Von der Lebensdauer guter Systeme

9. Jänner 2007, 18:51
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Der Grazer TU-Professor Klaus Rießberger im STANDARD-Interview über über österreichische Ideen auf der Schiene

Der Grazer TU-Professor Klaus Rießberger lobt die Innovationsleistungen heimischer Unternehmen im Bereich Bahn. Sabina Auckenthaler sprach mit ihm über österreichische Ideen auf der Schiene und führerlose Züge.

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STANDARD: Die Bahn in Österreich hat keinen besonders guten Ruf. Ist das gerechtfertigt?

Rießberger: Es ist deprimierend zu sehen, wie die Bahn in Österreich heruntergemacht wird, auch von den Medien. Im Ausland ist unsere Bahn angesehen. Man beneidet uns um unser gut funktionierendes System. Und auch unser technisches Know-how in vielen Bereichen ist bekannt.

STANDARD: Welche Bereiche sind das?

Rießberger: In Österreich gibt es eine ganze Reihe von Firmen, die auf ihrem Gebiet führend im Weltmarkt sind. Plasser und Theurer in Linz ist der weltweit größte Produzent von Gleiserhaltungs- und Gleisbaumaschinen. Die VAE in Zeltweg führt den Weltmarkt in der Herstellung von Weichen an. Die VA Schiene in Donawitz ist größter europäischer Schienenproduzent und am Weltmarkt tätig. Siemens in Wien produziert Metrowagen für Budapest, Bangkok oder Amerika.Siemens Transport Systems in Graz führt bei den Drehgestellen.

STANDARD: Wenn man die technischen Möglichkeiten mit der Realität im Bahnwesen vergleicht - hinken wir da nach?

Rießberger: Natürlich, aber das ist bei jeder Innovation so. Allerdings muss man auch bedenken, dass Innovationen im Eisenbahnsystem sich viel langsamer durchsetzen, als etwa in der Automobilindustrie. Autos werden heute für eine Lebensdauer von fünf Jahren entwickelt, der Zyklus bei den Eisenbahnen dauert etwa 35 Jahre. Der deutsche ICE 1 fährt seit 1991 und wird sicher noch bis 2025 fahren, der Transalpin 4010 ist inzwischen über 35 Jahre alt. Trotzdem gehört er zu den besten Zügen.

STANDARD: Es wird immer wieder von der Erhöhung der Sicherheit gesprochen.

Rießberger: In erster Linie hängt die Sicherheit vom Signalsystem ab. Im Grunde sind vollautomatische U-Bahnen sicherer als eine Lok mit Führer. Fast alle schlimmen Zugunglücke, die zum Glück selten passieren, sind auf menschliches Versagen zurückzuführen.

STANDARD: Also wären fahrerlose Züge das Beste?

Rießberger: Teilweise haben wir das ja schon. Die Verschub-Lokomotiven in Wien-Kledering fahren ohne Führer. Abgesehen davon sitzen auch in den Wiener U-Bahnen die "Fahrer" hauptsächlich zur Beruhigung der Fahrgäste. Anscheinend haben wir ein Problem mit der vollautomatischen horizontalen Fortbewegung. In der Vertikalen nehmen wir das selbstverständlich hin. Niemand hat Bedenken, weil im Aufzug kein Fahrer mitfährt. (DER STANDARD, Printausgabe, 10. Jänner 2007)

Zur Person
Klaus Rießberger ist Leiter des Instituts für Eisenbahnwesen und Verkehrswirtschaft an der Technischen Universität Graz und ist international als Berater in Eisenbahnfragen tätig.
  • TU-Professor Klaus Rießberger

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