Der Missionar des Atheismus

8. Jänner 2007, 18:43
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Vor 30 Jahren erschien "Das egoistische Gen" von Richard Dawkins - mit seinem neuen Bestseller "The God Delusion" hat der streitbare Evolutionsbiologe noch mehr vor

Wien - "Du musst Richards Das egoistische Gen unbedingt lesen." Diese knappe, aber eindringliche Buchempfehlung erreichte Konrad Lorenz, den österreichischen Begründer der Verhaltensforschung, vor ziemlich genau 30 Jahren. Verfasst hat sie Niko Tinbergen, Lorenz' engster Freund, der 1973 gemeinsam mit diesem und Karl Frisch den Medizinnobelpreis erhalten hatte.

Das Buch sei außerordentlich gut geschrieben und als ganzes brillant, meinte Tinbergen weiter. Sein Buchtipp enthielt aber auch eine indirekte Warnung: "Ich habe Dawkins gesagt, dass er dir gegenüber zu hart war und dass du viel mehr über Darwinismus weißt, als er denkt." Dieser Hinweis war nur allzu berechtigt, denn der damals 35-Jährige hatte sich vorgenommen, die bisherige Verhaltensforschung und damit auch einen Teil des Lebenswerks von Lorenz über den Haufen zu werfen.

Der smarte Brite nahm sich dabei klein Blatt vor den Mund: Verhaltensforscher wie Lorenz "irrten sich, weil sie nicht richtig verstanden haben, wie die Evolution funktioniert", schrieb Dawkins einleitend. Lorenz und Co waren davon ausgegangen, dass sich Verhaltensweisen evolutionär durchsetzen, wenn sie der Arterhaltung dienen. Damit konnte man einiges erklären, aber nicht alles. Zum Beispiel, warum ein Löwenmännchen, das ein Rudel neu übernimmt, zuerst einmal alle Jungtiere tötet, die von seinem Vorgänger stammen.

Individueller Vorteil

Dawkins konnte darauf eine Antwort geben: Das Wesentliche bei der Evolution sei nicht der Vorteil für die Art, sondern für das Individuum. Doch das war nur die eine Seite seiner Argumentation. Gemeinsam mit anderen Soziobiologen wie Edward O. Wilson oder Maynard Smith erklärte er auch, wie wichtig Kooperationen und Altruismus bei der Durchsetzung der eigenen Gene sind.

Das glänzend geschriebene Werk, das als eines der besten wissenschaftlichen Sachbücher überhaupt gilt, verfehlte seine Wirkung nicht. Es trug wesentlich dazu bei, dass sich sowohl bei den Fachkollegen wie auch bei der interessierten Öffentlichkeit die Vorstellungen über Evolution nachhaltig veränderten. Bis heute wurde es in 27 Sprachen übersetzt (eine deutsche Jubiläumsausgabe erschien kürzlich bei Spektrum) und hält bei einer Gesamtauflage von weit mehr als einer Million Exemplaren.

Dreißig Jahre und acht Bücher später ist der streitbare Neodarwinist einer der einflussreichsten Intellektuellen weltweit. Seit 1995 hat er den eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für Public Understanding of Science an der Universität Oxford inne. Dawkins ist seitdem von den Lehrverpflichtungen befreit und widmet sich ganz seiner Mission: eine radikaldarwinistische Version der Evolutionstheorie zu predigen.

Chef der Atheisten

"The God Delusion", also "Der Gotteswahn" heißt sein neuestes Buch, das im Herbst auf Englisch erschien, seitdem auf allen Bestsellerlisten ganz oben zu finden ist und heftige Diskussionen ausgelöst hat. Dawkins hat sich damit endgültig zur Speerspitze der "Neuen Atheisten" gemacht, einer Bewegung von Wissenschaftern, die nicht nur die "Intelligent-Design-Bewegung", sondern gleich jede Form von Religion abschaffen möchte.

Wie ernst es Dawkins damit ist, zeigt sich auch daran, dass er zu diesem Zweck eigens eine Stiftung gegründet hat, die mit den Einnahmen aus seinen Büchern finanziert wird. Und er nützt auf seiner Homepage alle Mittel der Mitarbeit, die das Web 2.0 so bietet. Denn als Evolutionsbiologe weiß er, dass sich nicht nur Gene, sondern auch Ideen - die er im Übrigen Meme nennt - durch Kooperationen und Altruismus durchsetzen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 1. 2007)

  • Richard Dawkins reformierte die Evolutionsbiologie und nimmt nun den Kampf mit der Religion auf.
    foto: lalla ward

    Richard Dawkins reformierte die Evolutionsbiologie und nimmt nun den Kampf mit der Religion auf.

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