Eine "Wirtschaft" für alle

28. Februar 2007, 12:06
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Als er miterleben musste, wie in seiner Firma "die 50-Jährigen hinausgebissen wurden und Mitdenken nicht mehr gefragt war", beschloss ein Anlagenbauer, Wirt zu werden

Bregenz - Wo früher die Kessel für die Wollspinnerei gefeuert wurden, trifft sich heute ganz Bregenz: im Kesselhaus. Das "Vorstadt-Beisl" ist hip. "In-Lokal" - diese Bezeichnungen mag er gar nicht hören, der Dietmar Schönberger, Wirt und Seele des Hauses. Sein Lokal soll ganz einfach eine "Wirtschaft" sein, so nennt man in Vorarlberg ein Gasthaus.

Ein Gasthaus als "Ort der Begegnung, als Spiegel der Gesellschaft" hatte der 38-Jährige im Kopf, als er im Februar 2004 nach einem Lokal im generalsanierten Fabriksareal fragte. "Das wird nichts, den ersten Winter überstehst du nicht", wiesen ihn Bekannte schon allein auf die Heizkosten hin. "Recht klein bin ich mir vorgekommen in der 7,5 Meter hohen Halle", schmunzelt er im Rückblick.

Dietmar Schönberger hatte vor der Eröffnung des eigenen Lokals allerdings "keine fünf Minuten in der Gastronomie gearbeitet". Der Anlagenbauer und Maschinenprüfer entschied sich für die Selbstständigkeit, "weil das soziale Klima immer rauer wurde".

Starthilfe vom AMS

Als er miterlebte, wie von seinem langjährigen Arbeitgeber, einem Schweizer Mittelbetrieb, "die 50-Jährigen hinausgebissen wurden, Mitdenken nicht mehr gefragt und nur noch schneller Profit wichtig war", stand für ihn fest: "Ich will selber Unternehmer werden."

Starthilfe bekam er über das Unternehmensgründungsprogramm des Arbeitsmarktservice (AMS). Beim AMS gezielt nachgefragt, war der Weg zur "Merlin Unternehmensberatung", die für das AMS das Gründungsprogramm betreut, geebnet. "Ohne klare Vorstellungen und den Tipp eines Freundes hätte ich mir jedoch schwer getan", kritisiert Schönberger die gängige AMS-Beratung. "Durch die alphabetische Zuteilung muss jeder durch den Allesvermittlungs-Brei." Bei Merlin stieß er aber auf Berater mit eigener Gastronomieerfahrung. Während der einjährigen Arbeitslosigkeit erlernte Schönberger nicht nur Computerprogramme, er konnte auch die Konzessionsprüfung machen.

Sein Fazit: Gute Hilfe durch das UGP, wenig Information und Unterstützung durch die Interessenvertretung: "Informationen über Förderungen zu bekommen ist mühsam. Eigentlich kennt sich keiner aus." Trotzdem: Schönberger beschäftigt heute bereits zehn Angestellte, darunter zwei Lehrlinge. (Jutta Berger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.1.2007)

  • Mit klaren Ideen zum Szene-Wirt im Ländle: Dietmar Schönberger.
    foto: standard/grass

    Mit klaren Ideen zum Szene-Wirt im Ländle: Dietmar Schönberger.

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