"Die Satire kommt in Bedrängnis"

18. Jänner 2007, 18:42
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Der Karikaturist Gerhard Haderer hat die Museen erobert: Im STANDARD-Interview sprach er darüber, wie er mit Jörg Haider fertig wurde

Im Gespräch mit Karin Krichmayr erklärt der Karikaturist auch, warum Hitler lächerlich gemacht werden sollte.




STANDARD: Seit 20 Jahren kommentieren Sie mit Ihren oft kontroversiellen Karikaturen Politik und Alltag, in letzter Zeit ist Haderer immer öfter in in- und ausländischen Museen zu sehen. Gehören Sie jetzt zum Establishment?

Haderer: Es scheint so, aber was soll ich sagen: Für mich brennt nach wie vor jedes einzelne weiße Blatt. Das Abenteuer ist immer noch so stark, dass es mich motiviert.

STANDARD: Welche Bedeutung hatte es, dass Ihr Schaffen erst kürzlich zum ersten Mal in Ihrer Heimatstadt Linz gewürdigt wurde?

Haderer: Ich hab vor keiner Ausstellung bisher so viel Angst gehabt wie vor dieser im Nordico. Weil diese unglaublich liebenswürdige Vereinnahmungsumarmung etwas Bedrohliches ist. Wenn man 600 Menschen trifft, die mit einem gemeinsam in einer Volksschulklasse gesessen sind, und ausgerechnet dann als "everybody’s darling" gesehen wird, obwohl man nach wie vor seine Haltungen immer wieder klar und eindeutig festgestellt hat. Und die haben nichts zu tun mit "alles ist lieb und gut und nett".

STANDARD: 2009 ist Linz Kulturhauptstadt ...

Haderer: Das halte ich für eine echte Chance für viele, die sich am Rande dieser Großkultur aufhalten. Persönlich staune ich darüber, was bis jetzt schon an Ideen aufgetaucht ist – besonders die Skurrilität, dass ein Hubert von Goisern sich als Linz-Botschafter zur Verfügung gestellt hat, halte ich für äußerst nachdenkenswürdig. Dass sich da der Haderer in irgendeiner Weise einbinden lässt, glaube ich eher nicht.

STANDARD: Vor zehn Jahren haben Sie nach mehrmaligen Zensurversuchen Ihre Arbeit für die "Oberösterreichischen Nachrichten" eingestellt. Damals haben Sie gesagt, dass es Sie nicht kümmert, ob Ihre Bilder gedruckt werden oder nicht. Ist das noch immer so?

Haderer: In aller demütigen Selbstbescheidenheit ist festzustellen, dass im Moment alles gedruckt wird. Damals hat es mich sehr wütend gemacht, dass alle Menschen so geil waren auf meine schönen bunten Bilder, und sobald sie einmal zu den Aussagen durchgedrungen sind, wurden sie abgelehnt. Wobei dieses infame, beinahe subversive Spiel mit der bunten Oberfläche schon eine abgedrehte Facette hat. Wenn ich jede Woche im Stern eine Seite habe, dann ist sie der Ästhetik der Zeitschrift absolut angeglichen. Ich befriedige die Sehgewohnheiten, aber man könnte über eine Aussage stolpern, die dem _völlig widerspricht. Und das ist ein tolles Spiel, das Satiriker aller Zeiten gespielt haben.

STANDARD: Sie sind mit Ihrem Buch "Das Leben des Jesus" von der Kirche scharf kritisiert worden und wurden in Griechenland erst im Berufungsverfahren vom Vorwurf der Religionsbeleidigung freigesprochen. Kommt die Satire in Bedrängnis?

Haderer: Das kann man durchaus sagen. Wenn ein dänischer Kollege wegen der Mohammed-Karikaturen 150 persönliche Todesdrohungen bekommen hat, dann hat sich das schon gewandelt. Was mich betrifft, bin ich nach wie vor überzeugt davon, dass der Protest gegen mein Buch weit über das Maß geschossen hat. Insgesamt ist dadurch eine äußerst positive Diskussion entstanden: über die Grenzen der Kunst und die Grenze zwischen Kirche und Staat in einem Land, das sich so aufgeklärt wie das unsere sieht.

STANDARD: Jetzt steht die Hitler-Komödie mit Helge Schneider im Kreuzfeuer der Kritik.

Haderer: Es ist derzeit schick, alles, was mit Satire zu tun hat, zu verteufeln. Ich bin überzeugt, dass Hitler ein großer Komödiant und Alleinunterhalter werden wollte. Die einzig adäquate Form, mit so einer Tragödie umzugehen, ist, sie bedingungslos lächerlich zu machen.

STANDARD: Vermissen Sie Jörg Haider, der zunehmend der politischen Bühne abhanden kommt?

Haderer: Da hab ich eine ziemlich saubere Lösung: Als im Jahr 2000 das Buch "Jörgi, der Drachentöter" präsentiert wurde, war Jörg Haider am Höhepunkt seiner Selbstverwirklichungsinszenierung, und da habe ich festgestellt: Ich werde Jörg Haider nicht mehr zeichnen. Es gibt einen Punkt, an dem jede Karikatur kontraproduktiv wird. Der Haider hat wahrscheinlich immer noch ein paar private Eckerln, wo er sich das eine oder andere Stück gern hinhängen möchte – darf er auch, aber von mir gibt’s halt nichts mehr. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.1.2007)

Zur Person
Gerhard Haderer wurde 1951 in Leonding bei Linz geboren. Seine satirischen Zeichnungen erscheinen seit 1985 regelmäßig in Zeitschriften wie "Stern", "profil", "Geo" und "Trend". Ab sofort sind ausgewählte Bilder als 1000-Teile-Puzzles erhältlich.
  • "Es ist schick, alles, was mit Satire zu tun hat, zu verteufeln", spricht sich Gerhard Haderer für bedingungs-loses Lächerlichmachen aus.
    foto: standard/andy urban

    "Es ist schick, alles, was mit Satire zu tun hat, zu verteufeln", spricht sich Gerhard Haderer für bedingungs-loses Lächerlichmachen aus.

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