Eltern - die Trottel der Nation?

13. Juli 2000, 18:14

Treffsicher: Wie der Wohlfahrtsstaat die Familien "beraubt"

Die Familie ist unser wertvollstes Geschäft: die Grundlage des sozialen Zusammenhalts und ökonomischen Wachstums." Von wem stammt dieser Ausspruch? Von einem wirtschaftsfreundlichen konservativen Politiker? Nein, von Helen Wilkinson, laut US-Magazin Fast Company "die führende Feministin Großbritanniens". Im Auftrag des Londoner Think Tanks Demos untersuchte sie mithilfe zahlreicher Wissenschafter Stand und Zukunft der Familie*).

Diese Lektüre wäre allen Sozialpolitikern Österreichs dringend zu empfehlen, denn hierzulande wird auf katastrophale Weise Sozialpolitik mit Familienthemen vermengt. So entsteht eine extrem schiefe Optik, wie etwa bei der laufenden Karenzgelddebatte, wo plötzlich "soziale Treffsicherheit" und die Frage, ob "Reiche" Kindergeld kriegen sollten oder nicht, im Zentrum stehen.**)

In Wirklichkeit geht es um ganz etwas anderes - um Ökonomie und Gerechtigkeit. Die Diskussion sollte nicht aus kulturellem Blickwinkel, sondern streng wirtschaftlich geführt werden:

1. Familien produzieren Sozialkapital - also humane Werte, die Fähigkeit zum Zusammenleben, Können und Wissen . . . Daraus entsteht ökonomischer Wert. Shirley Burggraf, Ökonomie-Professorin an der Florida Universität, schätzt, dass der Beitrag der Familien zum nationalen Wohlstand fast 50 Prozent (!) ausmacht: "Die Familie ist buchstäblich unser größter Wohlstandsproduzent; und Stress, der auf Familien lastet, ist vermutlich die größte Bedrohung unseres modernen Lebensstandards."

2. Familien sind Mikroökonomien: Sie produzieren mit den Kindern die künftigen Leistungsträger und Konsumenten. Außerdem sind sie das Zentrum der Pflegeleistungen, ohne die die "bezahlende Wirtschaft" gar nicht funktionieren kann.

3. Die Familie hat enorme Kosten, die bis vor kurzem primär von unbezahlten Frauen getragen wurden und die nirgendwo in der volkswirtschaftlichen Bilanz aufscheinen. Zu den direkten Ausgaben für die Kinder (laut einer Schweizer Berechnung kostet das erste Kind bis zum Alter von 20 Jahren 2,3 Millionen Schilling, jedes weitere 1,2 bis 2,2 Mio.) kommen die weitaus höheren Opportunitätskosten (= Verlust möglicher Erträge, etwa durch aufgegebene Berufstätigkeit der Mutter), die die Zeitschrift U. S. News & World Report mit 16 Mio. S in 22 Jahren beziffert. Aus der vorhin erwähnten Schweizer Erhebung geht hervor, dass staatliche Transfers nur rund ein Sechstel der direkten Kinderkosten abdecken.

Gerechtigkeit . . .

4. Rein ökonomisch betrachtet, verbrauchen kinderlose Paare die erwähnten zwei Millionen Schilling für sich selber, sie konsumieren sie also, während die Eltern diese Summe investieren - in die künftige gesellschaftliche Substanz. Worin besteht die Dividende für die Eltern?

5. Damit ist klar, dass staatliche Transfers in Richtung Familien keine sozialen Alimentationen sind, sondern eine extrem mickrige Entlohnung, wie sie Gewerkschafter in der Privatwirtschaft niemals tolerieren würden.

Nun hat die vorherrschende Ideologie unserer Zeit - der materialistische Hedonismus - viele Singles zur Überzeugung gebracht, Kinder seien Privatvergnügen, der Staat sollte sie nicht fördern. Dieser Blickwinkel ist durchaus akzeptabel, aber nur, wenn er konsequent angewandt wird.

Früher konnten Eltern unmittelbar von ihrem Investment profitierten: Die Kinder halfen am Hof oder im Geschäft und versorgten ihre Erzeuger im Alter. Heute steht aber die Erwerbsleistung der Nachkommen nicht den Eltern, sondern via Enteignung durch Steuern und Sozialabgaben zu rund 60 Prozent der gesamten Gesellschaft zu Verfügung.

Wenn man Kinder zur Privatsache erklärt, dann müssen zumindest ihre Pensions- und Pflegegeldzahlungen (inkl. Arbeitgeberbeiträge!) zu 100 Prozent ihren Eltern zugute kommen (die damit den Vorteil hätten, um so mehr herauszukriegen, je mehr sie in ihre Kinder an Zeit, Liebe und Geld investiert hatten). Die Realität dagegen: "Menschen, die keine Kinder haben, die ihre Kinder missbrauchen oder vernachlässigen, Eltern, die sich aus dem Staub machen - sie alle haben die gleichen Ansprüche an das Pensionssystem wie die pflichtbewusstesten Eltern." (Burggraf)

Was die Eltern also fordern (sollten), ist Gerechtigkeit, nicht soziale Alimentation. Wenn arme Familien Unterstützung brauchen, fällt das in den Sozialbereich - was aber nichts mit der grundlegenden Wertschöpfung von Familien zu tun hat. Für die kann nur gelten: Entweder wird sie ausreichend honoriert oder ganz reprivatisiert. In den Worten der Ökonomin Burggraf: "Es lässt sich klar nachvollziehen, dass die verstaatlichten Pensionssysteme die Familien in großem Stil berauben."

So, wie es jetzt ist - ein bisserl soziale "Beihilfe", für die man dankbar sein muss, während die mühsam und teuer aufgezogenen Kinder Heerscharen künftiger Pensions-Singles zu versorgen haben -, wird es nicht weitergehen.

. . . statt Alimentation

"Karenzgeld für alle" berücksichtigt zwar den Gerechtigkeitsfaktor, ist aber noch der alten Sozialversicherungsideologie verhaftet. Wenn man es nun auf die lange Bank schiebt (= nie eingeführt?), sollte die Zeit zum Nachdenken genutzt werden.

Langfristig  muss ein System entstehen, das a) über die Steuerschiene abgewickelt wird und b) den  gesamten Bedürfniszyklus eines Kindes berücksichtigt, das heißt, Eltern maximale Flexibilität erlaubt, wann und wie lange sie zu Hause bleiben. Hier gibt es viele Ideen und neue Ansätze (Stichwort "Zeitkredite"), die aber nur als Gesamtpaket Sinn machen. Reine Karenzgeldsysteme wirken im Vergleich dazu wie Gebärprämien.

Statt nur von Familienwerten zu reden, wäre es also höchste Zeit, Famlienarbeit (ökonomisch) ernst zu nehmen - sonst macht man Eltern zu Trotteln der Nation.

Walter Braun, freier Wirtschaftsjournalist und Trendanalytiker, lebt in Südengland.
*) Helen Wilkinson: Family Business, Demos Collection, 15/2000
**) Vgl. die Kontroverse zwischen Christa Schlager (AK) und Andreas Dobersberger (Katholischer Familienverband), Standard 16. 6./4. 7.

"Karenzgeld neu" hin oder her, früher oder später - das ist nicht der Punkt, meint Walter Braun. Entscheidend sei, die Debatte neu zu fokussieren: weg von der Sozialpolitik, hin zur Ökonomie.
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