Schöner fahren

Wojciech Czaja, 24. Jänner 2007, 16:33
  • Der Maglev ist prestigeträchtiges Aushängeschild der Stadt, die sich für die Expo im Jahr 2010 herausputzt.
    foto: ap

    Der Maglev ist prestigeträchtiges Aushängeschild der Stadt, die sich für die Expo im Jahr 2010 herausputzt.

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    foto: getty images/china photos

Ein bisschen Metropolis und ein bisschen Gotham City. In Schanghai verliert man leicht die Stadt von heute aus den Augen

Alle sind aufgeregt wie die Kinder. Selbst abgebrühte Businessleute mit Anzug und Krawatte können sich ihr breites Grinsen nicht verkneifen. Punkt 15 Uhr schließen die Türen, leise beginnt es zu surren. Ein plötzlicher Ruck hat die Magnetschwebebahn um einen Zentimeter in die Höhe gestemmt. Zierliche Damen in hellblauem Kostüm - sie sind auf dem Bahnsteig verblieben - verabschieden sich mit einem Lächeln durch die Scheibe. Die Chinesen sind sichtlich stolz auf ihren Maglev, ihren ganz eigenen Magnetic Levitation Train, der den neuen Flughafen Pudong nun an die Stadt anbindet. Allein, das Wort Transrapid möchte man hier nicht hören. Abfahrt.

430 km/h nach drei Minuten

Nach drei Minuten hat der Maglev seine vorläufige Höchstgeschwindigkeit von 430 Stundenkilometern erreicht. Gierig steht die Menge vor dem Display und fotografiert die digitalen Ziffern. Gelegentlich springt die Null sogar auf eine Eins über. Es wird geblitzt und gekreischt. Ansonsten ist es still. Nur einmal wird es ungemütlich, als der Gegenzug vorbeidonnert und die Druckwelle einen kleinen Urknall erzeugt. Die Fensterscheiben krümmen sich, die Kabine zittert. Nach einer halben Sekunde ist alles vorbei.

Die vollen 500 können auf dieser Strecke gar nicht ausgefahren werden, denn acht Minuten später ist man bereits angekommen - und befindet sich damit in Longyang, am äußersten Rand von Schanghai. Ursprünglich hätte der Zug freilich bis in die Stadtmitte vor fahren sollen, doch nach 1,3 Milliarden Euro war das Budget erschöpft.

Das Recht des Stärkeren

"Hat es Ihnen gefallen?", fragt Gu Li Jun, die uns unten beim Bus empfängt. Sie wird uns die kommenden Tage begleiten. Ihr erster Tipp gilt dem Verhalten als Fußgänger: "Der stärkere Verkehrsteilnehmer hat immer Vorrang. Wenn Sie über die Straße gehen, müssen Sie immer schön in Bewegung bleiben." Nach wenigen Kilometern bestätigt sich: Chinesen sind wilde Autofahrer, Fußgänger werden mit Karacho im Slalom umfahren. Dekoriert wird die Fahrtroute von Zebrastreifen, die roten Ampellichter sind hübsche Farbtupfer im grauen Einheitsbrei.

Es eröffnet sich der erste Blick auf die Skyline. "Hier vorn können Sie schon die Wolken kratzen sehen", erklärt Gu mit einem Hang zu Poesie. Schanghais Eckdaten sind rasch erklärt: Von Ost nach West erstreckt sich die Stadt über 100 Kilometer, von Nord nach Süd beträgt die Ausdehnung sogar 120 Kilometer. Geteilt wird die Stadt vom bräunlich dahinfließenden Huangpu. Vor 15 Jahren war das östliche Ufer reines Ackerland. Rinder sollen hier noch den Pflug durch die Reisfelder gezogen haben.

Keine Diskussionen

Heute bildet der Oriental Pearl Tower, der kugelige Fernsehturm mit seinen 468 Metern, das markante Entree zum neu bebauten Pudong. Pudong - das ist jener Stadtteil, der wie ein Versatzstück aus der Zukunft erscheint. Architekten, Investoren und Developer haben in sehr kurzer Zeit sehr viel Monopoly gespielt - und das flache Land mit futuristischen Spielzeugen gesäumt. "Die meisten der 1800 Hochhäuser rund um den Fernsehturm sind in den vergangenen fünf Jahren entstanden", sagt Gu ganz trocken, "in China wird nicht viel diskutiert, wir bauen einfach." Anders kann man sich die hohe Dichte nicht erklären. Bis vor Kurzem war Schanghai die größte Baustelle der Welt - diesen Status musste es nun an Dubai abgeben.

