Jakob Arjouni: "Kismet"

11. Jänner 2007, 17:00
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Kemal Kayankaya ist Privatdetektiv und genauso wenig Türke oder selbst Deutsch-Türke wie etwa Mehmet Scholl

Kemal Kayankaya ist Privatdetektiv. Ein schnoddrig-lässiger, sarkastischer Charakter mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und weichem Kern. Die Zuneigung der Leser ist ihm gewiss, denn wir wissen: Die Bösen, das sind die anderen. In diesem Fall nennen sie sich "Armee der Vernunft". Der Gastwirt Romario wird von dieser mysteriösen Bande um Schutzgeld erpresst. Kayankaya lässt sich auf einen Freundschaftsdienst ein. Der simple Plan: Er und sein Kumpel Slibulsky machen den Erpressern etwas Angst und vertreiben sie auf ewig. Das Ergebnis: eine Schießerei und zwei tote Erpresser. Nachdem die Leichen im Wald vergraben sind, geht Kayankaya der Sache tiefer auf den Grund. Seine Nachforschungen führen ihn auf die Spur kroatischer Nationalisten und deutscher Neonazis, einer Mafia, die Kontakte zu Regierungskreisen hat und die Frankfurter Unterwelt übernehmen will.

"Kismet" ist ein rasanter, spannender Krimi mit liebevoll gezeichneten Charakteren und pointierten Dialogen. Zugleich ist er mehr. Warum sonst hätte die SZ ausgerechnet mich bitten sollen, ihn vorzustellen? Denn wenn der Autor Arjouni heißt und seine Figur Kayankaya - was liegt da näher, als an authentische Migrantenliteratur zu denken? Dabei ist der Name Arjouni angeheiratet; und Kayankaya ist zwar türkischer Abstammung, wuchs jedoch bei deutschen Adoptiveltern auf und spricht kein Wort Türkisch.

Doch authentisch ist diese Literatur allemal, denn Arjouni zeigt anhand von Kayankayas Alltag, dass zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung Welten liegen können - und dass das Ergebnis dieser Differenz Ethnisierung, Kulturalisierung oder eben auch Rassismus sein kann. Da ist etwa der Hausmeister, der Kayankaya aus dem Haus rausekeln will - bis er in den Ostdeutschen ein neues Feindbild findet. Oder die Islamwissenschafterin, die über Kayankayas durch seine "Herkunft geprägten Eigenschaften" bestens informiert ist. Er macht ihr eine Freude, mimt den Orientalen und lässt beim Honorar mit sich feilschen. Dass Kayankaya im Grunde genauso wenig Türke oder selbst Deutsch-Türke ist wie etwa Mehmet Scholl, würde auch ihr kaum einfallen.

Den klagenden Ton sucht man bei Arjouni offensichtlich vergeblich, vielmehr erzählt er wohltuend humorvoll und sarkastisch - etwa, wenn der Wirt unseren Protagonisten in hessischem Dialekt daran erinnert: "Falls Ihne des net klar sein sollde, Sie sin hier inem kroatischen Restaurant. Des is meine Heimat, da schläscht mein Hetz." Das Gleiche gilt für Kayankayas famose Ode an Frankfurt, unter der eine andere hessische Stadt allerdings zu leiden hat: "Wäre Marilyn Monroe an der Seite einer kleinen, dürren, pickeligen, ihr Leben lang zahnspangetragenden Schwester durchs Leben gegangen, hätte man sagen können: Frankfurt und Offenbach wirkten nebeneinander wie die Monroe-Schwestern." (Cem Özdemir / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.1.2007)

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