"Wir haben das immer als gegenseitigen Gewinn gesehen"

10. Jänner 2007, 13:01
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Indonesien und Oberösterreich: Im derStandard.at- Interview schildern zwei Menschen, wie in einer binationalen Beziehung eine gute Balance zu finden ist

Melina Hie-Wiederstein kommt aus Indonesien und ist chinesischer Abstammung, Markus Wiederstein ist in Oberösterreich aufgewachsen. Im derStandard.at-Interview mit Thomas Bergmayr erzählen die beiden, wie reibungslos bikulturelle Beziehungen funktionieren können, wie Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Alltag zusammen spielen und wie ihre Töchter Mia und Marlies von beiden Welten profitieren.

 

 

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derStandard.at: Wann war Eure unterschiedliche Herkunft erstmals Thema in Bezug auf die Kinder?

Markus Wiederstein: Ich glaube, dass das schon vor der Geburt der Kinder unbewusst ein Thema war. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass wir scherzhaft darüber nachgedacht haben, der Mia 40 Tage nach ihrer Geburt - einem chinesischen Brauch entsprechend - die Haare komplett abzurasieren. Jedenfalls gab es bei mir von Beginn an eine große Neugier darauf, was so üblich ist in dem Kulturkreis, aus dem Melina stammt.

derStandard.at: Hat der Begriff Identität in diesem Zusammenhang jemals eine Rolle gespielt?

Melina: Ja, das war zum Beispiel im Bezug auf unsere und der Kinder Namen ein ganz wichtiges Thema als wir geheiratet haben. Unsere Hochzeit fand statt, als Mia sechs und Marlies drei Jahre alt waren. Bis zu dem Zeitpunkt hatten die Kinder meinen chinesischen Nachnamen und das war mir auch sehr wichtig. Mit dem Namen Hie erhielten die beiden ein Stück meiner Abstammung und Identität. Für die Zeit nach der Heirat haben wir dann beschlossen, dass die Kinder den Namen von Markus bekommen.

derStandard.at: Habt Ihr das gemeinsam mit den Kindern entschieden?

Melina: Nein, das war eine Entscheidung zwischen mir und Markus.

derStandard.at: Wie war das für Dich, Mia, dass du zuerst Hie geheißen hast und dann Wiederstein?

Mia: Zuerst wollte ich das eigentlich nicht so, weil ich schon an Hie gewöhnt war. Irgendwie hat mir das zwar schon gefallen, aber auch irgendwie nicht. Jetzt ist das eigentlich normal, dass ich Wiederstein heiße.

derStandard.at: Und wie siehst Du persönlich deine Identität?

Melina: Ich fühle mich grundsätzlich als Österreicherin, aber es gibt auch Momente, wo ich mich überhaupt nicht so fühle. Zum Beispiel geht es mir so, wenn ich auf eine Berghütte komme, wo Gstanzeln gesungen werden und dergleichen. Überhaupt wenn ich praktiziertes österreichisches Brauchtum mitbekomme, dann ist das für mich oft befremdend, da fühle ich mich dann nicht zugehörig.

Markus: Wobei man natürlich sagen muss, dass es da auch innerhalb Österreichs oft darauf ankommt, wo man aufgewachsen ist, um einen bestimmten Brauch zu verstehen bzw. mitzutragen.

derStandard.at: Bestehen Befürchtungen, dass der österreichische Einfluss auf Mia und Marlies zu groß wird oder das Asiatische überlagert?

Melina: Nein, überhaupt nicht. Wir haben uns ja ausgesucht hier zu leben, und das tun wir mit allen Konsequenzen. Aber ich finde es trotzdem wichtig, auch immer die Tür offen zu haben in Richtung Asien.

derStandard.at: Hat Euer unterschiedlicher Hintergrund im Alltag insbesondere im Umgang mit den Kindern eine besondere Bedeutung? Wird das thematisiert?

Markus: Nein, eigentlich auch nicht. Solche Dinge waren irgendwie immer selbstverständlich, direkt angesprochen werden sie jedenfalls kaum. Sichtbar wird das etwa beim Essen, bei der Musik, die wir hören oder bei der Einrichtung unserer Wohnung.

