Hahn-Dissertation: "Je weniger Regierung, desto besser"

11. Jänner 2007, 12:42
335 Postings

Johannes Hahn, der neue Wissenschaftsmini­ster, ist promovierter Philosoph, in Sachen Wissenschaft bislang ein unbeschriebenes Blatt - der STANDARD las in seiner Dissertation nach

Wien - Neutral bis positiv, so lassen sich die bisherigen Stimmen zur Bestellung des neuen Wissenschaftsministers Johannes "Gio" Hahn zusammenfassen. Die Zurückhaltung bei den Stellungnahmen der Forscher und Universitätsvertreter lässt sich leicht erklären: Der Chef der Wiener ÖVP und frisch gebackene Neo-Minister gilt in Sachen Wissenschaft als eher unbeschriebenes Blatt. Zu selten hatte sich Hahn bislang über Wissenschafts- und Universitätsagenden geäußert.

 

Entschieden positiv über Hahn äußerte sich allenthalben Peter Kampits, Dekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften der Universität Wien, im STANDARD-Interview und charakterisierte Hahn als "liberalen, offenen Menschen". Dadurch habe der Neo-Minister die Chance, die gesamte Wissenschaft zu vertreten - und wenn es nach Kampits geht, natürlich insbesondere auch die Geisteswissenschaften.

Hahns Doktorvater

Kampits muss es wissen, schließlich war er Erstbetreuer von Hahns 1987 eingereichter Dissertation Perspektiven der Philosophie heute - dargestellt am Phänomen Stadt. Die Arbeit war krönender Endpunkt seiner Studien an der Universität Wien, die Hahn 1976 an der juridischen Fakultät begonnen hatte.

Nach sechs Jahren und dem absolvierten ersten Studienabschnitt wechselte er zu Philosophie und schloss dort nach knapp fünf Jahren ab - trotz einer Krebserkrankung, die er in dieser Zeit zu überstehen hatte.

Schon rein thematisch lässt die Dissertation einiges von Hahns späterer politischer Karriere als (Stadt-)Politiker erahnen, wie auch Kampits meint, handelt sie doch zur Hälfte vom Phänomen Stadt. Die andere Hälfte seiner Arbeit war, wie so oft bei philosophischen Texten, der Philosophie selbst gewidmet.

Widersprüchliches

Und dabei kam Hahn zu einigen doch recht widersprüchlichen Einschätzungen: So konstatierte er auf Seite 18, dass es eine eindeutige Konjunktur der Philosophie gebe. Wenige Seiten zuvor hatte er freilich auch gemeint, dass seine Disziplin in einer Krise stecke.

Als Symptom dafür warf er der Philosophie vor, dass sie es bisher sträflich vernachlässigt habe, die Stadt zu ihrem Thema zu machen und übt harte Kritik an den Fachvertretern: "Wo die Säumigen zu treffen sind, ist evident: An den philosophischen Instituten und sonstigen Einrichtungen, die die gewerbsmäßigen Philosophen beherbergen und ernähren."

Diese Lücke füllte nun Hahn mit seinem stadtphilosophischen Versuch, an den sich sein Betreuer zwar nicht mehr im Detail erinnern kann. Seines Erachtens sei er aber "sehr innovativ" gewesen.

"Der Begriff ,Stadtphilosophie' ruft bei den meisten Menschen nur irritiertes Staunen hervor. Aber schon Aristoteles hat im Staunen den Grund des Philosophierens gesehen." Mit dieser eher paradoxen Formulierung hebt die innovative Arbeit an, um nach 254 Seiten Text mit einer ähnlich paradoxen Botschaft wieder zu enden: "Städte wieder zu Städten zu machen könnte das Kurzprogramm einer Stadtphilosophie lauten." Grundsätzlich verbindet Hahn mit seinem Thema große Ambitionen: "Eine Stadtphilosophie von heute kann (...) zur Staatsphilosophie von morgen werden" - um sie im nächsten Satz allerdings gleich wieder zurückzunehmen: "So hoch ist mein Anspruch in der vorliegenden Arbeit jedoch bei weitem nicht."

