"Paula Wessely und der Film"

8. Jänner 2007, 15:39
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Umfassende Retrospektive des filmischen Werks zum 100. Geburtstag vom Filmarchiv und Ausstellung im Theatermuseum

Wien - Burgtheaterikone, Filmstar und eine zweifelhafte Rolle im Nationalsozialismus: Das widersprüchliche Phänomen Paula Wessely wird in Wien einer ausführlichen Betrachtung unterzogen. Zum 100. Geburtstag, den die am 11. Mai 2000 gestorbene Schauspielerin am 20. Jänner 2007 gefeiert hätte, widmet ihr das Filmarchiv Austria ab 12. Jänner eine umfassende Retrospektive im Wiener Metro Kino und die Publikation "Im Wechselspiel. Paula Wessely und der Film". Das Theatermuseum zeigt ab 1. März die Ausstellung "Die Rollen der Paula Wessely - Spiegel ihrer selbst".

Wessely galt in erster Linie als Theaterschauspielerin, ihre Bühnenarbeit überspannte sechs Jahrzehnte. An ihrem Spiel lobten die Kritiker die "Schlichtheit" und "Natürlichkeit", Fähigkeiten, die sie auch auf die Leinwand zu übertragen vermochte. Im deutschsprachigen Tonfilm der 1930er-Jahre war sie eine der großen Entdeckungen, mit "Maskerade" (1934) wurde sie zum internationalen Star. Wessely überzeugte durch Reduktion, nuancierte Gestik und Mimik - der leise Ton, das "bedeutungsvolle" Schweigen wurden zu ihren filmischen Markenzeichen.

Weiblicher Superstar des österreichischen Zwischenkriegskinos" Ab der zweiten Hälfte der 30er-Jahre führte Paula Wessely mühelos die Beliebtheitsskala beim Publikum an, sie avancierte laut Filmarchiv "zum weiblichen Superstar des österreichischen Zwischenkriegskinos". Nach "Maskerade" übernahm sie eine Hauptrolle in Walter Reischs "Episode" sowie in einer Reihe weiterer Melodramen, die außerhalb des deutschsprachigen Raums vor allem in Frankreich Beachtung fanden. Als die Nationalsozialisten schließlich das Kommando über die Filmproduktion übernahmen, blieb "die Wessely".

Ihr Engagement in der NS-Filmproduktion, insbesondere in Gustav Ucickys schlimmen Propagandafilm "Heimkehr" (zu sehen am 22.1., 3.3. und 21.4.), warf einen langen Schatten auf ihre Karriere, begründete ein lebenslanges Trauma und irritiert bis heute. Erst in den 1980er Jahren begann eine kritische öffentliche Auseinandersetzung mit Wesselys Rolle im Dritten Reich, seit Maria Steiners Buch "Die verdrängten Jahre" (1996) galt "Heimkehr" als Fluchtpunkt der Wessely'schen Filmkarriere.

Wichtige TV-Arbeiten

Die Retrospektive vom Filmarchiv Austria soll nun eine Wahrnehmung des filmischen Gesamtwerks Wesselys im Kontext ermöglichen. Neben sämtlichen Kinospielfilmen, an denen sie als Schauspielerin oder Produzentin mitgewirkt hat, wird auch eine Auswahl wichtiger TV-Arbeiten gezeigt. Die Filmschau läuft über die eigentliche Kernretrospektive hinaus und begleitet in Zusatzprogrammen die Ausstellung "Die Rollen der Paula Wessely - Spiegel ihrer selbst", die bis 2. September im Österreichischen Theatermuseum zu sehen sein wird.

Zur Eröffnung der Retrospektive präsentiert das Filmarchiv Austria als erste Neuerscheinung des neues Jahres die Publikation "Im Wechselspiel. Paula Wessely und der Film", in der das facettenreiche und brüchige Filmleben der Schauspielerin nachgezeichnet wird. Gestützt auf neue Dokumente und der Auswertung des Nachlasses machen sich dabei namhafte Autoren an eine Neubewertung ihres Filmschaffens. (APA)

Retrospektive des Filmarchiv Austria mit Publikation: "Im Wechselspiel. Paula Wessely und der Film" (444 Seiten, Hg. Armin Loacker) für 19.90 Euro erhältlich

Ausstellung "Die Rollen der Paula Wessely - Spiegel ihrer selbst" ab 1. März im Österreichischen Theatermuseum
  • Paula Wesseley mit Adolf Wohlbrück in Willi Forsts "Maskerade" (1934)
    foto: filmarchiv

    Paula Wesseley mit Adolf Wohlbrück in Willi Forsts "Maskerade" (1934)

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