Doch trotz aller Bemühungen bleibt Pudong, was es ist: eine Skyline am anderen Flussufer. "Die Menschen wollen dort einfach nicht wohnen", sagt Gu, "die meisten wollen lieber ein Bett in der Stadt als eine Wohnung in Pudong." Vom Ersteren gibt es viele an der Zahl. Die meisten neuen Arbeitersiedlungen, wie der soziale Wohnbau in Schanghai genannt wird, sind sechsstöckig gebaut. Das hilft den Investoren, die Baukosten zu senken. Ein Aufzug ist laut Vorschrift erst ab dem siebten Stockwerk notwendig.

Doch das Stiegensteigen tut den Chinesen nichts. Allabendlich schwirren sie in ihren langärmeligen Pyjamas aus, um vor dem Schlafengehen noch einen kleinen Spaziergang durch ihr Viertel zu machen. Die meisten sind schlichtweg weiß, manche sind geblümt oder gestreift. Schanghai bei Nacht ist unvergesslich. Die Stadtverwaltung indes zeigt sich um ihren Tourismus besorgt: "Man hat schon oft versucht, die Leute davon abzubringen. Eine ganze Millionenstadt im Pyjama, wie sieht denn das aus!"

Nach ein paar Tagen in Schanghai wird Geschwindigkeit dann zu einer uninteressanten Größe und das U-Bahn-Fahren plötzlich wieder gemütlich. Anders als im gediegenen Zustand des Magnetschwebens geht es hier zur Rushhour jedoch etwas körperbetonter zu. Mit einem Megafon ausgestattet, brüllen einem die so genannten Drücker mit 100 Dezibel ins Ohr und stemmen sich mit ihrem Körpergewicht gegen die Passagiermasse, die aus dem U-Bahn-Waggon quillt. "Das sind die Oma- Opa-Arbeitskräfte", erklärt uns Gu Li Jun, die allwissendste Reiseführerin der Stadt. "Um sich in der Pension noch ein paar Yuan dazuzuverdienen, stellen sie sich für die einfacheren Jobs zur Verfügung." Doch warum sind die berufstätigen Senioren so brutal? Fährt der Zug auch nur um eine halbe Minute zu spät ab, wird von den Gehältern eine Pönale abgezogen.

Akkord in der Peripherie

In Schanghai - das wird bald klar - wird in einem ganz anderen Tempo gebaut als in Europa. Der Zukunftsdrill, der China ins 21. Jahrhundert katapultieren soll, geht zumeist auf Kosten der Bevölkerung. Während das historisch gewachsene Stadtzentrum in vergleichbar gesundem Tempo vor sich hin brodelt, ist an der Peripherie Akkord angesagt. Die Strecke des Maglev wurde in nur 22 Monaten gebaut. Doch die großen Prognosen von einst haben sich nicht erfüllt. Nach Auskunft von Song Xiaojun, Generalmanager der Shanghai Maglev Transportation Development Co., werden von 12.000 verfügbaren Tickets täglich nur an die 1000 verkauft.

Kürzlich wurde der neue Südbahnhof eröffnet - eine riesige Infrastruktur-Maschine, von deren klinisch gesäubertem Boden man Dim Sum essen könnte. Am-Boden-Sitzen und zu langes Stehen ist allerdings auffällig - und daher nicht gestattet. Bei Bedarf setzt sich die bahnhofsinterne Motorrad-Flotte in Bewegung.

Eine bessere Stadt, aber nicht für alle

In Zukunft wird es für die Chinesen noch ungemütlicher. Denn Schanghai steht die größte, so genannte Relocation seiner Geschichte bevor. Für die Expo im Jahre 2010 will sich die Stadt von ihrer besten Seite zeigen. In den beiden Stadtteilen Puxi und Pudong wird man für etwa 1,6 Milliarden Euro - genaue Kosten stehen noch nicht fest - 5,2 Quadratkilometer Stadtfläche zum Expo-Areal erklären. Das Weltausstellungsmotto "Better City, better Life" ist für viele dann nur Zynismus der Regierung. Nach Auskunft des Stadtplanungsmuseums wird allein die Umsiedelung von 270 Fabriken und 20.000 betroffenen Familien geschätzte zwei Milliarden Euro verschlingen. Es besteht kein Einspruchsrecht. (Wojciech Czaja/Der Standard/RONDO/12.01.2007)

>>> Zur Ansichtssache - Metropolis und Gotham City <<<

Anreise: z. B. mit der Emirates via Dubai
Allgemeine Infos: In China besteht Visapflicht für Österreicher. Ein Zwischenstopp in Schanghai ist für maximal 48 Stunden ohne Visum möglich.

"Fährt der Zug auch nur um eine halbe Minute zu spät ab, wird von den Gehältern eine Pönale abgezogen."

der real existierende kommunismus ist doch ewas schönes...

Der chinesische "Kommunismus"...

...ist eigentlich voller Kapitalismus. Pinochet wär stolz drauf!

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