Clouzots "Lohn der Angst"

11. Jänner 2007, 17:00
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Was ist ein großer Abenteuerfilm? Das ist ein Film, der sich nicht verbraucht hat, wenn man weiß, wie die Chose ausgeht

Was braucht es, damit ein Abenteuerfilm eine gute Geschichte hat? Eine brennende Ölquelle, eine sehr schlechte Straße, viel Nitroglyzerin, zwei Lastwagen und vier Männer, die bereit sind, den hochgefährlichen Sprengstoff auf den Lastwagen über die schlechte Straße zur Ölquelle zu transportieren, damit das Feuer dort per Explosion gelöscht werden kann. Simpler geht es nimmer. "Lohn der Angst" ist ein Abenteuerfilm, ist im Grunde nichts anderes als das. Und doch ist es ein großer Film.

Was ist ein großer Abenteuerfilm? Das ist ein Film, der sich nicht verbraucht hat, wenn man weiß, wie die Chose ausgeht. Henri-Georges Clouzots "Lohn der Angst" saust durch eine packende Geschichte und ist wie ein Märchen erzählt, in dem die Helden vielerlei Gefahren zu bestehen haben, eine nach der anderen, und jede neue Gefahr bedarf zu ihrer Überwindung einer neuen Idee.

So märchenhaft der Aufbau, so emblematisch sind viele der Szenen in diesem Film: Die Frau muss den geliebten Mann in die Gefahr ziehen lassen; der tapfere Kerl rasiert sich, weil er, falls er denn sterben sollte, eine propere Leiche abgeben will; der Sterbende fantasiert von einem Bretterzaun an einer Straßenecke im fernen Paris und begehrt zu wissen, was dahinter sei. Schlechte Schauspieler machen aus solchen Szenen Kitsch. Der junge Yves Montand, Peter van Eyck und - vor allem - Charles Vanel spielen aber nicht die entschlossenen Terminatoren eines Ölbrandes, sie zeigen vielmehr, was der Titel besagt: Diese vier Helden in ihren zwei Lastkraftwagen haben grauenhafte Angst davor, mit der großen Ladung Nitroglycerin in die Luft zu fliegen. Jede Erschütterung auf ihrem Weg durch ein mittelamerikanisches Nirgendwo kann zur Explosion führen.

"Lohn der Angst" zeigt, was der Titel besagt: die Angst, sei sie nackt, sei sie in ein verschwitztes Unterhemd gekleidet. Der Film zeigt die Angst und verschiedene Mechanismen, ihrer Herr zu werden, sie zu besänftigen, oder sich ihr hinzugeben, weil es schließlich eine Arbeitsteilung gibt: "Du fährst, und ich komme um vor Angst", sagt Beifahrer Vanel zu Yves Montand.

Wo genau die brennenden Ölquellen liegen, erfährt man nicht. Warum die vier Chauffeure in einem Kaff gestrandet sind, in dem man vor Hitze kaum atmen kann, erfährt man auch nicht. Zwei sind Franzosen, und von dem Honorar für die gefährliche Fahrt wollen sie ihre Heimkehr nach Paris bezahlen. Der Film spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. An sich hätte eine große amerikanische Ölgesellschaft damals in der Lage sein müssen, Nitroglycerin sicher und schnell mit einem Hubschrauber transportieren zu lassen. Aber das ist ein matter Einwand. Hätten die Autoren ihn ernstlich erwogen - es hätte diesen ungemein romantischen Abenteuerfilm unmöglich gemacht. (Franziska Augstein / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.1.2007)

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