Eines seiner Anliegen war es jedenfalls, die Stadt als Ganzes für die Philosophie zu entdecken, was nicht so einfach ist, denn: "Die Stadt ist widersprüchlich, nicht leicht zu fassen. Es ist die Komplexität, dieses Wirrnis an Einflüssen, die so impressiv sind, dass die Stadtmenschen bei den Landbewohnern so oft einen exzessiven Eindruck machen."

Immerhin könne ihre Idee nicht verloren gehen, "denn die Stadt ist ein Magnet, der ihre Faszination ausmacht". Und außerdem: "Die Stadt sind wir selbst; eine alte Binsenweisheit."

Mit "Gut" beurteilt

Rein formal betrachtet lässt die mit "Gut" benotete Dissertation - die Rigorosen bestand Hahn mehrheitlich mit "Sehr gut" - ein wenig zu wünschen übrig. Anführungszeichen gibt es etwa nur bei längeren Zitaten. Eines aus dem Einführungsbuch Was heißt philosophieren geht dafür gleich über rekordverdächtige vier Seiten.

Bei den Namen sind auch ein paar Hoppalas passiert: Bertrand Russell, dem wohl wichtigsten angelsächsischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, fehlt bei jeder seiner zahlreichen Erwähnungen das zweite l. Aus dem inzwischen verstorbenen Biochemiker und Wissenschaftskritiker Erwin Chargaff wiederum wird nicht nur ein Emil, sondern fälschlich auch gleich noch ein "Nobelpreisträger und Entdecker des DNS-Fadens".

Und Othmar Spann wiederum, der Vordenker des Ständestaats, mutierte zu Oswald. (Oder meinte Hahn vielmehr den deutschen Kulturpessimisten Oswald Spengler, den Autor von Der Untergang des Abendlandes?) Für diesen Oswald Spann jedenfalls brachte der damalige Cand. phil. durchaus Wohlwollen auf: "Das - meines Erachtens - falsche Ergebnis seines Philosophierens ändert nichts an seiner großartigen denkerischen Leistung."

Abgesehen von dieser für einen Liberalen doch etwas kühnen Position, präsentierte sich Hahn damals politisch als Verfechter der direkten Demokratie, der Bürgerengagements und als Kritiker des Staates. Das neue Regierungsmitglied berief sich dabei auf den US-Präsidenten Thomas Jefferson: "Je weniger Regierung, desto besser". Und der Stadtphilosoph sparte auch nicht mit prophetischer Kritik an seinem heutigen beruflichen Betätigungsfeld: "Die Politik nimmt zusehends circensische Züge an. Das Zeitalter politischer Fundamentalisten ist passé, es lebe der mediengerechte Politmoderator!" Willkommen! (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.1.2007)

---> Zitate aus Johannes Hahns Dissertation

 


 

Alle folgenden Zitate wörtlich aus:
Johannes Hahn: Perspektiven der Philosophie heute – dargestellt am Phänomen Stadt. Unveröffentlichte Dissertation an der Universität Wien. 282 S., Wien 1987.

Bertrand RUSSEL (sic!) hat einmal geschrieben, dass zwischen der Theologie und der Wissenschaft ein Niemandsland liegt, dass Angriffen von beiden Seiten ausgesetzt ist: dieses Niemandsland ist die Philosophie. (...) Ein Niemandsland ist kein Paradies, wo Milch und Honig fließt; ganz im Gegenteil. Man kann sich zwar dort aufhalten, aber nicht überleben. Deshalb kehren die Philosophen von Zeit zu Zeit in die Zivilisation zurück (...). Jene, die das nicht tun, verhungern im wahrsten Sinne des Wortes. (S. 12 und S. 14)

Von Heraklit stammt der Ausspruch, man "badet niemals im selben Wasser des Flusses". So ist es auch mit dem Leben: Man erlebt niemals wieder dieselbe Minute. (S. 20)

Dieser Exkurs war alles andere als sophisticated, falls jemand auf diese Idee gekommen sein sollte, im Gegenteil (...) (S. 21)

