Wolfgang Schüssel: Vorletzte Worte: "Job done"

12. Jänner 2007, 13:51
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Die Schüssel-Jahre: 12 Jahre an der Parteispitze, sieben Jahre davon als Kanzler

„Nicht weinen, dass es gewesen ist, sondern lächeln, dass es war.“ Wolfgang Schüssel wählte am Dienstag im beengten Presseraum der ÖVP-Parteizentrale einen Spruch seiner esoterisch versierten Frau Krista, um seine Gefühle beim Abschied von der Parteispitze zu beschreiben. Einen Hauch von New Age versprühte er auch vor zwölf Jahren, als er in der Wiener Hofburg das Amt des ÖVP-Parteichefs antrat. Damals überraschte er seine Funktionäre mit einem Appell an das „Sonnengeflecht“, jenes Nervenknäuel, das Yogis als „Nabelchakra“ kennen – Sitz des harmonischen Lebensgefühls.

Trotz solcher verbaler Gefühlsausbrüche ging die zwölfjährige Parteiobmannschaft und siebenjährige Kanzlerschaft Schüssels nicht als Phase der ungebremsten Sympathie in die Zeitgeschichte ein.

Visionen waren Schüssel fremd. Am Wahltag gefragt, was denn nun sein wichtigstes Regierungsprojekt für die nächsten vier Jahre sei, antwortete er technokratisch-pragmatisch: Das Budget 2007. Auch in der neuen großen Koalition will sich die ÖVP als „Watchdog“ der Steuerzahler verstehen.

Vielleicht war dieser emotionslose Professionalismus, dieses Ablehnen aller „jesu-anisch-messianisch-chiliastischen Heilserwartungen“, wie Schüssel es einmal formulierte, im Rückblick der charakteristischste Wesenszug der Schüssel-Jahre – und auch genau ihr Problem. Vorerst ausklingen wird die innenpolitische Karriere Schüssels jedenfalls dort, wo sie begonnen hat: Im ÖVP-Parlamentsklub. 1968 hatte der Jurist mit jungkatholischer Sozialisierung dort als Parlamentssekretär angeheuert – in der besten Schule zur Erlernung des politischen Handwerks. Klubobmann war er zuvor aber noch nie: Vor 21 Jahren hatte er sich gegen Fritz König vergeblich beworben.

Ambivalente Jahre

Schüssel geht nicht im Triumph: Zwar ist es ihm gelungen, als längstdienender schwarzer Parteiobmann in die Annalen einzugehen, von den vier Nationalratswahlen, die er geschlagen hat, war aber nur eine ein wirklicher Erfolg: jene des Jahres 2002. Dank des Knittelfeld-Putsches wechselten enttäuschte FPÖler in Scharen zur ÖVP und brachten sie auf Platz eins. Wenn Schüssel uneingeschränkt mächtig war, dann in den Monaten danach: Die ansonst notorisch misstrauische Partei folgte ihm bedingungslos und tolerierte sogar die Wiederauflage von Schwarz-Blau.

Zur größten Ambivalenz der Schüssel-Jahre (für eine Ära reichte es nicht) zählt wohl, dass er für seine Partei das Kanzleramt zurückeroberte, obwohl er 1999 auf den historisch dritten Platz zurückfiel. 1995 provozierte er vorgezogene Neuwahlen, die er verlor. 2006 gelang es ihm trotz Bawag-Debakels und angeschlagener SPÖ ebenfalls nicht, den Kanzlerbonus umzusetzen. So begründete er seinen Abgang am Dienstag auch mit dem letzten Wahlverlust: „Wer minus acht Prozent verliert am 1. Oktober, hat dafür die Verantwortung zu übernehmen.“

Wahlen verlieren, Verhandlungen gewinnen – in dieser Disziplin war Schüssel Meister. Schon 1995 holte er das Optimum für die ÖVP heraus, das Gleiche gelang ihm auch jetzt. "Job done", quittierte er seine Bilanz am Dienstag nüchtern-zufrieden.

Innerparteilich hatte sein Nimbus dennoch zuletzt gelitten: Seinen Herzenswunsch, Karl-Heinz Grasser als Vizekanzler (und damit Kronprinz) einzusetzen, erfüllte ihm die ÖVP nicht mehr. (Barbara Toth, DER STANDARD, Printausgabe, 10.1.2007)

  • Aufgeklärter Revoluzzer:  Schüssel mit langem Haar und Lederjacke.
    foto: profil

    Aufgeklärter Revoluzzer: Schüssel mit langem Haar und Lederjacke.

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    Mascherlträger: Als Vize und Außenminister in der großen Koalition 1997.

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    Nach Knittelfeld, kurz vor Ende von Schwarz-Blau I, 2002

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    Vor dem Ende: Schüssel während des "Wohlfühl"-Wahlkampfes 2006.

  • Letzte Tat als ÖVP-Chef: Unbeirrt und lange Zeit stur führte Wolfgang Schüssel  das Koalitionsteam der ÖVP an und machte den Sozialdemokraten das Leben nicht leicht.

    Letzte Tat als ÖVP-Chef: Unbeirrt und lange Zeit stur führte Wolfgang Schüssel das Koalitionsteam der ÖVP an und machte den Sozialdemokraten das Leben nicht leicht.

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