Reif für die rote Insel

13. Jänner 2007, 17:00
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Madagaskar ist nicht einfach zu bereisen. Dafür erschließt sich ein Mix aus Naturschönheit und Umweltzerstörung, Totenkult und Lebensfreude

Wer die klassische Südroute in Tuléar beginnt, landet in einer anderen Zeit. Kaum verlässt man den Kleinflughafen der Hafenstadt, treiben Buben mit Speeren Ziegenherden vor sich her, zuckeln Zebu-Karren auf den staubigen Straßen vorbei oder die barfüßigen Rikscha-Fahrer mit ihren bunten "Pousse-Pousse", Vehikeln, die auf die asiatischen Einflüsse des Inselstaates Madagaskar verweisen.

"Malgache", die Landessprache, auf die sich alle 18 Ethnien, Ureinwohner aus Asien und Afrika, verständigt haben, ist dem Indonesischen sehr nah. Doch mit Französisch, der einstigen Kolonialsprache, kommt man ganz gut voran.

Jeder "Vazaha" ist eine Attraktion

Ein anderes Erbe der Franzosen sind die gut gepflegten Renault 4 aus den 1960er-Jahren, die als beliebtestes Taxi auf der Insel ihr Gnadenbrot bekommen. An jedem leicht abschüssigen Straßenabschnitt stellen die sparsamen Chauffeure den Motor ab - schließlich ist Benzin hier so teuer wie in Europa. Auf dem örtlichen Markt ist jeder "Vazaha", wie die weißen Fremden hier genannt werden, eine eher unfreiwillige Attraktion. Jeder sucht Kontakt und Gespräch: die freundlichen Händler, die pelzige Baobabfrüchte oder seltsame Hölzer und Wurzeln für Geisterbeschwörungen anbieten, und die "Hotely"-Köche, die vor ihren Imbisshütten Zebu-Spieße grillen.

Madagaskar konfrontiert jeden Reisenden sehr körperlich mit seinen eigenen Grenzen - und Fragen, wie dieser Teufelskreis aus Armut und Aberglauben je durchbrochen werden könnte. Die Zukunft scheint wenig Platz zu haben in einem Land, in dem nur vier Fünftel der Menschen an ein Stromnetz angebunden und 60 Prozent Analphabeten sind. Einen Euro beträgt das tägliche Durchschnittseinkommen der rund 18 Millionen Madagassen. Die rote Insel gehört zu den zehn ärmsten Ländern der Welt.

Naturschutz für den Tourismus

Nur 280.000 Touristen besuchten im vergangenen Jahr die Insel, doppelt so viele sollen es in den nächsten Jahren werden. Dafür hat Regierungschef und Jogurt-Baron Ravalomanana etwas getan: Er lässt Wälder aufforsten und will die Fläche der Naturschutzgebiete verdreifachen.

Seit zwei Jahren ist die 900 Kilometer lange Route Nationale 7, die von Tuléar in die Hauptstadt Antananarivo, kurz Tana, führt, asphaltiert. So finden nicht nur seine Tiko-Produkte leichter in die Geschäfte, sondern auch die Touristen in die Nationalparks Isalo und Ranomafana, in denen endemische Pflanzen und Tiere wie Lemuren oder Chamäleons sowie reißende Wasser Natur- und Kajakfreunde gleichermaßen anlocken. Dennoch: Eine Strecke von 300 Kilometern bleibt eine anstrengende Tagestour.

Auf der RN7 beginnt die Tour gen Nordost, vorbei an den heiligen Baobab-Bäumen, an winzigen Hütten aus Fächerpalmen, durch die Trockenheit des Südens. Dazwischen viel Feuer und Rauch, der in den Lungen beißt. Illegale Brandrodungen überall. Im Dezember beginnt die Regenzeit, vorher fackeln die Bauern eifrig ab. Ein-, zweimal trägt der Acker so besser, dann ist er endgültig tot, und neue Bäume und Sträucher müssen herhalten, um die kinderreichen Familien zu ernähren. Von der einst dicht bewaldeten Insel sind nur noch weniger als 10 Prozent des Grüns übrig.

Im fruchtbaren Hochland wechselt die Szenerie in einen gewaltigen Farbenrausch: Grüne, sanfte Hügel, blühende Bäume, kunstvoll angelegte Reisterrassen - eine Kultivierungsform, die die ersten indonesischen Siedler einst auf die Insel brachten - kontrastieren mit roten, schmalen Lehmhäusern.

Eine Bootsfahrt auf dem Canal de Pangalanes an der Ostküste führt in das entlegenste Gebiet Madagaskars. Keine Straßen führen hier her, keine Strom- und Telefonleitungen. Der 600 Kilometer lange Kanal, als ein vor den Launen des Meeres sicherer Transportweg für Gewürze, Kaffee und Reis von den Franzosen angelegt, ist die einzige Lebensader, die die versprengten Dörfer seit der Jahrhundertwende mit der Außenwelt verbindet. Das gewaltige Grollen des Indischen Ozeans, nur eine 50 Meter breite Sanddüne entfernt, ist lange Zeit die einzige Attraktion. Denn die Krokodile, die uns der Bootsführer Lucien verspricht, lassen sich nicht blicken. Nach einer halben Stunde dann die erste Piroge, der typische Einbaum. Die beiden Paddler lächeln nicht.

