Ein musikalisches Fiasko an der Met

8. Jänner 2007, 00:03
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Die Uraufführung der Oper "The Last Emperor" von Oscar-Preisträger Tan Dun mit Placido Domingo in New York enttäuschte maßlos

Auch wenn die Inszenierung gelobt wurde.


Alle Zutaten für einen Bombenerfolg waren vorhanden: bei der spektakulären Weltpremiere einer chinesisch-amerikanischen Oper an der New Yorker Metropolitan Opera - mit Weltstar Placido Domingo, der zum ersten Mal eine speziell für ihn geschaffene Rolle an der Met gestaltete, mit Musik von Oscar-Preisträger Tan Dun (Crouching Tiger, Hidden Dragon), inszeniert von dem vielfach prämiierten Regisseur Zhang Yimou (Raise the Red Lantern), der bereits die Turandot in der Verbotenen Stadt von Peking ausgerichtet hatte, und der Oscar-Preisträgerin Emi Wada (Kurosawas Ran), die die bunten Kostüme schuf.

Alle Vorstellungen von kurz vor Weihnachten bis Ende Jänner waren schon lange vor der Premiere restlos ausverkauft. Das mag nicht nur auf Domingos Star-Power oder die Neugier der Met-Besucher auf eine moderne Oper, sondern auch auf das PR-Geschick des neuen Generalmanagers der Met, Peter Gelb, zurückzuführen sein. Gelb mag dabei wider besseres Wissen gehandelt haben, da es schon lange vor der Uraufführung Gerüchte gab, dass The Last Emperor Musikliebhaber letztlich nicht aus den Socken heben werde.

Zehn Jahre Planung

Der dynamische Gelb hatte die von seinem Vorgänger Joseph Volpe bereits zehn Jahre geplante Oper nolens volens übernommen und suchte noch in letzter Minute, das Beste daraus zu machen. Leider ohne viel Erfolg. Obwohl die meisten Kritiker zwar erwähnten, dass Gelb für das letztlich musikalische Fiasko nicht persönlich verantwortlich zu machen sei, verdammten sie jedoch die Oper selbst in Grund und Boden und gossen damit einen Wermutstropfen in das bis dahin randvolle Glas des neuen Managers.

Die Handlung der Oper dreht sich um den ersten Kaiser von China, Qin Shihuangdi (260-210 v. Chr.), dem Erbauer der Chinesischen Mauer, der um alles in der Welt eine verbindende chinesische Hymne komponiert haben will. Zu diesem Zweck erobert er jene Provinz, in der sein Komponistenfreund Gao Jianli beheimatet ist. Dieser weigert sich jedoch zunächst, die Hymne zu komponieren, da bei der Eroberung auch seine Mutter umgekommen ist. Um ihn zu überreden setzt der Kaiser seine gelähmte Tochter ein, diese verliebt sich in Gao Jianli, schläft mit ihm - und kann plötzlich wieder gehen.

Ein Klagegesang

Der Kaiser ist wütend, denn seine Tochter war bereits seinem wichtigsten General versprochen, mit der Folge, dass sowohl sie als auch ihr Liebhaber Selbstmord begehen - und die Hymne, die der Komponist hinterlassen hat, ist nichts anderes als der Klagegesang der Zwangsarbeiter, die die Chinesische Mauer erbauen mussten. Parallelen mit Mao Tse-tung sind offenbar von Tan Dun, der selbst während der Kulturrevolution Reis anpflanzen musste, beabsichtigt.

Für Anthony Tommasini, den Kritiker der New York Times, ist die Musik Tan Dun eine "enorme Enttäuschung": "Je mehr der First Emperor wie die Filmmusik für Crouching Tiger klingt, desto besser; je mehr sie wie eine neue Version von Turandot klingt, desto langweiliger wird sie."

Der Kritiker des Boston Globe, Jeremy Eichler, sieht in der Oper ein "unbehagliches Zusammentreffen von Puccini mit verschiedenen chinesischen Stilarten", und seinem Kollegen David Patrick Stearns vom Philadelphia Inquirer fällt dazu in erster Linie ein chinesischer Aphorismus ein: "Der Elefant gebiert eine Maus." Tim Smith von der New York Sun meint, die Oper sei zwar visuell spektakulär, "oft sogar gewinnend, aber nicht wirklich erfolgreich".

Alle Sänger, das Orchester (unter der Leitung von Tan Dun, der in Wien während der Festwochen 1998 gemeinsam mit Peter Sellars eine gekürzte Version des Peony Pavilion komponierte) und die Inszenierung selbst werden gelobt. Nur die Musik schien niemandem wirklich zu gefallen: Domingos erster Auftritt wird von einer Kombination von Schlagzeug und Sheng begleitet. "Ist das Musik?", fragt er. Die einflussreiche Kritikerin Manuela Hölterhoff von Bloomberg News zitiert diesen Satz und beantwortet ihn: "Was immer die Antwort ist, große Oper ist es nicht." (Susi Schneider aus New York / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.1.2007)

  • Visuell zwar spektakulär, musikalisch aber eine enorme Enttäuschung: "The First Emperor" von Tan Dun an der Met in New York.
    foto: metropolitan opera/ken howard

    Visuell zwar spektakulär, musikalisch aber eine enorme Enttäuschung: "The First Emperor" von Tan Dun an der Met in New York.

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