Gute Kräuter, schlechte Kräuter

8. Jänner 2007, 10:46
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Die Kräutertherapie ist eine wichtige Säule in der chinesischen Medizin - Qualitätskontrolle bei hochwirksamen Wurzeln, Blättern und Rinden lässt oft zu wünschen übrig

Es gibt nicht viele Experten für chinesische Arzneidrogenkunde. Erich Stöger, Importeur für chinesische Heilmittel in Salzburg, ist einer von ihnen. Seit Jahren bringt er "Chenpi" (Chinesische Mandarinenschalen), "Fuling" (Kokospilz) oder "Dilong" (getrocknete Regenwürmer) ins Land. Stöger geht mit leuchtendem Beispiel voran: Er hat das chinesische Arzneibuch ins Deutsche übersetzt und sich selbst Qualitätskriterien für seine Importe auferlegt. Denn obwohl TCM immer populärer wird, fehlen diese weit gehend von staatlicher Seite.

Grauzone

Stattdessen hat sich eine Art grauer Markt für chinesische Arzneimittel entwickelt, Stöger tut sich bei Schätzungen schwer. Was er genau sagen kann, ist, dass er heute ein bis zwei Container für seine kranke Kundschaft von Wien bis Bregenz braucht. Er schätzt, dass 30 bis 40 Prozent der Arzneimittel unkontrolliert ins Land kommen: "Ich höre immer wieder Schauermärchen von Heilmasseuren, die ganze Garagen voll mit Kräutern haben sollen."

Im Gesundheitsministerium weiß man um diesen wachsenden Graubereich seit Jahren und kennt die kritischen Stimmen, die vor unsachgemäßer Handhabung warnen. Zu den Gefahren zählen etwa Verunreinigungen, Verwechslungen oder Falschmedikationen. Bundesministerin Maria Rauch-Kallat habe deshalb einen Beirat etabliert, "damit Grundlagen für eine Regelung dieses Graubereiches geschaffen werden können", sagt Sprecher Jürgen Beilein. Allein: Diese Grundlagen werden seit Jahren gemütlich ausdiskutiert. Auch europaweit werden im Rahmen des Europäischen Arzneibuchs (EuAB) Monografien für chinesische Kräuter erstellt. All das sei aber erst im Aufbau, berichtet Beilein.

Reiner Wildwuchs

In der Zwischenzeit werden also Pulver, Pillen und Dekokte (gekochte Kräutermischungen) in Apotheken, übers Internet oder als Lebensmittel in Chinaläden verkauft, werden Rezepte von Masseuren, Ärzten und Therapeuten verschrieben oder wird selbst mit Anleitungen aus Büchern und Zeitungen experimentiert. Dass die "sanfte Medizin" aber toxisch wirken kann, ist den wenigsten bewusst.

Tod nach Anwendung

So kam es in Belgien und Großbritannien zu Fällen von Nierenversagen nach der Anwendung von chinesischen Arzneipflanzen, die in einigen Fällen sogar tödlich verliefen. Diese waren nach Erkenntnissen des Deutschen Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte insbesondere auf Bestandteile von Pflanzen der Gattung Aristolochia (Osterluzei) zurückzuführen. "Ein Fall von Verwechslung, der mikroskopisch sofort erkennbar gewesen wäre", meint Stöger.

Mit Horrormeldungen von weit überschrittenen Quecksilber- oder Arsenwerten kann der Pharmazeut wenig anfangen: "Viele Meldungen entstehen aus Unwissenheit. Denn in chinesischen Arzneimittelrezepturen mit Zinnober oder Arsensulfid sind diese hohen Gehalte durchaus aus der Rezeptur erklärbar, wenngleich solche Zusätze in Europa nicht tolerabel sind."

Spezialisten aufsuchen

Stephan Höbinger, der in seiner Apotheke in der Wiener Innenstadt chinesische Kräuter anbietet, kennt die Kunden mit den handgeschriebenen Zetteln: "Herumprobieren ist selten zielführend. Ich verweise dann immer auf spezialisierte TCM-Ärzte", meint er.

Das eigentlich Schwierige: Chinesische Kräuter haben eine große Bandbreite an Klassifizierungsmöglichkeiten. Mandarinenschalen, Chrysanthemenblüten, Ingwer oder Sternanis gelten als Lebensmittel, die meisten anderen als Arzneien und unterliegen dann denselben Kontrollen wie alle pflanzlichen Arzneidrogen. "In Österreich sind bis jetzt keine chinesischen Kräuterpräparate als traditionell pflanzliche Arzneimittel beziehungsweise als Arzneimittel registriert," lässt Beilein wissen.

Deshalb hält sich der auf den Großhandel mit asiatischen Heilkräutern spezialisierte Stöger lieber an die deutschen Kollegen. "Unsere Lohnhersteller in China werden von den deutschen Behörden überprüft. Dazu gehören Hygieneüberprüfungen, die Überprüfung der baulichen Gegebenheiten und Lagerbedingungen oder die Reinlichkeit und Qualifikation des Personals."

Zeichen für Qualität

Auch natürliche und künstliche Kontaminationen in den Pflanzen lässt Stöger checken: Dazu zählen Analysen bezüglich Aflatoxinen (Schimmelpilzgifte), die durch falsche Lagerung entstehen, mikrobakteriellen Verunreinigungen durch verschmutztes Wasser (Salmonellen der Kolibakterien) oder Pestiziden und Schwermetallen. Prinzipiell werden tierische Substanzen für eine TCM-Therapie hier zu Lande minimal eingesetzt. Am ehesten sind in Kräutermischungen Regenwürmer und Zikadenpanzer zu finden. Beide haben krampflösende Eigenschaft.

Um als Endverbraucher mit Sicherheit zu guten Kräutern aus dem Fernen Osten zu kommen, empfiehlt Importeur Stöger ein gezieltes Nachfragen nach Analysepapieren in der Apotheke. "Alle anderen Zulassungsverfahren für Fertigarzneimittel greifen nicht. Die einzige Art, legal Medikamente auf den Markt zu bringen, sind auf ärztlichen Verschreibungen beruhende Mischungen, die ausschließlich in Apotheken abgegeben werden müssen." (DER STANDARD, Printausgabe, Andrea Niemann, 8.1.2007)

  • Derzeit gibt es keine Garantie, dass chinesische Arzneimittel wie etwa die Ginseng-Wurzel (oben) unverdorben und unbelastet von Pestiziden nach Österreich kommen. Eine Qualitätskontrolle für chinesische Kräuter wäre wichtig.
    foto: erich stöger

    Derzeit gibt es keine Garantie, dass chinesische Arzneimittel wie etwa die Ginseng-Wurzel (oben) unverdorben und unbelastet von Pestiziden nach Österreich kommen. Eine Qualitätskontrolle für chinesische Kräuter wäre wichtig.

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