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Der Maglev ist prestigeträchtiges Aushängeschild der Stadt, die sich für die Expo im Jahr 2010 herausputzt.

430 km/h nach drei Minuten
Nach drei Minuten hat der Maglev seine vorläufige Höchstgeschwindigkeit von 430 Stundenkilometern erreicht. Gierig steht die Menge vor dem Display und fotografiert die digitalen Ziffern. Gelegentlich springt die Null sogar auf eine Eins über. Es wird geblitzt und gekreischt. Ansonsten ist es still. Nur einmal wird es ungemütlich, als der Gegenzug vorbeidonnert und die Druckwelle einen kleinen Urknall erzeugt. Die Fensterscheiben krümmen sich, die Kabine zittert. Nach einer halben Sekunde ist alles vorbei.
Die vollen 500 können auf dieser Strecke gar nicht ausgefahren werden,
denn acht Minuten später ist man bereits angekommen - und befindet sich
damit in Longyang, am äußersten Rand von Schanghai.
Ursprünglich hätte der Zug freilich bis in die Stadtmitte vor fahren
sollen, doch nach 1,3 Milliarden Euro war das Budget erschöpft.
Das Recht des Stärkeren
"Hat es Ihnen gefallen?", fragt Gu Li Jun, die uns unten beim Bus empfängt. Sie wird uns die kommenden Tage begleiten. Ihr erster Tipp gilt dem Verhalten als Fußgänger: "Der stärkere Verkehrsteilnehmer hat immer Vorrang. Wenn Sie über die Straße gehen, müssen Sie immer schön in Bewegung bleiben." Nach wenigen Kilometern bestätigt sich: Chinesen sind wilde Autofahrer, Fußgänger werden mit Karacho im Slalom umfahren. Dekoriert wird die Fahrtroute von Zebrastreifen, die roten Ampellichter sind hübsche Farbtupfer im grauen Einheitsbrei.
Es eröffnet sich der erste Blick auf die Skyline. "Hier vorn
können Sie schon die Wolken kratzen sehen", erklärt Gu mit
einem Hang zu Poesie. Schanghais Eckdaten sind rasch erklärt: Von Ost
nach West erstreckt sich die Stadt über 100 Kilometer, von Nord nach
Süd beträgt die Ausdehnung sogar 120 Kilometer. Geteilt wird die
Stadt vom bräunlich dahinfließenden Huangpu. Vor 15 Jahren war das
östliche Ufer reines Ackerland. Rinder sollen hier noch den Pflug durch die
Reisfelder gezogen haben.
Keine Diskussionen
Heute bildet der Oriental Pearl Tower, der kugelige Fernsehturm mit seinen 468 Metern, das markante Entree zum neu bebauten Pudong. Pudong - das ist jener Stadtteil, der wie ein Versatzstück aus der Zukunft erscheint. Architekten, Investoren und Developer haben in sehr kurzer Zeit sehr viel Monopoly gespielt - und das flache Land mit futuristischen Spielzeugen gesäumt. "Die meisten der 1800 Hochhäuser rund um den Fernsehturm sind in den vergangenen fünf Jahren entstanden", sagt Gu ganz trocken, "in China wird nicht viel diskutiert, wir bauen einfach." Anders kann man sich die hohe Dichte nicht erklären. Bis vor Kurzem war Schanghai die größte Baustelle der Welt - diesen Status musste es nun an Dubai abgeben.
Doch trotz aller Bemühungen bleibt Pudong, was es ist: eine Skyline am anderen Flussufer. "Die Menschen wollen dort einfach nicht wohnen", sagt Gu, "die meisten wollen lieber ein Bett in der Stadt als eine Wohnung in Pudong." Vom Ersteren gibt es viele an der Zahl. Die meisten neuen Arbeitersiedlungen, wie der soziale Wohnbau in Schanghai genannt wird, sind sechsstöckig gebaut. Das hilft den Investoren, die Baukosten zu senken. Ein Aufzug ist laut Vorschrift erst ab dem siebten Stockwerk notwendig.
