelegt, dass es nicht zur Kampfzone erweitert werden konnte.
Der Formalakt bei Bundespräsident Heinz Fischer verlief also wie geplant und ungestört. Die roten und schwarzen Minister und Ministerinnen bemühten sich sichtlich, Harmonie zu verbreiten und die Verbissenheit, mit der sie sich vor und auch noch nach der Wahl bekämpft hatten, vergessen zu machen. Ganz wollte die Übung noch nicht gelingen, der gute Wille war aber unübersehbar.
Neben dem strahlenden neuen Kanzler wirkte auch Bundespräsident Fischer deutlich erleichtert. Seine ersten Worte an Gusenbauer wird der pragmatische Taktiker, dessen zunächst mancherorts belächelte Terminvorgabe die Koalitionsverhandlungen doch einigermaßen beschleunigt haben dürfte, sorgfältig gewählt haben. Es liege in der Natur der politischen Sache, dass sie dem Lob ebenso wie der Kritik ausgesetzt seien, meinte Fischer. Ersteres sollte man mit Demut entgegennehmen, mit Zweiterem "sachlich und ernsthaft" umgehen. Es war wohl allen im Saal klar, was damit gemeint war.
Die Unterzeichnung der Bestellungsurkunden beschloss den Routineakt, und manchem und mancher war eine gewisse Nervosität anzumerken, anderen wieder die Routine der Wiederholung – beispielsweise Wirtschaftsminister Martin Bartenstein, der seine insgesamt sechste Angelobung hinter sich brachte und damit das längstdienende Regierungsmitglied ist. Möglicherweise zuckte auch der neue Verteidigungsminister Norbert Darabos bei seiner Unterschrift unter den strengen Blicken zweier in Galauniform erschienen Offiziere ein wenig zurück. Jedenfalls löste sich in den strengen Regeln der Zeremonie die Anspannung der letzten Wochen auf, und als sich die Regierungsmitglieder zur ersten Sitzung des Ministerrates zurück in das Bundeskanzleramt begaben, war der Pfiff schon längst verstummt.
Der Mann, der auf Seite der ÖVP wesentlichen Anteil an der Zusammensetzung der neuen Regierung hatte, hielt sich am Tag ihrer Angelobung diskret im Hintergrund. Alt-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel übergab seinem Nachfolger das Amt hinter verschlossenen Türen und blieb dem Akt in der Hofburg fern. (Samo Kobenter/DER STANDARD; Print-Ausgabe, 12.1.2007)