"Englisch ist immer mehr in den Vordergrund gerückt"

10. Jänner 2007, 08:00
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Der ehemalige Freiheitskämpfer Neville Alexander im Interview zur Bildungskrise in Südafrika: Mehr Unterricht in Muttersprachen erforderlich

Afrika verfügt über einen großen Reichtum an Sprachen. In Südafrika werden aktuell 26 Sprachen gesprochen, elf davon sind offiziell als Amtssprachen anerkannt. Diese Situation stellt das Bildungssystem vor eine große Herausforderung. Muttersprachlicher Unterricht ist der Schlüssel zum Schulerfolg, erklärt der südafrikanische Freiheitskämpfer, Bildungspolitiker und Literaturwissenschaftler Neville Alexander im Interview mit der aktuellen Ausgabe des Afrika Magazins INDABA. derStandard.at/Politik bringt Auszüge daraus.

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Wie wird in Südafrika mit seinen elf Amtssprachen die sprachliche Vielfalt in das Bildungssystem integriert?

Da muss man erst einmal in der Vergangenheit anfangen, bei der Erbschaft der Apartheid und vor allen Dingen bei der so genannten Bantu Education. Hier wurde die Muttersprache ganz gezielt dafür genutzt, ein minderwertiges Curriculum für schwarze Schülerinnen und Schüler zu schaffen. Dadurch hat sich eine Einstellung unter schwarzen Menschen verbreitet, dass muttersprachlicher Unterricht eigentlich Unterricht zur Sklaverei sei. Dagegen kämpfen wir schon seit 1980, als wir anfingen, uns mit diesen Fragen intensiv zu beschäftigen. Grund war, dass die Durchfallquote beim Abitur in Südafrika und aber auch an den Universitäten sehr hoch war.

Also bei Leuten, die weder Englisch noch Afrikaans als Muttersprache hatten, waren die Durchfallquoten höher?

Nicht nur. Auch bei afrikaanssprachigen Schülern und bei so genannten Coloureds, die kein Standard-Afrikaans können. Wir wollen diese Erbschaft der Apartheid überwinden und den Leuten zeigen, dass muttersprachlicher Unterricht ein Universalprinzip ist, das überall auf der Welt genützt wird. Und dass es auch in Südafrika, vor allen Dingen bei indischen und afrikaanssprachen Menschen, mit großem Erfolg genützt wird.

Seit 1994 ist klar, dass die Situation in den Schulen noch schlimmer geworden ist. Besonders unter der schwarzen Bevölkerung meint jeder, Kinder sollten baldmöglichst englischsprachigen Unterricht erhalten: dass ihre Kinder also mit Englisch als Unterrichtssprache in der Schule unterrichtet werden sollten und nicht in der Muttersprache.

In Wirklichkeit sieht es so aus, dass in den meisten Schulen für Schwarze – das demographische Verhältnis hat sich ja nicht geändert, deshalb gibt es immer noch Schulen, die nur für Schwarze sind - drei Jahre lang muttersprachlicher Unterricht durchgeführt wird. Im vierten Jahr soll dann zum englischen Unterricht übergegangen werden. Aber die meisten Kinder verstehen kein Englisch und können deshalb nur in der Muttersprache unterrichtet werden.

Wie funktioniert das in den Städten mit großer Vielfalt?

Die meisten Schulen haben mindestens zwei, die meisten drei Sprachen, besonders in den Großstädten. Da entscheidet jede Schule für sich. Der "School Government Body" hat das Recht zu entscheiden, welche Sprachen in der Schule benutzt werden. In den meisten Fällen wählen die Eltern, dass die Kinder auf Englisch Unterricht bekommen sollen. Was dann so aussieht, dass die Kinder zwar in der Muttersprache unterrichtet werden, aber viel zwischen Englisch und der Muttersprache gewechselt wird. Doch die Kinder müssen ihre Arbeiten auf Englisch schreiben. Das ist eine Katastrophe, weil sie tatsächlich weder Englisch noch ihre Muttersprache gut können. Und das ist mit einer der Gründe, warum das Bildungssystem in Südafrika auch heute noch ein so großer Misserfolg ist.

Beim Abitur fallen jedes Jahr durchschnittlich 50 Prozent durch. Und von denjenigen, die das Examen tatsächlich bestehen – abgesehen davon dass der Standard, die Qualität, ganz mickrig geworden ist – hat wiederum die Hälfte, also ein Viertel des Jahrgangs, nicht genügend Englischkenntnisse, um eine Arbeitsstelle zu bekommen. Da muss der Privatsektor noch investieren, um die Abiturienten sozusagen arbeitsfähig zu machen.

Um zusammenzufassen: Es wird die Muttersprache nicht intensiv genug gelehrt, und gleichzeitig wird zu früh mit Englisch begonnen und dieses noch dazu nicht ausreichend vermittelt. Gleichzeitig wird aber auf Englisch unterrichtet, so dass die Schüler dem Stoff nicht folgen können.