Doch das Stiegensteigen tut den Chinesen nichts. Allabendlich schwirren sie in ihren langärmeligen Pyjamas aus, um vor dem Schlafengehen noch einen kleinen Spaziergang durch ihr Viertel zu machen. Die meisten sind schlichtweg weiß, manche sind geblümt oder gestreift. Schanghai bei Nacht ist unvergesslich. Die Stadtverwaltung indes zeigt sich um ihren Tourismus besorgt: "Man hat schon oft versucht, die Leute davon abzubringen. Eine ganze Millionenstadt im Pyjama, wie sieht denn das aus!"
Nach ein paar Tagen in Schanghai wird Geschwindigkeit dann zu einer
uninteressanten Größe und das U-Bahn-Fahren plötzlich wieder
gemütlich. Anders als im gediegenen Zustand des Magnetschwebens geht
es hier zur Rushhour jedoch etwas körperbetonter zu. Mit einem Megafon
ausgestattet, brüllen einem die so genannten Drücker mit 100
Dezibel ins Ohr und stemmen sich mit ihrem Körpergewicht gegen die
Passagiermasse, die aus dem U-Bahn-Waggon quillt. "Das sind die Oma-
Opa-Arbeitskräfte", erklärt uns Gu Li Jun, die allwissendste
Reiseführerin der Stadt. "Um sich in der Pension noch ein paar Yuan
dazuzuverdienen, stellen sie sich für die einfacheren Jobs zur
Verfügung." Doch warum sind die berufstätigen Senioren so
brutal? Fährt der Zug auch nur um eine halbe Minute zu spät ab, wird
von den Gehältern eine Pönale abgezogen.
Akkord in der Peripherie
In Schanghai - das wird bald klar - wird in einem ganz anderen Tempo gebaut als in Europa. Der Zukunftsdrill, der China ins 21. Jahrhundert katapultieren soll, geht zumeist auf Kosten der Bevölkerung. Während das historisch gewachsene Stadtzentrum in vergleichbar gesundem Tempo vor sich hin brodelt, ist an der Peripherie Akkord angesagt. Die Strecke des Maglev wurde in nur 22 Monaten gebaut. Doch die großen Prognosen von einst haben sich nicht erfüllt. Nach Auskunft von Song Xiaojun, Generalmanager der Shanghai Maglev Transportation Development Co., werden von 12.000 verfügbaren Tickets täglich nur an die 1000 verkauft.
Kürzlich wurde der neue Südbahnhof eröffnet - eine riesige
Infrastruktur-Maschine, von deren klinisch gesäubertem Boden man Dim
Sum essen könnte. Am-Boden-Sitzen und zu langes Stehen ist allerdings
auffällig - und daher nicht gestattet. Bei Bedarf setzt sich die
bahnhofsinterne Motorrad-Flotte in Bewegung.
Eine bessere Stadt, aber nicht für alle
In Zukunft wird es für die Chinesen noch ungemütlicher. Denn Schanghai steht die größte, so genannte Relocation seiner Geschichte bevor. Für die Expo im Jahre 2010 will sich die Stadt von ihrer besten Seite zeigen. In den beiden Stadtteilen Puxi und Pudong wird man für etwa 1,6 Milliarden Euro - genaue Kosten stehen noch nicht fest - 5,2 Quadratkilometer Stadtfläche zum Expo-Areal erklären. Das Weltausstellungsmotto "Better City, better Life" ist für viele dann nur Zynismus der Regierung. Nach Auskunft des Stadtplanungsmuseums wird allein die Umsiedelung von 270 Fabriken und 20.000 betroffenen Familien geschätzte zwei Milliarden Euro verschlingen. Es besteht kein Einspruchsrecht. (Wojciech Czaja/Der Standard/RONDO/12.01.2007)
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