Archaische Traditionen

Wir "Vazaha" werden in dieser Gegend Madagaskars eher misstrauisch beäugt, nirgends sind die archaischen Traditionen der Insel noch so präsent wie hier. "Vazaha", erklärt Lucien die Angst, "sollen madegassischen Kindern das Herz aus dem Leib reißen und die Knochen aus den Gräbern der Ahnen klauen." Wobei Letzteres das weitaus größere "Fady" ist.

Mit "Fady" sind die Tabus und Rituale gemeint, mit denen die Madegassen seit Jahrhunderten ihre Toten ehren: Die Toten sind den Madegassen heilig, heiliger als das Leben und der gesunde Menschenverstand. Stirbt ein Familienoberhaupt, wird sein Haus verbrannt und der Rest seines Vermögens beim Leichenschmaus verpulvert - seine Hinterbliebenen müssen von vorn beginnen. "Und dann", holt Lucien noch einmal aus, "müssen alle fünf Jahre die Toten umgewendet werden." Bei dem rituellen Grabausheben und Knochenputzen, einem Fest für Dorf und Familie, stürzen sich fast alle Madagassen in Schulden - die meist erst nach fünf Jahren abbezahlt sind. Gerade rechtzeitig, um die nächste Umwendung zu finanzieren.

Von Mananjary geht es mit dem Auto zurück nach Tana. Auf der achtstündigen rumpeligen Fahrt wieder Abgase, Brandrodungen, schneidende Luft - der erste Husten kündigt sich an. Wir sind reif für die Insel. Nach einer Stunde Flug endlich das Paradies: Die Pirateninsel Sainte Marie, 57 Kilometer lang und vier Kilometer breit, mit einem verwunschenen Freibeuterfriedhof aus dem 18. Jahrhundert.

Mit dem Zebu-Karren ins Luxushotel

Nicht weit vom winzigen Flughafen liegt die "Princesse Bora Lodge", das luxuriöseste Hotel der Insel. Ein Zebu-Karren holt uns ab. Der Eigentümer François-Xavier Mayer ist gebürtiger Madegasse, seine Mutter ist Deutschschweizerin, sein Vater Franzose. Er lebt in siebter Generation auf der Insel. Vor fünf Jahren entschloss er sich, das Hotel zu bauen - als "Zanatany", als Kind der Insel, war es für ihn kein Problem, Land zu kaufen. Ausländer dürfen das nicht.

60 Angestellte aus dem Dorf hat er angelernt, so viele braucht es hier, um das bisher aus 15 Bungalows bestehende Hotel nach europäischem Standard zu betreiben. "Ich bin mehr ein Bürgermeister als ein Hotelier", sagt er. Denn das Hotel hat ein eigenes E-Werk, um von dem öffentlichen, nur sporadisch funktionierende Stromnetz unabhängig zu sein, eine Bäckerei, Schneiderei, Wäscherei und eine Trinkwasser-Aufbereitungsanlage. Und einmal pro Woche fliegt Mayer mit seiner Cessna nach Tana, um all das zu kaufen, was es auf Sainte Marie nicht gibt. Eine logistische Höchstanstrengung, die ihn rund um die Uhr fordert.

"Ja, manchmal frage ich mich auch, warum ich kein Hotel in Europa führe, sondern hier", sagt er. Doch es gibt einen Grund: dutzende von Buckelwalen, die zwischen Juni und September ganz nah an den Hotelstrand kommen, um sich zu paaren und zu gebären. Dann wird die Lodge zur Hochburg für Meeresbiologen und Ökotouristen. Sainte Marie gilt neben Hermanus in Südafrika als bestes Beobachtungsgebiet der Welt.

Seit seiner Kindheit ist Mayer von den Meeresriesen fasziniert, mit der Organisation "Megaptera" setzt er sich für den Schutz der bedrohten Tiere ein. In diesem Sommer erreichte die Walfang- nation Japan vor der Internationalen Walfangkommission einen ersten Abstimmungserfolg zur Aufhebung des seit 20 Jahren bestehenden Fangverbotes. Kritiker werfen Japan vor, ärmere Länder mit Entwicklungshilfe zu bestechen, damit diese mit Tokio stimmen. "Sie werden sicher die vielen Schulen im Land gesehen haben, die von Japan gestiftet wurden", regt er sich auf. "Das passiert natürlich nicht umsonst." (Silke Bender/Der Standard/RONDO/12.01.2007)

Anreise: Air Madagascar fliegt fünfmal wöchentlich direkt ab Paris und zweimal wöchentlich ab Mailand nach Tana
Veranstalter vor Ort: Europe Voyages, Irmgard Manambelona, Antananarivo, Tel.: (+261 20/22) 630 49
Unterkunft: Princesse Bora Lodge, Reservierungen über Tel. (+261 20/57) 040 03 oder auf der Homepage

Dia-Vortrag:
Lemuria - Insel der Extravaganzen
Ein Evolutionsbericht von Michael Grünwald
Montag, 12. Februar 2007, 19.00 Uhr
Wiener Urania - Klubsaal, 1010 Wien, Uraniastraße 1
Eintrittspreis: EUR 5,-
  • Ein Bauer aus dem Norden des Landes, unterwegs in seinem Ochsenkarren.
    foto: michael grünwald

    Ein Bauer aus dem Norden des Landes, unterwegs in seinem Ochsenkarren.

  • Artikelbild
    foto: michael grünwald
  • Die Graslandschaft im Osten.
    foto: michael grünwald

    Die Graslandschaft im Osten.

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