Made in Vienna

9. Jänner 2007, 19:22
posten

Eine neuer Sammelband spürt den intellektuellen Wurzeln des Philosophen Paul Feyerabend nach

Eine neuer Sammelband spürt den intellektuellen Wurzeln des Philosophen Paul Feyerabend nach und präsentiert den angeblichen "Worst Enemy of Science" als Denker, der zeitlebens in der Tradition des "Wiener Kreises" stand.

*****

Im Mai 1993, nur wenige Monate vor seinem Tod, leuchtete der Stern des Paul Karl Feyerabend besonders grell: Der Scientific American widmete ihm ein zweiseitiges Porträt, das den Titel "The Worst Enemy of Science" trug.

Bebildert war der Text mit einem Foto, das einen abfällig dreinschauenden Mann zeigt, der mit seiner rechten Hand gerade zu einer nicht weniger abfälligen "Lasst uns den Unsinn vom Tisch wischen"-Geste ansetzt.

Das Bild war zugleich die Botschaft. Denn das Text-Porträt präsentierte Feyerabend als Punk-Philosophen, der die Wissenschaft zu einer Erkenntnisgewinnungsform unter unzähligen anderen reduzierte und zudem meinte, dass man auch ganz gut ohne Wissenschaft leben kann.

Zusammen mit seinen Kollegen Karl Popper, Imre Lakatos und Thomas Kuhn sei er verantwortlich für das schlechte Standing der Wissenschaft in der Öffentlichkeit. Wobei zweifellos Feyerabend von den vieren "der schlimmste Feind" der Wissenschaft wäre.

Anarchistisches Image

Was der Autor des Porträts, der renommierte Wissenschaftspublizist John Horgan, zwar relativierte und zurücknahm, irgendwie aber doch nicht ganz negieren wollte: Feyerabends Image als Methodenanarchist, Relativist und Vertreter eines "Anything goes"-Denkens nämlich. Denn dieses Bild war längst zu festgefahren und war sogar zur Marke des 1924 in Wien geborenen Philosophen geworden.

Erst in jüngster Vergangenheit, Jahre nach Feyerabends Tod im Februar 1994, begann man sukzessive am Image des Super-Postmodernisten zu kratzen und zu untersuchen, wer sich tatsächlich hinter diesem verbirgt. Etwa im Rahmen von Symposien, wie jenem, das das "Institut Wiener Kreis" zusammen mit dem "Institut für Zeitgeschichte" der Universität Wien im Sommer 2004 veranstaltete.

Eine "kritische Neubewertung" wurde damals angestrebt, wie man in dem eben erschienen Dokumentationsband nachlesen kann, der - herausgegeben von Friedrich Stadler und Kurt R. Fischer - den knappen Titel "Paul Feyerabend. Ein Philosoph aus Wien" trägt. Damit wird schon am Cover deutlich gemacht, dass es letztlich nicht nur um eine Neubewertung, sondern auch um eine Art intellektuelle "Verortung" des Philosophen in Wien und überhaupt in der wissenschaftlich-kulturellen Landschaft des Nachkriegs-Österreichs geht.

Alpbacher Prägung

Das ist überraschenderweise viel leichter, als man vermuten würde. Denn offensichtlich waren es vor allem zwei "Institutionen", die Feyerabend (mit)prägten: Einerseits das Forum Alpbach, das schon 1945 ins Leben gerufen worden war, und andererseits der mittlerweile etwas in Vergessenheit geratene "Dritte Wiener Kreis", wie ihn Friedrich Stadler in seinem Beitrag nennt, der sich ab Ende der Vierzigerjahre um den Philosophen Viktor Kraft formierte. Speziell diese letzte Neuauflage des Schlick-Zirkels beeinflusste Paul Feyerabend nachhaltig, beschäftigte sich dieser primär studentisch besetzte Kreis doch u. a. mit dem Verhältnis von Psychologie und Philosophie oder mit dem Themenkomplex Realismus/Materialismus; also mit Bereichen, die später auch in den Arbeiten Feyerabends auf vielfältige Weise eine Rolle spielten. Und die sich auch bereits in seiner - nach wie vor unveröffentlichten - Dissertation von 1951 finden, die Viktor Kraft als "außergewöhnlich" bezeichnet hatte.