Melina: Vieles im Alltag wird einem gar nicht bewusst. Man lebt und praktiziert die Dinge einfach, ohne viel darüber nachzudenken. Zum Beispiel ist es in Asien vielfach üblich nach einer Geburt warme Hühnersuppe zu essen, die einen wieder zu Kräften bringt. Das ist für mich völlig normal und das wird auch gar nicht hinterfragt oder gar diskutiert. Wir feiern auch das chinesische Neujahr. Das war bei meiner Familie immer eine Nacht und ein Tag, wo man der Ahnen gedenkt.

Markus: Wo man den Einfluss auch spürt, das ist die Sprache. Wir redeten zwar von Beginn an mit unseren Kindern Hochdeutsch, haben aber auch ganz bewusst mit ihnen Mundartsprüche geübt. Zum anderen mischten sich ziemlich bald schon einige indonesische Worte in unseren Familienjargon. Zum Beispiel sagen wir automatisch "aduh!", wenn uns etwas zu Boden fällt.

Mia: Das fällt mir gar nicht mehr auf. Einmal, im Kindergarten, habe ich vom Schlafen noch was in den Augenwinkeln gehabt. Das hat mir eine Betreuerin gesagt und dann habe ich gemeint: Ah, da hab ich ja noch "cileh". Ich habe mich dann gewundert, warum sie das nicht kennt.

derStandard.at: Wie sehen Mia und Marlies es, dass Ihr beiden verschiedener Herkunft seid?

Melina: Diese Mischung ist den Kindern durchaus bewusst und ich glaube, dass sie auch ein wenig stolz sind darauf. Als sie noch kleiner waren, haben sie zum Beispiel festgestellt: Die Augenfarbe habe ich eher von der Mama und die Nase habe ich auch eher von der Mama und den Mund habe ich eher vom Papa.

Ich glaube auch, dass unsere Kinder in diesem Zusammenhang ein wenig sensibler sind. Also, dass deren Gemischt-sein einen Einfluss darauf hat, wie sie mit dem Andersartigen generell umgehen. Mit Menschen zum Beispiel, die offensichtlich aus einem anderen Land kommen, etwa wenn sie eine dunklere Hautfarbe aufweisen, dann haben sie keine Berührungsängste.

Markus: Wir haben das immer als Bereicherung gesehen und als gegenseitigen Gewinn, und so wollten wir das auch den Kindern vermitteln. Was mich aber eher fasziniert, sind weniger die Unterschiede, als vielmehr die Gemeinsamkeiten zwischen den Ländern. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man sehr viele Ähnlichkeiten und das finde ich besonders spannend.

derStandard.at: Gibt es auch Konflikte, die im Zusammenhang mit Eurer unterschiedlicher Herkunft stehen?

Melina: Natürlich gibt es auch Konflikte, aber die haben mit unserer Abstammung nichts zu tun, die würden in anderen Familien genauso auftreten. Ich denke, das liegt vielleicht auch daran, dass wir in unseren Ansichten keine strikten Dogmen haben.

Markus: Nein, ich glaube auch, dass wir eine gute Balance gefunden haben, die wir auch nicht irgendwie krampfhaft suchen müssen.

(derStandard.at, 10. Jänner 2007)

Zur Person
Melina Hie-Wiederstein (32) ist Physiotherapeutin in freier Praxis und Mitbegründerin und Referentin von BirthDay (www.birthday-salzburg.com).

Dr. Markus Wiederstein (35) forscht und lehrt im Fachbereich für Molekulare Biologie an der Universität Salzburg in der Abteilung Bioinformatik.

Ihre beiden Kinder Mia (10) und Marlies (6) besuchen die vierte bzw. erste Klasse Volkschule.

  • Markus Wiederstein, Mia, Melina Hie-Wiederstein und Marlies.
    foto: derstandard.at/bergmayr

    Markus Wiederstein, Mia, Melina Hie-Wiederstein und Marlies.

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