Musikrundschau: Die Herzen am Griffbrett offen gelegt

11. Jänner 2007, 18:48
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Neue Alben von Felix Vodnyansky, The Magic Numbers und aus Neil Youngs geheimnisvollen Archiven

VODNYANSKY
Short Legs & Wide Stance
( Vodnyansky.com)
Wer früher das Wiener Szenelokal Blue Box frequentierte oder jetzt im zweiten Bezirk ausgeht, kann Felix Vodnyansky eigentlich gar nicht nicht kennen. Das klingt jetzt ein wenig nach Grätzlgröße oder Bassena-Gott, aber dass Vodnyansky die große, weite Welt zumindest im Herzen und am Griffbrett seiner Gitarre trägt, beweist er auf seinem auch schon wieder dritten selbst produzierten Album mit dem schönen Titel Short Legs & Wide Stance. Unterstützt von Werner Dafeldecker am Stehbass, Jörg Gaisbauer (u.a. Der Scheitel) an der Lapsteel Guitar und meist Daniel Klemmer am Schlagzeug, vertont er seine Sehnsucht nach staubigen Weltgegenden, in denen einsame Herzen natürlich ebenso Hauptrollen übernehmen wie löchrige Jeans und Tränensäcke. Dabei klingt er wie ein viriler Bob Dylan - ohne so klingen zu wollen und ohne in platte Klischees zu verfallen. Gemessen am atmosphärisch verwandten Werk von Wim Wenders ist Short Legs & Wide Stances also kein ödes Don't Come Knocking, sondern definitiv Paris, Texas. Erhältlich ist es über die Homepage des Künstlers oder in den Wiener Plattenläden Substance, Rave Up und Audiocenter - alle drei verfügen über einen Bundesländerversand.

NEIL YOUNG & CRAZY HORSE
Live At The Fillmore East March 6. & 7. 1970
(Warner)
Neil Young macht endlich Ernst und veröffentlicht seine geheimnisvollen Archive. Der vorliegende Livemittschnitt aus 1970 ist jedenfalls ein großer Beginn. Mit dem damals noch lebenden Danny Whitten an einer nachgerade funky gespielten Gitarre und einem ebensolchen Schlagzeuger, arbeitet sich ein zu jener Zeit noch dünn wie heute seine Haare seiender Young durch sein noch bescheidenes Solowerk - plus einige CSN&Y-Songs. Der Klang ist großartig, und die jugendliche Begeisterung der Involvierten in einer zumindest von heute aus betrachtet spannenden Zeit schwingt hier permanent mit. Wenn einen nicht die teilweise ordentlich langen Stücke - Down By The River (großartig!), Cowgirl In The Sand - stören, ist dieses Zeitdokument ein absolutes Muss. Mehr davon, Gevatter Young! flu

NEIL YOUNG
Living With War - In The Beginning
(Warner)
Kaum ausformuliert, liefert Young bereits das nächste Album aus seinem Archiv aus: Living With War - In The Beginning ist die abgespeckte Version seines zornigen Antikriegs- und Anti-Bush-Albums aus dem Vorjahr. Abgespeckt bedeutet, dass hier der hundertköpfige Chor, der dem Album letztlich die Anmutung einer Massenbewegung verleihen sollte, noch fehlt. Was bleibt, ist ein zorniger, in seiner Garage wütender alter Mann, der sich mit roher Intensität die Finger wund spielt und so seiner Forderung "Let's impeach the president for lying" brennenden Nachdruck verleiht. Die beiliegende DVD zeigt alle Videos zu den Songs sowie die Sessions mit dem erst später aufgenommenen Chor. flu

THE MAGIC NUMBERS
Those The Brokes
(EMI)
Das haarige, couchpotatoige, also tendenziell übergewichtige, britisch-amerikanische, kreuz und quer verwandte Quartett, das auf seinem Debüt 2005 ein paar der definitiven Popnummern seines Jahrgangs präsentiert hat, setzt zum zweiten Streich an. Und dieser ist mit denselben Schwächen genauso gut wie der erste. Man hört also prächtige, mit Jahrhundertmelodien ausgestattete Popsongs mit Wurzeln in den Sixties - und dazu ein paar unentschieden wirkende Stücke. In Summe war das vor eineinhalb Jahren auch egal, weil die bessere Hälfte lässt einfach die Sonne aufgehen. Danke, ihr Fleisch gewordenen Muppets! (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.1.2007)

  • "Short Legs & Wide Stance"
    foto: vodnyansky

    "Short Legs & Wide Stance"

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