In der Tat steckt in dieser - eben auch von Fragen der Psychologie motivierten - Arbeit, die sich unter anderem mit der Bedeutung von Wahrnehmungsaussagen beschäftigt, viel vom späteren Feyerabend. Speziell die Theoriengebundenheit aller Aussagen blieb ein Dauerthema Feyerabends und hat das Tor zu Themen wie dem "Theorienpluralismus" geöffnet, für den der Philosoph unter anderem berühmt wurde.

Dass Feyerabend von seinen Lesern dennoch häufig von Wien und dem "Wiener Kreis" weg und zur Postmoderne hin platziert wurde, hat auch was mit seiner scheinbaren "Sprunghaftigkeit" zu tun: Von Artikel zu Artikel, so eine oft geäußerte Kritik, würde sich seine Position und Haltung ändern.

Doch genau das ist ein gravierender Irrtum, wie Paul Hoyningen-Huene und Eric Oberheim in ihrem Buchbeitrag aufzeigen. Feyerabends "Positionsänderungen" sind ihrer Ansicht nach nämlich keine solchen: Vielmehr handelt es sich bei ihnen um Effekte seiner Überzeugung, dass ältere und neuere Theorien in der Regel zueinander "inkommensurabel" sind, also nicht ineinander aufgehen können, weil selbst die gemeinsamen, in beiden Theorien vorkommenden Begriffe in der Regel etwas anderes bedeuten.

Bewegte Begriffe

In einer Welt der inkommensurablen Theorien macht es keinen Sinn, etablierte Begriffe für unwandelbar zu halten und an ihnen festzuhalten, im Gegenteil: Wichtig ist es gerade, Begriffe in Bewegung zu bringen oder neue zu erfinden. Aus diesem Grund hat Feyerabends Philosophieren zu einem guten Teil darin bestanden, in andere, bestehende Positionen hineinzuarbeiten statt eigene neue zu erfinden. Und zwar um in diesen verhärtete wissenschaftliche Begriffe aufzuweichen.

Weil er zudem auch gerne die Strategie der "immanenten Kritik" nutze, also Theorien von Innen her attackierte, indem er Auslassungspunkte oder unreflektierte Voraussetzungen aufzeigte, die noch dazu mit den Kernthesen der Theorie in Widerspruch standen, wurde Feyerabend immer wieder missdeutet: Die von ihm derart behandelten und dementsprechend intensiv bearbeiteten Positionen wurden für seine eigenen gehalten - was wiederum den Anschein erweckte, dass er einmal das eine und im nächsten Text gleich wieder das Gegenteil behaupten würde.

Spätestens an diesem Punkt beginnt tatsächlich ein neues Feyerabend-Bild zu entstehen; nämlich das eines Philosophen, der weniger ein polternder Postmoderner als vielmehr ein potenzieller Klassiker der Philosophie ist. Und der, wie viele andere Klassiker des 20. Jahrhunderts, auf einem Wiener Fundament gestanden ist. (Christian Eigner/DER STANDARD, Printausgabe, 10. Jänner 2007)

  • Ist das Bild von Paul Feyerabend als philosophischem Anarchisten falsch? Rückblicke auf seine prägenden Jahre in Wien bergen jedenfalls einige überraschende Einsichten.
    foto: der standard/grazia borrini-feyerabend

    Ist das Bild von Paul Feyerabend als philosophischem Anarchisten falsch? Rückblicke auf seine prägenden Jahre in Wien bergen jedenfalls einige überraschende Einsichten.

  • Friedrich Stadler, Kurt R. Fischer (Hg.): Paul Feyerabend.
Ein Philosoph aus Wien
Springer Verlag, Wien/New York 2006
160 Seiten, Euro 32,95
    springer verlag

    Friedrich Stadler, Kurt R. Fischer (Hg.): Paul Feyerabend.
    Ein Philosoph aus Wien

    Springer Verlag, Wien/New York 2006
    160 Seiten, Euro 32,95

Share if you care.