Das Ende einer wohlkalkulierten Inszenierung

15. Jänner 2007, 08:48
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Das Pressefoyer nach dem Ministerrat diente der zukünftigen Ex-Regierung vor allem zur Selbstdarstellung

Gegen Ende wäre der Lichtausfall am rechten Kronleuchter dramaturgisch natürlich noch besser gekommen. Schließlich galt es, den 150. - und damit letzten - Ministerrat von Schwarz-Blau/Orange II in Szene zu setzen. Eine Disziplin, die Wolfgang Schüssel in den vergangenen sieben Jahren mit Verve betrieben hat.

Und "zurückhaltend" wäre ein Euphemismus, wollte man seine Außenkommunikation beim wöchentlichen Pressefoyer im Anschluss an den Ministerrat beschreiben. Unliebsame Journalistenfragen pflegte der Kanzler mit einem knappen "das war nicht Thema im Ministerrat" abzuwürgen. Wurde die Inszenierung der koalitionären Zweisamkeit allzu hartnäckig von Journalisten gestört, oblag es Kanzler-Sprecherin Heidi Glück, mit der Aufforderung "die letzte Frage bitte" Druck zu machen.

In seiner Abschiedsbilanz ließ der scheidende Bundeskanzler am Mittwoch all jene, die sich gewünscht hätten, "dass der Schüssel manchmal mehr red'" sein Motto für einen gelungenen Medienauftritt wissen: "Egal, was Sie mich fragen, ich werde das sagen, was ich mir vorgenommen habe."

Das tat stets auch Vizekanzler Hubert Gorbach. Und zwar ausführlich. Gorbach redete und redete. Und Wolfgang Schüssel? Der lächelte, gähnte oder zeichnete. Zum Abschluss blätterte Schüssel ostentativ in einer Broschüre, die die "absolut runde" Regierungsbilanz der letzten Jahre zusammenfassen soll.

Gorbach war bereits der Dritte aus den blau-orangen Reihen, der neben Wolfgang Schüssel auftreten durfte. Gemeinsam, versteht sich. Als bewusst gesetzter Kontrapunkt zum alten Habitus der großen Koalition, als erst Bundeskanzler Viktor Klima den Journalisten Rede und Antwort stand und danach Vizekanzler Wolfgang Schüssel - ein paar Türen weiter im Salon des Außenministeriums.

Schüssel allein am Pult

Nur zeitweilig blieb Schüssel auch in Zeiten der neuen Partnerschaft alleine im Kanzleramt: Als Herbert Haupt aus Ärger über die ÖVP hinter dem hohen, silbergrauen Sperrwall, der als Tisch fungiert, hervortrat - und fortan in eigenen Pressefoyers die Ergebnisse des Ministerrates herunternuschelte. Auch Haupts Vorgängerin, Susanne Riess-Passer, war neben Schüssel nicht immer zum Lachen zumute. Etwa als der Kanzler sie nach dem ersten Ministerrat von Schwarz-Blau im Jahr 2000 vor versammelter Presse warten ließ. Und zwar stehend. Die Glaspulte hatte man damals von Viktor Klima übernommen, die rote Kordel, die sich vor zu viel medialer Nähe schützen sollte, wurde dafür entsorgt.

Hubert Gorbach hat die gemeinsamen Auftritte hinter dem - gekürzten - Sperrwall hingegen meist genossen. Also zitierte er am Mittwoch Arthur Schnitzler: "Der Abschied schmerzt immer, auch wenn man sich schon lange auf etwas Neues freut." Sonst fasste er sich ungewohnt kurz und dankte dem "fordernden Kapitän" Schüssel für die "erfolgreichen Jahre".

Der gab sich "entspannt", dankte dem "Hubert" für die erfolgreiche Zusammenarbeit - und reichte ihm kameragerecht die Hand: Ende der Vorstellung, danke fürs Kommen! (DER STANDARD, Printausgabe, 11.1.2007)

  • Der
scheidende
Bundeskanzler
Wolfgang
Schüssel (li.)
und sein Vize
Hubert
Gorbach (re.)
machen beim
letzten
Pressefoyer
das, was sie
sonst auch tun:
Während der
eine redet und
redet, sucht
sich der
andere einen
Zeitvertreib.
    foto: robert newald

    Der scheidende Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (li.) und sein Vize Hubert Gorbach (re.) machen beim letzten Pressefoyer das, was sie sonst auch tun: Während der eine redet und redet, sucht sich der andere einen Zeitvertreib.

  • Drängelei hinter den von Viktor Klima übernommenen Glastischen:
Haupt, Scheibner, Schüssel und Molterer.
    foto: standard/cremer

    Drängelei hinter den von Viktor Klima übernommenen Glastischen: Haupt, Scheibner, Schüssel und Molterer.

  • Glastische müssen nicht mit Informationstransparenz einhergehen:
Susanne Riess-Passer und Wolfgang Schüssel.
    foto: standard/cremer

    Glastische müssen nicht mit Informationstransparenz einhergehen: Susanne Riess-Passer und Wolfgang Schüssel.

  • Der silbergraue Journalisten-Sperrwall, Modell Nummer eins:
Später wurden die Füße gekürzt.
    foto: standard/cremer

    Der silbergraue Journalisten-Sperrwall, Modell Nummer eins: Später wurden die Füße gekürzt.

  • Als im Jänner 2005 in Asien der Tsunami wütete, nahm auch
Außenministerin Ursula Plassnik Platz.
    foto: standard/cremer

    Als im Jänner 2005 in Asien der Tsunami wütete, nahm auch Außenministerin Ursula Plassnik Platz.

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