Ja, besonders in Fächern wie Mathematik, Naturwissenschaften usw. ist das eklatant. Die meisten afrikanisch sprechenden Kinder nehmen zwar ihre Muttersprache als Fach, können aber dieser Sprache nicht genügen und sehen auch nicht ein, wozu diese Sprache nützt, weil es keine Arbeitsplätze gibt, wo sie diese verwenden können. Das ändert sich jetzt zwar, gerade wegen der Evaluierungen, die in den vergangenen drei Jahren gemacht worden sind: In den Klassen 3 und 6, den Benchmark-Klassen, ist der Regierung klar geworden, dass die Unterrichtssprache ein wichtiger Faktor für den Erfolg oder Misserfolg des Systems ist.

Aus diesem Grund ist auch offiziell eine positive Einstellung dem muttersprachlichen Unterricht gegenüber entstanden. Auch bei Eltern wird sich das allmählich ändern, sie werden allmählich akzeptieren, dass ihre Kinder, indem sie muttersprachlichen Unterricht bekommen, auch Englisch besser lernen werden – weil die zweite Sprache dazu immer Englisch sein wird. Zurzeit sehen die meisten Leute nur: Wenn mein Kind kein Englisch kann, dann wird es auch keine Arbeitsstelle bekommen.

Haben afrikanische Sprachen keine Chancen mehr?

Ich glaube, es wird erst noch schlimmer werden müssen, um besser zu werden. Das heißt, es ist wichtig, daß den afrikanischen Sprachen "Marktwert" gegeben wird.

Aber es tut sich was z. B. bei den Filmen: Yesterday ist auf isiZulu und Tsotsi war auch großteils in isiZulu.

Ja, und ukhama Kayelitsha war in Xhosa - die Oper, die auch bei der Berlinale einen Preis bekommen hat. Dieser höhere “Marktwert” der afrikanischen Sprachen ist die nächste Etappe, die wir realisieren sollen.

Hat Afrikaans seine Sonderstellung verloren und ist Englisch nun lingua franca?

Englisch ist nur für die Mittelschicht die lingua franca, für die Mehrheit der Bevölkerung überhaupt nicht. IsiZulu ist die Sprache, die am weitesten in Südafrika verstanden und gesprochen wird. Weil Englisch immer in den Vordergrund gerückt wird, glaubt man, es sei die lingua franca in Südafrika, das stimmt aber nicht. In Kapstadt wird man im formalen Sektor hauptsächlich Englisch reden, aber sobald man in die Wohngebiete geht, hört man entweder Afrikaans oder Xhosa.

Die großen Banken haben jetzt angefangen, ihre Automaten auf sechs Sprachen zu programmieren. Mit viel Erfolg. Auch besteht zurzeit eine ganz wichtige Bewegung unter afrikaanssprachigen Menschen in Südafrika, den Status des Afrikaans beizubehalten und sogar auszubauen. Das ist eine große Herausforderung für die Regierung, die da zum Teil aus der Defensive heraus jetzt auch die anderen afrikanischen Sprachen fördern muss, damit Afrikaans nicht wieder als Sonderfall behandelt wird.

(Der Volltext des Interviews erscheint in der aktuellen Ausgabe von "Indaba".)

Mit Neville Alexander sprach Philipp Weingartshofer.

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PRAESA - Project for the Study of Alternative Education in South Africa

  • Das SADOCC- Magazin für das südliche Afrika. Viermal jährlich berichten Journalisten und Fachleute aus Österreich, Europa und dem Südlichen Afrika über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Südlichen Afrika.
    foto: sadocc

    Das SADOCC- Magazin für das südliche Afrika. Viermal jährlich berichten Journalisten und Fachleute aus Österreich, Europa und dem Südlichen Afrika über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Südlichen Afrika.

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    Zur Person
    Dr. Neville Edward Alexander wurde 1936 in Cradock, Eastern Cape geboren. Nach seinem Studium an der University of Cape Town, u. a. bei dem österreichischen Germanisten Karl Tober, erhielt er 1958 den Master in Germanistik, 1961 promoviert er an der Universität Tübingen mit einem Werk über Gerhard Hauptmann. Aufgrund seiner Aktivitäten im politischen Widerstand gegen die Apartheidpolitik war Neville Alexander 1964 bis 1974 in Robben Island inhaftiert. Heute arbeitet der Sprach- und Literaturwissenschaftler in Forschungseinrichtungen zur Reform des südafrikanischen Bildungssystems.

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    16. Juni 2006, 30. Jahrestag des Soweto-Aufstandes 1976 in einem südwestlichen Stadtteil von Johannesburg. Dort protestierten über 20.000 Schülerinnen und Schüler gegen Unterricht in Afrikaans, der Sprache der burischen Herrschaftsschicht. Die Polizei schlug den Aufstand blutig nieder: Nach ihren Angaben starben bei den Auseinandersetzungen 575 Menschen, die Gegenseite spricht von weit höheren Opferzahlen. Die Unruhen griffen auf andere Townships in Südafrika über und dauerten bis 1978 an. Darüber hinaus kam es zu Streiks und zu internationalen Protesten.

    Als "Tag der Jugend" ist der 16. Juni nun ein Nationalfeiertag.

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    Schulkinder aus Soweto besuchen in Johannesburg eine Ausstellung der University of the Witwatersrand.

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