Macht euch locker, Minimalisten

15. Jänner 2007, 17:00
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Bekannt wurde Stefan Heiliger durch seine Enwürfe für die Autoindustrie - Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst zeigt nun in einer Retrospektive vor allem die bekannten Relax-Möbel des Gestalters

Form-Puristen, die lieber auf rechtwinklig verlaufende Linien achten, als sich bequem zu entspannen, würdigen die Möbel von Stefan Heiliger keines Blickes. Macht euch locker, Minimalisten! Heiligers Polstermöbel haben fließende Formen, sie wirken höchst dynamisch, beinahe wie auf dem Sprung. Fast immer kommen sie in grellen Farben daher, und obwohl sie sich als Designobjekte im wahrsten Sinne des Wortes zu erkennen geben, ungeheuer bequem. Stefan Heiliger, Jahrgang 1941, hat sie für Hersteller wie WK, Rolf Benz, Bonaldo, Leolux und andere erdacht. Und weil sich sein Erfindungsreichtum kaum bremsen lässt, hat er darüber hinaus seine eigene Heiliger Collection gegründet.

Nur wer nicht genau hinsieht, hält ihn für einen Stylisten. Dabei ist der Designer stets auf der Suche nach der perfekten Form. Nun widmet ihm, einem der bekannten Unbekannten seines Faches, das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt am Main eine umfangreiche Werkschau.

Flügeltür-Erprobungswagen

Stefan Heiligers Formensprache hat viele Wurzeln. Er studiert an der Hochschule für Gestaltung in Ulm und bei Wilhelm Wagenfeld in Stuttgart. Von 1964 bis 1977 arbeitet er als Designer bei Mercedes-Benz, zunächst bei den Ingenieuren der Vorentwicklung, später in der Designabteilung. Er hat Anteil an den legendären Flügeltür-Erprobungswagen, die in den 1960er-Jahren unter der Bezeichnung C 111 in Versionen mit Wankelmotor und als Diesel entstehen. Einer der wichtigsten Entwürfe aus Heiligers Autophase ist der Mercedes-Kastenwagen 207 D, der millionenfach gebaut wurde.

Während einige seiner Entwürfe den Alltag der 1970er-Jahre prägen, nimmt er einen Lehrauftrag für Darstellungstechniken an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach an. Anfangs gehen die Industriedesign-Studenten zu dem Automann Heiliger und seinen Renderings auf Distanz. Der technisch versierte Heiliger entwirft nun neuartige Möbel mit veränderbarer Gestalt. "Vom Daimler-Konstrukteur zum Diwan-Designer", titelt eine Zeitschrift später. Seine raumgreifenden, skulpturalen Objekte lassen sich nun falten, verdrehen und knicken und erhalten dadurch neue Funktionen und Bequemlichkeit. "Wenn die Erotik fehlt, sind Automobile Kühlschränke auf Rädern", sagt Heiliger.

Komfort und Kalkül

Beim Entwurf seiner Sofas, Sessel und Funktionsmöbel achtet er auf deren emotionale Ausstrahlung. Mit gewohnten Möbelformen hat Heiliger nichts im Sinn. "Mich stört", sagt er, "dass die aus dem Ende des vergangenen Jahrhunderts stammende Kultur des Aufrechtsitzens keine Zwischenformen zulässt." So konstruiert er Möbel für Minutenschlaf und ausgestrecktes Sitzen und fürs Arbeiten im Liegen. 2004 stellt er auf der Kölner Möbelmesse einen Sessel namens Rondo vor, der sich stufenlos jeder entspannten Sitzhaltung seines Nutzers anpasst. "Meine Entwürfe", erklärt der Designer und Hochschullehrer, "entstehen oft spontan: Ein Stück Papier - falten, schneiden, übereinander knicken - beschreibt die formale Innovation, denn Papier ist geduldig, hat keine Masse und idealisiert." Was so einfach aussieht, hält durchaus gestalterische Tücken bereit: "Die Umsetzung in Stahlkonstruktionen mit Beweglichkeit ist das Problem. Hier greift die konstruktive Innovation: Eine Schale aus biegsamem Kunststoff lässt die Idee Wirklichkeit werden: Über eine Führung in der Armlehne ist die Sitzschale erweiterbar, und die Rückenschräge passt sich der gewünschten Relaxhaltung an."

Volker Fischer, Design-Kurator des Frankfurter Museums spricht vom "dezidiert zeitgenössischen Vokabular", schwärmt von der Verbindung zwischen "Komfort und Kalkül", zwischen der "möglichst großen Bequemlichkeit und einem pragmatischen Kostendenken" und sagt, dass ihr Aufenthalt im Kulturtempel nur temporärer Natur ist: "Freie Formen entstehen bei Heiliger nicht für die Galerien und Museen, sondern für den Markt." (Thomas Edelmann/Der Standard/Rondo/12/01/2007)

Stefan Heiliger Design - Eine Retrospektive
Museum für Angewandte Kunst Frankfurt am Main, bis 25. Februar 2007

Museum für angewandt Kunst Frankfurt
Heiliger Design
Heiliger Collection
  • Artikelbild
    foto: museum für angewandte kunst frankfurt
  • Balance, Wk Wohnen, Dreieich, 2005
    foto: museum für angewandte kunst frankfurt

    Balance, Wk Wohnen, Dreieich, 2005

  • Modell 1:5, 2004
    foto: museum für angewandte kunst frankfurt

    Modell 1:5, 2004

  • Prototyp vor Modell-Regal
    foto: museum für angewandte kunst frankfurt

    Prototyp vor Modell-Regal

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