Es bleibt dabei: trotz aller hilfreichen und auch erfolgreichen Versuche – irgendwann passiert der Übergang abrupt – die Anfahrt auf den Großglockner, diesen großen Alpenübergang, ist lange – egal auf welcher Seite an hinauffährt, aber am Hochtor gehts plötzlich und abrupt bergab. (S. 23)

Anstelle der vielen gängigen Begriffsbestimmungen von Wissenschaft, die gerade in jüngster Zeit Verwirrung stifteten (z.B. HEIDEGGER und HABERMAS), sei auf eine lexikalische Wissenschafts-Definition verwiesen (...) (S. 57)

Es kommt auch nicht von ungefähr, dass gerade wissenschaftliche Koryphäen vom Range eines Emil CHARGAFF, Biochemiker, Altösterreicher, Nobelpreisträger und Entdecker des DNS-Fadens, der bekanntlich genetische Information enthält, so daß heute schon experimentell Erbeigenschaften übertragen werden können, am Ende ihres wissenschaftlichen Lebens nach ethischen Rechtfertigungen und Konditionen suchen und fragen. (S. 69)

Die Ehefrau ist die Partnerin für das ganze Leben. Von Zeit zu Zeit glaubt man, eine bessere Partnerin gefunden zu haben, aber zumeist kehrt man reumütig zurück, weil die Andere vielleicht in einem Punkt der Ehefrau überlegen war, in Summe ihr aber "nicht das Wasser reichen" konnte. (S. 73)

Der Verkehr in Wien ist Teil der Stadt Wien. Der Verkehr in Kopenhagen ist Teil der Stadt Kopenhagen. Der Verkehr seinerseits besteht unter anderem aus Autos. Ich kann nun die Autos in Wien und Kopenhagen zählen, vergleichen und in Korrelation zur Einwohnerzahl der betreffenden Städte setzen (...). Die ist aber, wie wir alle wissen, eine theoretische Größe, die der Praxis nur bedingt Rechnung trägt. (S. 82f.)

Der Uninformierte, mit den Grauslichkeiten seines Alltages konfrontierte Nicht-Westeuropäer oder Nicht-Nordamerikaner gewinnt somit die Impression, dass wir – bei aller Unvollkommenheit dieser Welt – in nachgerade paradiesischen Zuständen leben. (S. 101)

Vieles spricht dafür – und dies ist gar nicht zynisch oder beleidigend gemeint –, dass die Japaner uns derart perfekt kopiert haben, dass sie uns schon wieder karikieren. (S. 102)

Es ist einer der schwersten Fehler von Kommunalpolitikern, sich wie gewählte Verwaltungsbeamte zu gerieren. (S. 149)

Mutter (Familie), Haus und Stadt bilden auch eine Einheit und in sich – linear – eine räumliche Steigerung mit – in der Regel – umgekehrt abfallender emotionaler Bindung. Physikalische Magneten sind erklärbar, nicht jedoch solche der Seele und des Herzens. (S. 152)

Das Gesamtkonzept "Mensch", gleichermaßen fugen- wie uferlos, geht aus dem Blickpunkt oder physikalisch betrachtet: trainiert, dreidimensional zu denken, allenfalls imstande, die Zeitdimension zu berücksichtigen, sind wir für die fünfte Dimension, die Humandimension, unfähig. Sie überschreitet offenkundig unser menschliches Vorstellungsvermögen. Dabei sind wir das selbst. (S. 175)

Die bisher behandelten Elemente einer Stadtphilosophie gehören vorwiegend zum Bereich des immateriell Immateriellen. Der folgende Abschnitt wendet sich dem immateriell Materiellen zu. (S. 200)

  • Porträt des Wissenschaftsministers als junger Mann. Johannes Hahn promovierte mit einer philosophischen Arbeit. Ihre paradoxe Botschaft: "Städte wieder zu Städten machen."
    foto: privat

    Porträt des Wissenschaftsministers als junger Mann. Johannes Hahn promovierte mit einer philosophischen Arbeit. Ihre paradoxe Botschaft: "Städte wieder zu Städten machen."

Share if you care.